Mit seinem jüngsten Album ”The Chocolate Wheelchair” reicht Venetian Snares den IDM-Lahmen die Hand, um sie ins Leere greifen zu lassen. ”My album is called Stupid Chocolate Wheelchair. Don't let anyone tell you otherwise. Like a chocolate wheelchair is supposed to be some IDM nerd shit? It's stupid by nature ... STUPID CHOCOLATE WHEELCHAIR", sagt der Jesus-Impersonator aus Winnipeg. Soviel zum Album.
Text: Gerd Ribbeck aus De:Bug 78

Jesus gegen IDM
Venetian Snares

Venetian Snares hat nicht nur den besseren Namen als Donna Summer oder Duran Duran, sondern ist auch mit ihnen befreundet. Wer dabei an ”Wenn die Gondeln Trauer tragen“ denkt, kann wohl grad nicht anders und liegt eventuell damit gar nicht mal so verkehrt, wenn es um den gewissen Spin der Verrücktheit geht. Gebürtig heißt er Aaron Funk, doch wahrscheinlich war ihm dieser Name zu festgelegt, da er ihn ja schlecht aussuchen konnte bei seiner Geburt. Als Kind hat er sich gern Dinge ins Ohr gesteckt, tief rein, weil er sie hören wollte, wie er dem Arzt sagte. Funk lebt in Winnipeg, Kanada, und gehört hier und heute allein schon deshalb zu den besseren Menschen, was in seinem Fall unbedingt stimmt, fragte man seine Fans. Die ihrerseits stellen ihrem bis zur Unkenntlichkeit verehrten ”Snares“ regelmäßig Fragen im Internet, z.B. ”Jesus. Do you just shit albums?“ Das mit Jesus erklärt sich vielleicht, weil Aaron Funk sehr lange Haare trägt und auch manchmal einen Bart, sodass er leichtsinnig mit Jesus verwechselt werden könnte, zumal er von seinen Fans jüngerhaft verehrt wird. Dabei sieht doch sein Style eher stark nach Heavy Metal aus. Man muss schon ziemlich blind oder sehr jung sein, wie der 17-jährige Fan aus Berlin, der sich den Nick ”Venetian Snares“ beim SMS-Flirting-Service uboot.com gesichert hat, um beides zu verwechseln, zumal es kein Geheimnis ist, dass Funk auf Metal steht, so wie Slayer, Doormouse, Morricone, Apocalyptica, Möetley Crüe und Danzig. Doch der zweite Teil der Frage ist gar nicht mal so dumm, denn Venetian Snares, keine vier Jahre im Musikgeschäft, hat in seinem 28-jährigen Leben nicht ein Demo verschickt, dafür aber mal locker zwanzig Veröffentlichungen rausgepupt, davon die Hälfte Alben, Compilations nicht eingerechnet. Dabei gibt es nur Gewinner. Funk, weil er von seiner Musik leben kann, die Fans, weil sie eine Sammlung anlegen können, und die Plattenfirmen Planet µ aus England – laut Labelboss Mike Paradinas verkauft sich ein V.S. Release rund 3.000 mal – und Hymen aus Deutschland, weil sie Warp und Rephlex die lange Nase zeigen dürfen. Denn die müssen leer ausgehen; trotz wiederholter Baggerei und Kumpanei sieht Funk keine Notwendigkeit, seine Schrottpressen zu wechseln. Wer sich übrigens bei Venetian Snares beliebt machen möchte, der vergleicht ihn mit Aphex Twin (er bezeichnet V.S. als ”wirklich obskur“) und Squarepusher, am besten in einer leicht vorwurfsvollen und ”Plagiat“ brüllenden Milchmädchenrechnung wie ”Aphex Twin + Squarepusher = Venetian Snares“.
So charmant die Vorstellung auch ist, dass Venetian Snares nichts weiter als die Analgeburt einer unzüchtigen Orgie unter Göttern sein sollte, die Wahrheit steht wie immer im Netz. Da schreibt der Snares: ”Yaaahhhh boy, that’s why AFX asks me 10 times to put out tunes on Rephlex. I don’t give a shit if I sound like them or not to you, that’s like saying Neil Young sounds like Willie Nelson or some shit or Bad Company sounds like Ed Rush or Hellfish sounds like Neophyte (HAHA!!) I got nothing to prove to you consumer boy, and just for that I’m not gonna tell you how to make your SH-1000 a million times more versatile.“
Right on, Mr. Snares! Eigentlich noch viel zu nett, denn spätestens seit dem Albumtitel ”Higgins Ultra Low Track Glue Funk Hits 1972-2006“ sollte der ebenso formvollendete wie überkandidelte Knicks verstanden und das Kapitel kapiert sein. Im Grunde ist es voll gemein und total dämlich, den Snares so zu reizen.

Sex statt Szeneschwulitäten

Denn Kleinkrämerei, Genrefetisch und Szeneschwulitäten haben in seiner Musik nichts zu suchen. Nicht dass Funk nicht intolerant wäre, im Gegenteil, er hasst beispielsweise kategorisch Katzenhasser, aber er sampelt eben nur das, was ihm gefällt. Sex mit seiner Freundin zum Beispiel, damals Rachael Kozak alias Hecate von New Yorks Zhark Recordings, mit der Venetian Snares 2002 auf Tour war. Unterwegs haben sie ihren Dreiloch-Sex sowie Schlüpfrigkeiten à la “microphone insertion“ aufgenommen und daraus den Hymen-Release ”Nymphomatriarch“ gefummelt. Allein das Gerücht über diese Platte beflügelte die Medien noch vor Veröffentlichung zu geiferndem Interesse – Jay Leno witzelte über den Verrückten aus Winnipeg, der Playboy berichtete so, als würde Venetian Snares regelmäßig in den Musikempfehlungen auftauchen, in Süd-Afrika war es der größten Zeitung ”The Sunday Times“ einen Beitrag wert und in Deutschland nahm sich stilecht die ”Coupé“ des Themas an. Dabei ging es Funk und seiner Freundin sicher nicht um Medienaufmerksamkeit, dazu ist seine gesunde Fuck(off)-Haltung viel zu offensichtlich, sondern um nichts anderes als die sprichwörtliche Befriedigung der eigenen Lust am Produzieren, denn als aurale Peepshow taugt die Platte allenfalls für autistisch abstrakt begabte Hörer. Für Venetian Snares zählt allein der Gedanke, der in aller Pünktlichkeit schnell als Train of Thought aberwitzige Geschwindigkeiten erreichen kann und von Ambient bis Stadiongabber keine Station auslässt. Venetian Snares ist der Viewtiful Joe unter den Musikern, dessen Heldenkräfte darin bestehen, Zeitlupe, Mach-Speed und Zoom-Effekte so zu kombinieren, dass wirklich alle auf die Schnauze kriegen, den Controller fest im Griff. ”Genetically enhanced hyper-speed jazzcore, in inhuman time signatures“, so hat Funk einmal seine Musik beschrieben. Zeit spielt eine Rolle, Zufall nicht. Seine Tracks sind bis ins kleinste Detail programmiert, wie ein Versuch, Gedankenstürme, die in Bruchteilen einer Sekunde hereinbrechen, in Spuren zu bannen. Vielleicht schleicht sich seine Musik in wohlkoordinierter synaptischer Mathematik ins Unterbewusstsein ein und macht diejenigen zu Fans, die sich dessen bewusst werden, den Gedanken mögen und sich damit wohlfühlen. Für Kranke hat der Snares kein Verständnis, erst recht nicht für diejenigen, die unter IDM Disease leiden und ihn im Sample-Referenz-Spotting-Wahn des Klauens bezichtigen.
“I’m sure that road from the ear to the mind takes many different turns for everyone. I don’t know why I bother even replying to this. Why do I even bother releasing music anymore? I can tell you I’m really sick of being even a passing thought in the minds of people I really don’t respect because this ‘IDM’ scene or whatever the fuck it is treats music like a pissing contest. I don’t want to be a part of that. I’m not Star Trek and I’m not pandering to fanatical imbeciles that are too gimped up to have ever kicked around a soccer ball. Why is it so fucking important what I do? Why isn’t it more important what you do? I know I don’t give a fuck what you do, if your records were on amazon.com I wouldn’t put them in my shopping cart. Wanna know why? Cuz I don’t give a fuck about you.“

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Elektronische Lebensaspekte.