Neue Wirtschaft und neues Highlife made in China. Zwei Bücher geben Einblick in die chinesische Version einer Lost Generation zwischen Börsenabsturz und Drogenabsturz. Wir reißen uns um die Reißer.
Text: Andreas Krüger aus De:Bug 44

Zwei neue Bücher über das junge China

Pünktlich zum Jahreswechsel erließ die chinesische Regierung neue Vorschriften, die die Kontrolle des Internet weiter verschärfen sollen – im wesentlichen sind dies Durchführungsbestimmungen zu den Gesetzen vom Oktober letzten Jahres (siehe De:Bug 12/2000). Ob dies an der tatsächlichen Lage der chinesischen “Netzmenschen” etwas ändern wird, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlich ist, dass diese Vorschriften vor allem dafür sorgen sollen, dass der Bewegungsspielraum der auch bislang am stärksten überwachten Gruppen wie etwa die Falun Gong-Sekte und die oft nicht weniger märtyrerhaft agierenden politischen Dissidenten in der virtuellen Welt genauso klein bleibt wie in der “realen”. Es ist dabei wenig überraschend, dass die Träger dieser Bewegungen vor allem aus der sogenannten verlorenen Generation stammen (ja, auch in China gibt es – mindestens – eine), also derjenigen, die durch die Kulturrevolution um ihre “besten Jahre” gebracht worden ist. Die Nachgeborenen erleben hingegen, wie sich der Spielraum für die Lebensplanung des Einzelnen langsam zu vergrößern scheint und versuchen, diese Chancen zu nutzen. Wie bei den Kindern Seattles reicht die Bandbreite der Lebensentwürfe dabei von Drogentod bis Dotcomfieber. Über das Lebensgefühl dieser Generation geben zwei aktuelle Bücher Auskunft, von denen eines sogar auf deutsch vorliegt.

Sex & Drugs & Gesamtkunstwerk

In “Lalala” beschreibt Mian Mian ihren Lebensweg als Nachtclubsängerin und Groupie chinesischer Rockmusiker und Künstler. Es liegt nahe (und ist auch nicht unbeabsichtigt) Romanrolle und tatsächliches Leben von Mian Mian zu verwechseln. Doch so wie Mian Mian (“Baumwolle”) nur ein Künstlername Wang Shens ist, so ist diese im wirklichen Leben zwar durchaus ein Fixstern des Shanghaier Nachtlebens, doch zugleich eine diszipliniert arbeitende und genau beobachtende Autorin, die mit 15 anfing zu schreiben und deren Kurzgeschichten u.a. in der angesehenen (und staatlich überwachten) Literaturzeitschrift Xiaoshou Jie veröffentlicht wurden.
Das “Rollenspiel” wird allerdings durchaus mit dem Einsatz der ganzen Person gespielt, und die geschilderten Drogenerfahrungen sind keineswegs nur literarische Phantasien. Die Sammlung von Erzählungen, aus denen “Lalala” besteht, kann als logisch aufgebauter Entwicklungsroman im Sinne Salingers gelesen werden. Mit den Worten: “Ich suche eine Art zu schreiben und dabei möglichst nah an meinem Körper zu sein.”, umschreibt die Icherzählerin in einer der ersten Stationen ihr Ziel. Und es ist kein Zufall, dass sie sich zu dieser Zeit mit authentizistischen Rockmusikern umgibt (und auch in der chinesischen Aktionskunst jener Tage sind extreme Körperexperimente en vogue).
Hundert Seiten später ist die Mian Mian bereits zu einer wesentlich reflektierteren (aber nicht unbedingt glücklicheren) Medienkünstlerin herangereift. Selbst die Momente des “Aus-der-Rolle-Fallens” werden noch in das Gesamtkunstwerk “Mian Mian” integriert). Auch die Liaison mit einem von Chinas führenden Medienkünstlern ist einschließlich der sich von dem Sexverständnis der ersten Stationen deutlich unterscheidenden Erotik Teil der Inszenierung, ebenso wie der wohlkalkulierte Skandal, den das Buch in China hervorrief, Einschreiten der Zensur und internationale Publicity inklusive.
Dies soll allerdings keineswegs die Risiken, denen sich Mian Mian verschrieben hat, verniedlichen. Die politischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Schwierigkeiten, mit denen die künstlerische Avantgarde Chinas gelernt hat zu “spielen”, sind gleichwohl sehr real. Ebenso unabweisbar ist die Gefahr, die künstlerische Kontrolle über das Rollenspiel zu verlieren und den selbst veranstalteten Medienzirkus für die ganze Wahrheit zu nehmen (Nicht umsonst tauchen Zitate des auch daran gescheiterten Jim Morrissons auf).

Die Akzeptanz chinesischer Literatur außerhalb Chinas leidet stark darunter, dass die bildhafte chinesische Sprache in der Übersetzung schnell kitschig erscheint. Und auch “Lalala” entgeht dieser Falle nicht immer. Dennoch bleibt der Roman ein spannendes Experiment, das inzwischen sogar seine (noch nicht in Übersetzung vorliegenden) Nachfolge-Romane (z.B. Zhou Weihuis “Shanghai Baby”) gefunden hat.

A Description of how even the best laid Plans can go horribly wrong

Existenzgründer, denen das Betreiben eines dotcoms in den USA oder Europa zu banal war, konnten in den letzten Jahren eine wirkliche Herausforderung in der Gründung einer ebensolchen Firma in China finden. Zu den üblichen Thrills des neuen Marktes kamen die üblichen Thrills der chinesischen Wirtschaft: Einem theoretisch nahezu unbegrenzten Markt stehen die real unbegrenzten Schwierigkeiten entgegen, sich in einem rasch verändernden komplexen Geflecht von Politik, Geschäft und Gewalt zurechtzufinden.

Graham Earnshaw, der als Reuters-Korrespondent u.a. in Hongkong, Peking und Tokio unterwegs war, bevor er sich in Shanghai niederließ, hat mit einigen Freunden ein wunderbar komisches und spannendes Buch mit dem Titel “Life and death of a dotcom in China” herausgebracht. In einem Stil, der sich gleichermaßen über die Pseudophilosophie von Managerbüchern wie über die Stilblüten diverser Cyberspace-Autoren lustig macht, erzählen Earnshaw & Co. die tragikomische Geschichte einer fiktiven Firma, “MaoPortal.com”, die via Internet Memorabilia des großen Steuermanns verscherbeln soll. Wem die Hindernisse, die sich die Firmengründer, ihre Mitarbeiter, die Konkurrenz, die VC-Finanziers, die Rechtsanwälte und die Volksarmee gegenseitig in den Weg werfen, zuweilen zu absurd erscheinen mögen, dem sei versichert: Die Realität bleibt hinter der Fiktion nicht zurück. Unterhaltsames und lehrreiches Flughafenfutter für alle Leser von Wired oder brand.eins.

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Elektronische Lebensaspekte.