Das Gute kommt von oben
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 170

City flying

Handtaschenräuber! Handtaschenräuber!
Überall, überall Handtaschenräuber!
Da hilft nur noch Hubschraubereinsatz!

Scheinasylanten! Scheinasylanten!
Überall, überall Scheinasylanten!
Da hilft nur noch Hubschraubereinsatz!
Foyer des Arts, Hubschraubereinsatz (1982)

Quadcopter sind der Nerds beste Freunde. Die Begeisterung für diese fliegenden Vierbeiner ist so groß, dass sogar Katzen, die wichtigsten Internet-Ikonen, für einen Jungfernflug mal eben unter die Rotoren geschraubt werden. Hackdays für die kleinen Flieger sind ebenso selbstverständlich geworden, wie Game-Ligen. Die Devise ist: Ab mit der Drohne ins Land der Zukunft. Und dann? Zwei Projekte zeigen, wie die Vision vom Robot-Kurierdienst im Internet der Dinge schon sehr bald wahr werden und uns bald der Himmel auf den Kopf fallen könnte.

Ich erinnere mich immer noch viel zu gut an diese BP-Werbung – Schande über mein Hirn! Putzige Comic-Familie im Auto, an der Tankstelle vorbeigefahren, kleine Hubschrauber bringen Snacks zum Seitenfenster und tanken nebenher noch auf, ohne dass man auch nur ein Mal anhalten müsste. Familie glücklich. Weekend in der Zwangsoptimistenversion und Zukunftsvision einer Welt, in der Autos schon unbemannt auf die Straßen dürfen? Eigentlich ist das längst Realität, denn Konzepte wie Matternet und Dronenet machen sich daran, das eher als eines von vielen Features eines Internets der Quadcopter erscheinen zu lassen. Denn in letzter Zeit häufen sich Ideen, die Quadcopter, also die vom Smartphone gesteuerten Mini-Hubschrauber, jenseits von Spielen oder Überwachung nicht nur für nützliche Zwecke einzusetzen, sondern zur Basis einer Revolution, einer Disruption zu machen. John Robb, unter anderem Autor eines Buches über Terrorismus und das Ende der Globalisierung, hat vorgeschlagen, ein Internet der Dinge mit den Quadcoptern aufzusetzen und die Grundlagen dafür bereits erarbeitet. Er nennt das Projekt Dronenet. Matternet, ein Start-up aus Palo Alto, hatte etwas Ähnliches schon letztes Jahr als geschlossenes Netzwerk vorgeschlagen. Dinge automatisch mit Flugdrohnen von einem Ort zum anderen zu transportieren, klingt nur für denjenigen nach Science-Fiction, der sich die Quadcopter-Szene nicht genauer angesehen hat.

Rural Clinic

Milchauffüllen im 21. Jahrhundert

Was genau müssen wir uns unter einem solchen Internet der Dinge vorstellen, und was war überhaupt noch Mal ein Internet der Dinge? Ganz allgemein gesagt, ist es eine Idee des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Es geht dabei darum, nicht nur menschliche Akteure, sondern zuvor “passive” Objekte und deren Informationen ins große weite Netz einzugliedern. Im Internet der Dinge ist der Kühlschrank ein aktiver Netzteilnehmer, der einen im Supermarkt noch daran erinnert, Milch zu kaufen. Angewandt auf Wirtschaftsunternehmen sprechen wir von Logistiksystemen, die “ein Bewusstsein” über ihren Lagerstand haben und sich selbst organisieren. Jede eingelagerte Ware ist zugleich auch ein Sensor ihrer selbst und ihres Nebenan im Warehouse. Das Lager weiß von selbst, wo was in welchen Mengen gerade rumliegt – und lässt einen das auch ständig wissen. Blumen mit eigener SIM-Karte, die einen auf Facebook nerven, wenn man vergessen hat sie zu gießen – all das gibt es längst, hat aber den Sprung zur Massentechnologie nie geschafft. Das Konzept des Dronenet geht noch einen Schritt weiter. Denn hier bleiben die Dinge nicht stille Funker an ihrem Platz, sondern sollen über den Luftweg – wie Informationen im Internet – an ihre Zielorte verteilt werden. Konkret: eine Paketzustellung von Haus zu Haus, solange es einen Landeplatz für Quadcopter gibt.Hier treffen ein paar Technologien zusammen, die dieses SciFi-Konzept plötzlich machbar erscheinen lassen. Zunächst mal: Quadcopter. Die sind nicht nur erstaunlich stabil im Flug, sondern längst in den Händen der Konsumenten und Hacker. Die Drohnen sind obendrein erschwinglich und keinesfalls nur ein Hobby einsamer, Natur-liebender Amateuerflieger und Hobby-Techno-Ornithologen. Auf den ersten Hacker-Kongressen, die ganz diesen kleinen fliegenden Kisten gewidmet waren, wurden schnell Erweiterungen wie eine Gesichtserkennung zusammengeschraubt, die dem Quadcopter ermöglicht, seinem Herrchen hinterher zu fliegen. Natürlich geht die Drohnenforschung vor allem im Militär rasant voran und entlässt altgediente Minen-schnuppernde Navy-Delfine und -Seelöwen bereits in die Arbeitslosigkeit. Aber einen technischen Quantensprung bräuchte es für ein Dronenet gar nicht mehr. Die mittlerweile praktisch flächendeckende Versorgung mit mobilen Netzen, die obendrein schnell genug sind, um auch komplexere Daten wie Videos von jedem Ort aus zu übertragen, stellt eine sichere Datenbasis im Luftraum zu Verfügung. Funklöcher lassen sich immer noch via GPS und Software überbrücken. Die Navigation selbst einer Unzahl von Drohnen über unseren Köpfen wäre da eigentlich nur ein Klacks. In bestehenden Warenwirtschaftssysteme wurden in den letzten Jahren schon viele Dinge automatisiert von einem Ort zum anderen gebracht, ohne dass wir das auch nur wahrgenommen hätten. Und es gibt auch erste Roboter in Bibliotheken, die all das wieder in Ordnung bringen, was wir zerlesen haben. Eigentlich sind alle Technologien, die man für ein solches Dronenet bräuchte, schon da. Was fehlt, ist ein Haufen Programme und standardisierte Protokolle.

Netzwerk der Drohnen

Matternet ist als Konzept bei “Solve for X” entstanden, einem Diskussionsforum für futuristische Ideen von Google. Eine Art Thinktank, der die großen Probleme der Welt mit revolutionären, praktischen aber vor allem auch umsetzbaren Ideen lösen will. Es handelt sich eigentlich um eine humanitäre Idee, die davon ausgeht, dass viele Leute vom Warenfluss, also nicht zuletzt auch Medikamenten und ähnlich wichtigen Dingen, immer noch völlig ausgeschlossen sind, obwohl sie mittlerweile über Handys mehr Kommunikationstechnologie haben, als man sich jemals erträumt hätte. Dort soll das Matternet-Konzept ansetzen und lebensnotwendige Dinge per Copter von Ort zu Ort bringen. Damit wären die Transportwege endlich auf einem Stand, den das Internet längst ermöglicht. Aus einem Test in Gebieten mit schwach ausgeprägter Infrastruktur soll dann ein globales Netzwerk erwachsen, das sich wie das Internet selbst verhält. Die Tatsache, dass Google hier irgendwie im Hintergrund mitwerkelt – und deren humanitäre Bereitschaft ja durchaus bekannt (je nach Blickwinkel auch berüchtigt) ist – lässt das auf seine Weise machbar erscheinen.Dronenet dagegen zieht das Ganze eher von der Hackerseite auf. John Robb sieht ein Netzwerk von Drohnen unternehmungslustiger Coder wie von alleine entstehen – einfach weil sich Hacker gerne Dinge zuschicken. Für die ist das ähnlich unkompliziert, wie das Halten von Brieftauben oder eine Dosentelefon-Wäscheleine zwischen zwei Balkons. Und wie früher die kleinen Internet Service Providerm, könnten sich kleine Drohnen-Paketdienste etablieren, die dem Ganzen nicht nur nach und nach eine ernstzunehmende wirtschaftliche Komponente verleiht, sondern die in weitere persönliche Drohnensysteme, wie bei freien WiFi-Kollaborationen, integriert werden könnten. Das Drohnennetz entsteht – solange es Standard-Protokolle und -Anschlusscodes gibt – von ganz allein.

Grassroots again!

All das mag ob unserer vorherrschenden Gesellschaftsstruktur zweifelhaft erscheinen. Aber warum nicht mal vom Internet lernen? John Robb schlägt vor, schon jetzt an einer Standardisierung der Transportprotokolle für solche Drohnen zu arbeiten, so dass sie alle miteinander kommunizieren, beliebig Pakete austauschen und Flugrouten abstimmen können. Und er sieht so ein Netzwerk entstehen, das nicht nur dezentral, sondern auch für jeden offen ist. Bei standardisierten Drohnen, die untereinander Pakete tauschen können, wäre die Reichweite nahezu unendlich und nur begrenzt durch die Netzabdeckung. Wobei natürlich ab einer gewissen Entfernung ein Gewirr durch die Luft in diesem Tempo auch nicht mehr sinnvoll ist. Die Kosten schätzt John Robb zum Beispiel auf etwas mehr als einen Euro pro zehn Kilometer. Es könnte also billig genug sein, um das gesamte Kurierwesen schon jetzt in Angst und Schrecken zu versetzen – oder von einer neuen Zukunft träumen zu lassen. Abgesehen von der auf der Hand liegenden Angst, dass ein auf diese Art bevölkerter Luftraum in Ballungszentren schon eine navigatorische Meisterleistung darstellen dürfte: Dass sich über unseren Köpfen dann nicht nur Schuhe von Zalando bewegen werden, ist auch klar. Die Gefahr von Terroranschlägen mittels Drohnen ist aber auch ohne so ein System bereits evident. Natürlich liegt die größere Gefahr vermutlich in Hacker-Angriffen und abstürzender Software, die eine solche kleine Kiste vom Himmel rasseln lassen würde. Das dürfte im Normalfall jedoch weniger Schaden anrichten, als ein vor sich hindämmernder Autofahrer.

AR-MMORPG oder Flirrende Werbung?

Vor der Realisierung eines solchen Dronenet oder Matternet steht also die Überwindung zweier Probleme. Zum einen der Umgang mit den Sicherheitsproblemen, zum anderen die Bereitschaft, uns auf eine Technologie einzulassen, die auf den ersten Blick bedrohlich wirkt, weil sie uns den Himmel auf den Kopf fallen lassen könnte. Natürlich ist auch ein solches Netzwerk nicht vor Scams oder Spam sicher. Stellen wir uns einfach eine neue Generation von Taschendieben vor, die ihre Drohnen im Schatten der braven Quadcopter ausschickt, um irgendwo schnell mal rumliegende Dinge wegzugrabschen. Und wenn man daran denkt, dass nichts eine solche Drohne daran hindern würde, einem Pakete auch unterwegs in die Hand zu drücken, schließlich sagen wir ja über unsere Smartphones gerne, an welchem Ort wir uns gerade befinden, dann erscheint es gar nicht unwahrscheinlich, dass Drohnen in naher Zukunft als nervtötende Promoverteiler um einen herumschwirren und auf ihren Screens ständig auf uns persönlich zugeschnittene Werbebotschaften blinken, die unter Umständen vom letzten AR-MMORPG (ihr wisst schon, dieser Game-Schlager 2014, bei dem man einer Drohne durch die Stadt folgt, um hinter das Geheimnis der befeindeten Gilde zu kommen) ununterscheidbar sind.

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