Luca Venezia fiel nur durch Zufall in den Breakcore-Topf. Dann stellte er fest, dass ihm Tanzen wichtiger ist als Anti-Musik. Jetzt rührt der New Yorker in den verschiedensten Break-Suppen mit, immer mit der schärfsten Gewürzmische.
Text: Sabina PlameNOVA aus De:Bug 105

Krawallbrüder

Sind das goldene Schneidezähne?
Drop the Lime

Drop The Lime: ein Projektname, der mittlerweile in viele musikalische Richtungen gedeutet werden kann. Für viele ist Luca Venezia, oder besser: war, vor allem eins: Breakcore. Immer mehr nehmen den New Yorker aber als Clubmusik-Produzenten wahr, als eine große Mischung aus vielen verschiedenen Stilen, die alle mit seiner Vergangenheit verbunden sind. Der halb italienische Producer kam eigentlich durch die US-Raves zu elektronischer Musik. Er wurde zuerst mit seinen Breakcore-Platten und -Releases auf Labels wie Peace Off und Broklyn Beats bekannt.

Der “This means forever”-Boom nach seinem ersten Album auf Tigerbeat war seine Reaktion auf eine spezielle Art von Breakcore, danach aber hat sich sein musikalisches Panorama radikal geändert und Drop The Lime hat nach der ersten Tour in Europa und etwas Zeit in Berlin eine Menge neuer Platten mit anderer Musik veröffentlicht und neue Sets mit ganz neuen Genres entwickelt.

Die letzte Runde mit der Trouble&Bass-Tour, zusammen mit Mathhead, hat gezeigt, wie er alle Eckpunkte der elektronischen Musik berührt und, nicht zu vergessen, dass Mr. Venezia plötzlich auch singen kann.

Wie und wann hast du mit deiner Musikproduktion angefangen?

Mit 9 stellte ich Mixtapes für Girls zusammen, mit eigenen Liedern dazwischen, wo ich Gitarre und eine Roland 505 Drum Machine spielte. Mit ungefähr 14 bekam ich meinen ersten 4-Track-Rekorder, mit dem ich begann, Tracks zusammenzubasteln. Ich war sehr von Underworld und Sonic Youth beeinflusst – ein eher schwacher Sound, wenn ich mir die Stücke heute so anhöre. Erst mit 16 fing ich an, elektronische Musik zu produzieren, Vinyl zu samplen und Basslines von Keyboards auf dem Laptop aufzunehmen.

Kannst du einige Platten und Produzenten nennen, die dich beeinflussten und dazu bewegten, elektronische Musik zu produzieren?

Die wichtigsten waren definitiv 2Bad Mice, Underworld, Lory D, DJ Shadow, Daft Punk, Prodigys “Music for the Jilted Generation”, DJ Hype, Total Science, Omni Trio, Oldschool-House- und Freestyle-Platten auf Prism, Cutting Records … Lime und G.T. waren richtig gut. 70er-/80er-Jahre House und Freestyle aus 99-cent-Kisten in billigen Plattenläden sagten mir zu, weil ich mir als 16-jähriger Neu-DJ nichts anderes leisten konnte.

Und was beeinflusst dich jetzt?

Viel Grime, 4×4 Sublow-Zeug, minimaler Dubstep wie Pinch, DMZ, Loefah … Baltimore Club. Die ganze Grimesache hat immer noch einen großen Platz auf meiner DJ-Liste, weil man alles so gut mit Baltimore Club mixen kann – dasselbe Tempo, dieselbe Adrenalinpumpe. Tittsworth haut momentan sehr Edit-reiche Baltimore-Club-Tracks raus, und das gefällt mir … bringt eine Menge Leben auf den Dancefloor! Black Ops sind ebenfalls immer noch ein starker Einfluss, aber ich mag auch immer noch 70er-Jahre-Funk und House. Die alten Freestyle-Sachen hatten krasse Edits, die dadurch entstanden, dass Tapes zerschnitten wurden, und nicht durch “copy and paste” am Computer. Die Hälfte der Platten auf Cutting Records hatten krasse Chops und Slides, genau wie Breakcore heutzutage! Außerdem steh ich auf französischen Hard House wie Mr. Oizo, Surkin und Justice und bin auch von Sachen wie A Certain Ratio, Tangerine Dream und den Solo-Sachen von Froese stark beeinflusst. Hab in letzter Zeit öfter wieder “Homework” von Daft Punk gehört – die Kompression auf der Platte ist einfach dreckig! Und so ziemlich alles von Ed Banger ist auch sehr heavy.

Nachdem man sich deine akutelleren Releases (wie z.B. “We never sleep”) und Sets anhört, wird offensichtlich, dass du nicht mehr ins Genre Breakcore passt. Was hat dich zu dem Stilwechsel bewegt?

Ich hab immer mehr in eine cluborientierte Richtung aufgelegt. Das hat mir nicht nur geholfen, die Rechnungen in New York zu zahlen, sondern mich auch richtig atmen lassen. Man kann nicht die gleiche Musik, die man produziert, jeden Tag, jede Woche, das ganze Jahr hören: Das würde einen erstens verrückt machen und außerdem würde man sich ständig wiederholen. Man fängt an, klaustrophobisch zu werden unter solchen Umständen. Ich wollte schon immer Clubmusik machen. Meine ersten Drop-the-Lime-Platten waren der Übergang zu dem, was ich jetzt mache. Jugendliche Angst und Verlorenheitsgefühl wurden durch den Sound ausgedrückt. Mit “We never sleep” habe ich mich das erste Mal hingesetzt und ein Album produziert. Ich näherte mich ihm anders als meinen vorherigen Releases. Ich hab einfach aufgenommen, was spontan aus mir rauskam, und ich dachte nicht daran, experimentell oder extrem für die Ohren zu sein. Weißt du, ich bin fast zufällig zum Breakcore gekommen. Ich wusste sogar nicht, dass es ein Genre war. Ich hatte einfach Demos zu den wenigen Labels, die ich kannte, geschickt. Die einzige Ambush, die ich zum Beispiel hatte, war die #4 mit “Mash the place up”. Ich dachte, es sei harter Drum and Bass, und mischte es zusammen mit Total Sciences und Dillinjas Platten. Scud von Ambush und Frank von Peace Off haben mir später wirklich die Augen geöffnet. Ich habe aber erst nach der Hälfte meiner ersten Tour verstanden, dass ich nicht wirklich “Breakcore” war: ich sang Poplieder auf zerstückelten Breaks und beendete die Sets mit Technojams.

Viele Leute konnten deine neue Entwicklung nicht nachvollziehen. Hast du das auch selber auf deiner letzten Tour bemerkt?

Es gab eine Zeit vor ein paar Jahren, als ich die Stücke immer experimenteller und untanzbarer machen wollte, weil ich dachte, dass sie nicht underground genug oder zu “Club heavy” waren. Lustigerweise fanden die Leute es toll und dachten, dass es Anti-Musik war … ha! Ich wurde verrückt, wenn Leute auf meinen Parties nicht tanzten. Dann habe ich es verstanden: Ich konnte darauf selber nicht tanzen … und ich liebe tanzen. Die letzte Tour mit Mathhead, Trouble & Bass Invasion war das erste Mal, dass sich der ganze Raum bewegt hat, auch die Mädchen. Diejenigen, die 300 bpm Speedcore wollten, haben an der Seite gesessen, aber sie waren 3 oder 4 von 400 bis 1500 Kids. Es gibt dir ein echt gutes Gefühl, so viele Leute Spaß haben zu sehen, statt einen Ort zu leeren und für vier Menschen eine Privatparty zu machen. Ich muss aber dazu sagen, dass sogar manche von diesen Speedcoresüchtigen meine neuen Sachen mögen. Ist es nicht das Ziel der Musik? Man sollte nicht bestrafen oder sich bestraft fühlen, weil man einen bestimmten Typ Musik mag.

Erzähl was über Trouble & Bass!

Es hat als Kollektiv an der Universität angefangen. Ich war auf einem liberalen Kunstcollege, dem Bard in Upstate New York, und jetzt ist Trouble & Bass mein aktuelles Kollektiv in New York City. Der Fokus liegt auf Bassmusik: Das kann Grime sein, Crunk, Baltimore, Elektro, Ghettotech … Wir bringen New York zum Tanzen. Bis jetzt sind wir Shadetek, Mathhead, Syrup Girls, Starkey und ich. Unsere nächste 12″ kommt auf Flamin’ Hotz raus, mit besonderen Grime VIP’s, Baltimore Club Edits von Chameolonaire’s Ridin’ Dirty und mehr. Exklusive DJ-Mixes gibt es auf unserer Website.

Du hast davon erzählt, wie wichtig Grime für dich ist. Das Stück “Bricks” ist aber nun Dubstep. Gibt es etwas, was du nicht machst?

Ich find’s einfach klasse, weiß aber nicht, ob ich noch ein Dubstep-Stück machen werde. “Bricks” wird gerade viel in UK und in den USA gespielt, mal sehen, was passiert. Ich versuche immer noch, Dubstep in den Staaten aufzulegen. Bristol ist auf jeden Fall an der Spitze dieses Sounds, die Bassbrauerei! Ich war gerade in Bristol mit Pinch, der Tectonic macht, chillen, an seinem Geburtstag, und er hat einige der krassesten Dubs gespielt, die ich kenne, die ich nie in New York haben oder hören werde.

Und wie geht’s weiter?

Neue Releases auf verschiedenen Labels wie Rag & Bone, Terminal Dusk, Tigerbass, Flamin Hotz, Death$ucker und Broklyn sind auf dem Weg, wie auch Remixes und Produktionen für Vocalists und MCs: Maggie Horn, Juakali, Wully. Bald kommt auch ein besonderes Dirty-Disco-Projekt, das “Curses!” heißt, auf einem besonderen “hush hush”-Label, und nebenher werde ich die Vocals für ein neues Projekt von einem Ex-Amatos-Mitglied machen. Ich verstreiche die Butter wie Honig: Wenn sie drauf ist, bleibt sie kleben.

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Elektronische Lebensaspekte.