Opulentes Debut auf Fabios Creative Source Label und angeblich 300 fertige Tracks in der Schublade - trotzdem ist Calibre, das Wunderkind, unzufrieden. Mit der Veröffentlichungspolitik mancher Labels und mit Drum and Bass im Allgemeinen. Zu viel Geschiele auf den Floor, zu wenig musikalischer Mehrwert. Schlussfolgerung: eigenes Label, neues Album und Fühler ausstrecken in - John Tejada lässt grüßen - Richtung House.
Text: Nicolaus Schäfer aus De:Bug 75

Wunderkind mit Sampler im Bett
Calibre

Man tut Dominick Martin bestimmt nicht Unrecht, wenn man ihn als ehemaligen Protegé von Fabio bezeichnet. Wem sonst außer ihm wurde die Ehre zu Teil, als Newcomer ein 5×12″ Debüt-Album auf Creative Source, einem der profiliertesten Labels der D’n‘B- Welt, zu veröffentlichen? Knapp zwei Jahre nach dem Erscheinen von “Musique Concrete” will Martin, den meisten wohl besser bekannt unter seinem Pseudonym Calibre, nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen sein und so gründet er im Juni 2003 sein ganz privates Label: Signature. Nach “nur mäßig befriedigenden” Erfahrungen mit anderen Labels, die mitunter auch mal ein, zwei Jahre brauchen, um sein Material zu veröffentlichen, will er sich voll und ganz auf seinen Output konzentrieren. Ein Egomaniac, wie es eine englische Zeitschrift behauptete? Mitnichten.

Das hat er nun davon: Promotion Tour und Interviews, die notwendigen Übel, auf die das Genie so gerne verzichten würde. Calibre ist einer von den introvertierten Typen, die mit ihrem Sampler ins Bett gehen und die Musik am liebsten für sich selber sprechen lassen würden. Aber es hilft ja alles nix.

Kreativität lässt sich nach wie vor nicht erzwingen und Geschäftstermine sind dem Output nicht gerade förderlich, das hat auch Calibre mitbekommen: “Gestern war ich mit Marcus Intalex und ST Files im Studio und wir sprachen genau darüber: Wir müssen aufpassen, dass das Musikmachen weiterhin die Hauptsache bleibt – eine Sache, an die wir mit Spaß und Freude herangehen. Es kann nicht sein, dass wir im Studio sitzen uns selbst unter Druck setzen und denken: ‘Was mache ich hier eigentlich für einen Scheiß?!’ Aber versteh‘ mich nicht falsch: Ich liebe diesen Job. Ich kann durch die Welt reisen, meine Musik spielen und die Leute tanzen dazu, was kann ich mehr verlangen? Vor fünf Jahren hätte ich mir das nicht vorstellen können.”

Kein Wunder, liegt Martin mit seinem Ausgehverhalten doch voll im Trend der Produzentenriege: Es tendiert gegen Null. Gefeiert wird inzwischen hauptsächlich hinter den Decks. Alle paar Monate findet er dann doch Muße, selbst auszugehen und die Entwicklung der Szene zu beobachten. Zurzeit ist er allerdings eher gelangweilt von dem, was die Kollegen so produzieren: “Ich komme nur noch selten zum Ausgehen, aber das ist ok, mit zunehmendem Alter bekomme ich mehr Abstand zu der ganzen Clubbing-Sache. Zuletzt war ich in London auf einer Valve-Labelnacht. Es war nett, aber es lief den ganzen Abend Musik, die nur für den Dancefloor produziert war und die nur über kurze Zeit funktionieren kann. Es ist eine komische Situation. Was mich an Drum and Bass nervt, ist, dass alles so eingefahren ist, viele Tracks funktionieren nur noch über Intros. Das erinnert mich an Trance irgendwann Mitte der 90er. Da gab es auch ganze Abende nur mit Snare Rolls. Alle stehen da und warten darauf, dass die Beats einsetzen, immer und immer wieder, über einen ganzen Abend lang. Das macht doch keinen Sinn. Ich will zeitlose Musik machen, die man auch noch in zehn, zwanzig Jahren hören kann, Musik, die nicht nur auf dem Dancefloor kickt ansonsten aber “wertlos” ist. Bei House Musik hingegen ist es kein Problem, einen zehn Jahre alten Track in das Set einzubauen oder diese Musik einfach zu Hause zu hören.”

Es kommt nicht von ungefähr, dass der gebürtige Belfaster inzwischen mit seinem Studio nach Manchester umgezogen ist und von dort aus auch sein Label betreut – sitzen da doch Mitstreiter wie eben Marcus Intalex und ST Files, die eine ähnliche Auffassung von der Musik vertreten. Ein Glück für ihn. Auch wenn der Sound der London/Bristol-Achse nach wie vor die öffentliche Wahrnehmung bestimmt, es besteht Hoffnung: “Wir fühlen uns in England manchmal wie auf einer einsamen Insel, aber das ist ok. Dafür haben wir Partner wie D.Kay in Österreich, Marky in Brasilien (den er vor zwei Monaten für ein paar gemeinsame Auftritte besucht hat und der wie ein Superstar behandelt wird – mit eigener Sendung auf MTV und so) und die Boys (Beta 2 und Zero Tolerance. -Anm. ) in Dublin, da tut sich was. Die Probleme fangen meiner Meinung nach schon bei der Bezeichnung an: Leute brauchen Schubladen und nennen es “Liquid Funk”. Darum geht es doch nicht! Es ist einfach unsere Vorstellung von Musik, wie wir sie lieben, wir brauchen kein Label dafür! Außerdem gibt es nicht nur einen Stil, wir produzieren sehr unterschiedliches Zeug, es gibt deep, soulful Stuff genauso wie richtig harte, krachende Tracks.

Moment mal, da war noch was. Werden auf einer Promotion Tour nicht auch Zahlen und Fakten genannt? Was zum Beispiel hat Herr Martin zum Thema top-aktuelle Tonträger zu sagen? “‘Peso’ und ‘Makes Me Wonder’, die A-Seiten der ersten zwei Releases, sind beide ca. ein halbes Jahr alt, ‘Feeling Happy’ ist ca. anderthalb Jahre alt, funktioniert aber immer noch einwandfrei im Club (‘It still fires the dancefloors‘). Trust habe ich vor zwei Monaten aufgenommen, das wird die dritte Veröffentlichung.” Die wird dann als 10″ rauskommen, als Referenz an Martins Obsession als Sammler. Könnte auch sein, dass es eine ganze Reihe von 10″-Releases geben wird, das weiß er jetzt aber noch nicht. Jedenfalls sind zwischendurch wieder ganz normale 12″s geplant. Demnächst erscheinen erst mal Remixes seiner Tracks von Zero Tolerance, Omni Trio & Deep Blue (die Helden seiner Jugend) und Klute. Und wie steht es mit den Verkaufszahlen? “‘Makes Me Wonder’ haben wir in England schon ausverkauft: Es wurden 3000 Stück gepresst und die sind weg. Für die Zeit des Jahres gar nicht so schlecht und wenn wir sehen, dass es eine Nachfrage gibt, können wir eine 2. Auflage nachschieben. Bei Soul:R verkaufen wir ca. 7.000-10.000 Stück pro Veröffentlichung.” Für die Zukunft darf man gespannt sein auf Picture Cover und Artwork vom man himself: “In meinem Studio hängen ein paar Zeichnungen, die ich so zwischen 18 und 20 gemacht habe, und viele, die mich im Studio besuchen, sind begeistert. Hauptsächlich sind es ‘Pussies, cocks and balls’, aber man erkennt es erst auf den zweiten Blick. Von denen möchte ich Photos oder eine Collage entweder als Cover oder als Bild auf dem Label verwenden. Limited Edition Releases könnten dann mit Drucken oder Posters kommen, wieder ein Zugeständnis an meine Sammler-Leidenschaft. Aber das kann alles noch eine Weile dauern, weil ich mich in erster Linie natürlich um die Musik kümmere. Es ist wie mit einem Eisberg: Ich habe so viele Ideen, was man noch alles machen könnte, aber jetzt hat erst mal die Musik Vorrang.”

Nachdem er sich in den letzten Jahren einen Namen in der Drum and Bass-Szene gemacht hat, kann er sich nun den Luxus leisten, auch mit seinen House-Produktionen an die Öffentlichkeit zu treten. Nach wie vor gibt es nur wenige Produzenten, die sicher zwischen den Stilen hin- und herpendeln, geschweige denn Labels, die offen genug für die Vermischung der Stile sind. Brother in mind John Tejada jedenfalls war begeistert und veröffentlichte Calibres Produktionen auf seinem Label “Palette” und in Zukunft will Dominick Martin auch auf Signature reine House Platten veröffentlichen. Ob er denn auch Lust hat, die Musik, die ihn seit seiner Jugend begleitet, vor Publikum aufzulegen, will ich wissen. Tatsächlich gab es wohl schon eine Anfrage aus Frankfurt, ob er nicht ein House-Set spielen wolle, aber bevor er sich einem Publikum stellt, will er perfekt sein. “Wenn ich zu Hause bin, übe ich viel mit House-Platten, ich finde es im Vergleich zu D’n‘B ziemlich schwer zu mixen, ich lasse so etwas ganz langsam angehen. Das bin ich der Musik schuldig.”

Wer Calibre Anfang August verpasst hat, kann das jetzt nachholen. Passend zum Release der ersten Soul:R Mix-Cd “Soul:ution Vol.1” gibt es eine Tour mit Marcus Intalex, St. Files, Calibre und Stamina MC. Die genauen Daten entnehmt bitte den Veranstaltungstipps.

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Elektronische Lebensaspekte.