Die vier unerschrocken Ritter des Breitwand Drum and Bass, die mit dem unausprechbaren Logo )EIB( auf der Brust seit ihrer ersten EP "The Nine" zurm fanatisch bejubelten Kollektiv avanciert sind, haben ihre Trennung bekannt gegeben. Oder etwa nicht? Chefritter Fresh klärt auf.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 70

Breakbeat Punks
Lautmalereien mit )EIB( aka Bad Company

Bad Company, so ruft der Drum and Bass hörende Volksmund das wohl erfolgreichste Produzentenkollektiv der letzten Jahre um Fresh, Jason Maldini, Vegas und D-Bridge noch immer, obwohl sie dank einstweiliger Verfügung der gleichnamigen 70s Rockband, nur noch als )EIB( ihre Kreise ziehen dürfen. Sei’s drum. Ihre Version von Arsch tretendem, mal epischem, mal sägendem Breitwand-Drum and Bass, der nichts anderes im Sinn hat, als ein Maximum an Wirkung und Intensität in der kürzest möglichen Zeit zu generieren, war ganz im Gegensatz zu den vielen Plagiatoren, die Trittbrettfahrer-mäßig die Basswalze ausgerollt haben, immer den einen innovativen oder musikalischen Schritt voraus. Kaum eine Formation hat eine so fanatische und akribische Fangemeinde wie die vier Jungs aus London, was nicht zuletzt daran liegen mag, dass sie in einer für die Drum and Bass-Szene bis dahin doch ungewöhnlichen Weise den Kontakt zu den Kids, die die Dancefloors, die die Welt bedeuten, bevölkern, gesucht haben. Das von ihnen mitinitiierte Messageboard dogsonacid.com (DOA) hat sich zu einer der zentralen Schnittstellen für Infos, Neuigkeiten und Klatsch und Tratsch (in letzter Zeit mehr davon) innerhalb der Szene entwickelt. Jetzt scheinen die vier genug Floors gemeinsam in Schutt und Asche gelegt zu haben, denn dieses Jahr soll das Jahr der Solojoints werden, ließ Fresh auf DOA wissen und wurde dann gleich von Grooverider als Engineer für dessen Album angeheuert. Der Aufruhr und die Bestürzung unter den )EIB(-Jüngern nahm schon groteske Ausmaße an. Zeit, nachzuhaken.

Debug: In den letzten Monaten kamen alle Tracks, die unter dem )EIB(-Logo veröffentlicht wurden, von dir. Jetzt hast du angekündigt, solo weiterzumachen. Wie kam es dazu?
Fresh: Ich bin an den Punkt gekommen, an dem ich es äußerst schwierig fand, mit anderen im Studio zu arbeiten.

Debug: Warum, was hat sich verändert?
Fresh: Ich bin mittlerweile sehr zufrieden, mit dem, was ich im Studio mache. Es fällt mir ganz einfach schwer, meine Ideen so umzusetzen, wie ich sie im Kopf habe, wenn noch jemand da ist. Früher hatte ich immer nur Bruchstücke eines Tracks im Kopf. Jetzt habe ich meistens eine Vorstellung vom ganzen Stück, habe ein Gefühl dafür, wie es anfangen, enden und klingen soll. Es ist schwer zu erklären, aber stell dir mal vor, du bist der Engineer und arbeitest gerade an ein paar Ideen für einen Track, die deine ganze Aufmerksamkeit erfordern, und währenddessen wirst du die ganze Zeit aufgefordert, mal dies oder das auszuprobieren. Das funktioniert für mich nicht mehr.

Debug: Hört sich an, als ob die Trennung von dir ausging.
Fresh: Das ist Bullshit. Es gibt eine Menge Leute, die geschrieben haben, dass wir uns jetzt auflösen würden, aber das ist Schwachsinn. So stimmt das einfach nicht. Wir haben beschlossen, nachdem wir drei Jahre fast jeden Tag unsere Köpfe im Studio zusammengesteckt haben, es ist an der Zeit, dass jeder seinen Solo-Projekten nachgeht. In einem Jahr oder so machen wir dann wieder ein Album zusammen. Jeder von uns will ein bisschen herumexperimentieren und gucken, was er alleine hinbekommt. Just give it a break for a bit and try something new.

Grooveriders Kopilot

Debug: Wie muss man sich dann die Arbeit mit Grooverider vorstellen?
Fresh: Im Endeffekt mache ich dasselbe, was Optical beim letzten Album von Groove gemacht hat. Ich bekomme Credits für die Co-Produktion. Das heißt, ich produziere das Album mit ihm zusammen. Ich übernehme nicht nur das Engineering. In der Vergangenheit gab es eine Menge großer Drum and Bass-Alben, bei denen jeder wusste, dass die meiste Arbeit von irgendeinem talentierten Engineer kam, der dafür teilweise nicht mal erwähnt wurde, aber bei Grooverider ist das anders, weil er die meisten Sachen selber macht. Er ist technisch sehr versiert und er weiß, wenn er mich mit im Boot hat, kann er sich mehr auf den kreativen Part konzentrieren, während ich dann für den Mixdown zuständig bin.

Debug: Das dürfte aber schon recht zeitaufwändig sein, oder?
Fresh: Ich sitze dafür drei Tage die Woche im Studio. Ein Grooverider-Album – und es gab bis jetzt nur eins – ist etwas Besonderes, genauso wie ein Album von Goldie oder Bukem. Ich fühle mich schon geehrt, von ihm um Mitarbeit gebeten zu werden.

Debug: Neben dem Entschluss, erst einmal solo weiterzumachen, hast du gleichzeitig auch angekündigt, nur noch alleine aufzulegen …
Fresh: Ich habe dieses einstündige Back-To-Back-Spielen einfach satt. Das macht absolut keinen Sinn. Sowohl vom musikalischen als auch vom Standpunkt des DJs aus.

Debug: Das sehe ich ähnlich. Aber Tatsache ist, dass die englische Drum and Bass-Szene primär so organisiert ist: Top-DJ Heavy Rotation mit mehr oder minder austauschbaren Sets.
Fresh: Es gibt ganz einfach diesen Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Clubs und Promotern, die so viele Top Name DJs ins Line-Up quetschen, wie es nur eben geht, weil sie denken, dass das die Qualität der Party steigern würde. Dabei spielen dann alle den selben Mist. Und wir alle tun es. Man könnte ja mal die Plattentaschen vertauschen und gucken, ob jemand was merkt (lacht). Als DJ bekommst du das normalerweise einfach nicht mit, weil du relativ spät in den Club kommst. Abgesehen davon willst du auch nicht derjenige DJ sein, der die großen Hits, und es gibt eben immer nur eine handvoll davon, die alle hören wollen, nicht spielt. Es ist total bescheuert, aber so läuft es momentan.

Debug: Das es anders geht, ist aber auch klar. Ich denke da an Speed, Swerve oder die Metalheadz Sunday Session.
Fresh: Ja, das stimmt schon. Ich glaube auch, dass es wieder in die Richtung geht. Weg von den schnellen, kurzen Sets, der Rave-Mentalität und dem ganzen Spektakel. Es wird wieder clubbiger und darker. Ich kann mir auch gut vorstellen, das Metalheadz wieder einen ähnlichen Stellenwert bekommt wie 1997. Die Sunday Session war immer ein besonderer Ort und eine Clubnacht durch und durch. Ich habe mit Goldie in letzter Zeit öfter gesprochen, weil er einen meiner Tracks für die nächste Metalheadz-Compilation genommen hat und es wird in den nächsten Monaten auf dem Label eine Menge passieren. Wahrscheinlich wird es sogar eine neue Sunday Session geben.

Dogs on Acid

Debug: Die Diskussion um die DJ-Sets ist nur eine, die du über das Messageboard dogsonacid.com (DOA), das du mitbetreibst, angestoßen hast. DOA hat eine Menge Gewicht innerhalb der Szene bekommen.
Fresh: Als wir mit DOA als Messageboard angefangen haben, hätten wir nie gedacht, dass es einmal so groß werden würde. Wir waren ganz einfach der Meinung, dass es so etwas wie ein szeneinternes Forum für Ideen-, Meinungs- und Gedankenaustausch geben sollte, an dem alle, vom bekannten Produzenten bis zum glühenden Drum and Bass-Fan in Utah teilnehmen können. Und dann wuchs es wie ein Monster. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wo ich die Zeit hergenommen habe, um das Programmieren zu lernen. Also habe ich mit HTML angefangen, um dann mit Java fortzufahren, um später bei C++ zu landen. Und während ich mir also all diese Programmiersprachen beibrachte, mailte mich Brian Peace, der zu der Zeit dnbmassive.com machte, an und fragte, ob er einige unserer Tracks in seine Dubplate-Sektion aufnehmen dürfte. Im Gegenzug fragte ich ihn hin und wieder um Rat, wenn ich irgendwelche Probleme beim Programmieren hatte. Nach einer Weile stellte ich fest, dass er ein verdammt guter Programmierer ist und fragte ihn, ob wir nicht mit dnbmassive.com und dogsonacid.com fusionieren wollten. Dass DOA so groß geworden ist, liegt zu einem großen Teil wirklich an ihm. Er hat eine Menge Arbeit und Herz in die Seite gesteckt.

Debug: Die Popularität von )EIB(, gerade auch in Amerika, scheint mir einen nicht unwesentlichen Anteil daran zu haben, dass wiederum DOA so populär geworden ist.
Fresh: Das kann schon sein. Ich denke, es hat die Leute enger zusammen gebracht. Die User aus den USA sind auf jeden Fall sehr aktiv und haben das amerikanische Selbstverständnis von “Freedom of Speech” mitunter sehr offensiv in die Foren getragen. Ich denke, dass das sehr wichtig ist, auch wenn es manchmal schwierig ist, einen kühlen Kopf zu bewahren. Gerade wenn es um deine Musik geht, und ich habe auf DOA andauernd Auseinandersetzungen mit irgendwem, aber DOA sorgt dafür, dass du dich mit anderen Meinungen auseinandersetzen musst.

Debug: Glaubst du, dass DOA die Szenepolitics ein wenig verändert hat?
Fresh: Ja, ich glaube schon. Es hat die Szene sehr viel greifbarer gemacht. Früher hieß es immer, die Drum and Bass-Szene bestehe nur aus Gangstern und Kleinkriminellen. Danach hieß es, dass die Szene zu protektionistisch wäre, ein kleiner eingeschworener Zirkel, der niemandem ohne weiteres Zutritt gewären würde. Das ist jetzt vorbei. Die Entwicklung der Szene ist nicht mehr kontrollierbar. Selbst wenn irgendwer in London das noch wollen würde, es würde nicht mehr funktionieren. Du könntest gute Tracks einfach nicht mehr zurückhalten und gleichzeitig ist die Kontaktaufnahme zwischen jungen Produzenten, DJs und Labels extrem einfach geworden, was weniger mit DOA als mit dem Internet an sich zu tun hat. Aber du kannst die Diskurse, die Stimmung, eigentlich alles, was so passiert in der Szene, auf Messageboards wie DOA einsehen. Die neuesten Dubplates sind innerhalb von wenigen Tagen im Netz und werden von Kids auf der ganzen Welt gehört und bewertet. Alles, auch, sagen wir mal, überflüssige Sachen, wird im Detail diskutiert. Und du musst dich irgendwie dazu verhalten.

Debug: Der Name deines eigenen Labels, Breakbeat Punk, beschreibt den Sound, den )EIB( geprägt hat, ziemlich genau. Gilt das auch für die Haltung?
Fresh: Ich würde nicht unbedingt sagen, dass ich einen Punkrock-Background habe, ich bin nie mit Bondagehosen oder Sicherheitsnadeln rumgelaufen, aber ich mag die Attitüde von Punkrock. Die Musik, die Punkrock repräsentiert, verändert sich permanent. Für mich ist Punk eine kritische Lebenseinstellung. Der Drang, für sich selber zu denken und zu entscheiden. Und es mag Zufall sein, aber in der Drum and Bass-Szene findet man viele junge Kids, die den Zustand und die Entwicklungen sowohl politisch als auch gesellschaftlich sehr skeptisch und teilweise zynisch betrachten. Nicht zuletzt ist es aber eben vor allem die “hard in your face don’t take no prisoners”-Attitüde der Musik, die für mich eine Weiterentwicklung von Punkrock darstellt. Aber ich bin nicht John B, der total marktschreierisch Electro und 80s-Einflüsse pushed. Ich renne nicht herum und rufe: “Hey, das ist Punk. Check it out!”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.