Drum and Bass und House sind so verfeindet wie Katz und Maus. Zumindest in der Wahrnehmung der Hörer. Marcus Intalex aber behält den Überblick, schickt mit seinem Label Soul:R Grußadressen ans Mutterschiff House und füttert Drum and Bass so mit Klasse, Glamour und Seelen:lösung.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 68

Sahnehaube des Drum and Bass

“I did this radio show in LA and I actually did a house set for a bit and people were like – what the fuck is he doing? At a certain point I started talking over the music – telling them: Don’t you get it? What I do comes from this – house meets hiphop meets reggae and a whole lot of other music. Drum and bass is not the enemy of house music. A lot of new school people seem to think that they’re opposing forces.” Marcus Intalex lacht, als ich ihm diese Passage des Photek-Interviews im Knowledge-Mag vorlese. Ja ja, das kennt er. Diesen ewigen Kampf. Haben nicht vor kurzem auch Ed Rush und Optical ein House-Set irgendwo gespielt und damit auf DOA (Dogs On Acid-Website) eine Riesendiskussion, ob House “gay” wäre oder nicht, in Gang gebracht? Ja, da war was. Noch ein Schluck Wein, ein kurzes Schulterzucken und dann ein freundliches Lächeln. “Ich kenne das Problem. Ich stehe selber in letzter Zeit immer öfter davor, weil ich einfach keine Lust mehr habe, diese funktionalen und geforderten Partytunes zu spielen. In England ist es wirklich schwierig geworden. Die Erwartungshaltung ist ganz klar definiert. Ich will natürlich schon, dass die Leute feiern und ihre Party haben. Aber ich merke, dass ich mehr und mehr spielen möchte, was mich, meinen Geschmack und das Label repräsentiert.” Und das ist nun mal “more musical”.

“Soul:R”, das Label von Marcus Intalex und seinem Partner ST Files, hat es in seiner zweijährigen Geschichte auf gerade mal vier Releases gebracht. Vier Releases allerdings, deren Qualität fast schon bedrückend hoch ist.
Und irgendwie ist es mit Soul:R-Platten wie mit den Houseplatten, die sie samplen, egal ob Chez Damier, Masters at Work oder Ten City (auch wenn umgekehrt für den wertkonservativen Freund der gepflegten 123 bpm Drum and Bass immer eher als der rotzlöffelige Bastard galt, der zu schnell, zu prollig, zu affektiv und zu ungepflegt daherkam. Antagonismus ist eben keine Einbahnstraße). Sie verströmen den süßen Glamour von Klasse, von Soul, von Deepness. Unantastbar. Nur dass die Tracks von M.I.S.T. – so nennen sich die beiden, Marcus und ST, jetzt in aller gleichberechtigten Kürze – eben durch die Geschwindigkeit und die fordernde Energie, die Drum and Bass mit sich bringt, immer für den Dancefloor, für die Party gemacht sind und weniger für das lauschige Kaminfeuer mit Freunden und gutem Wein. Jede Minute, die sie länger laufen, entfalten sie ein Stück mehr ihrer Deepness und ihres Grooves. Da schmilzt das Begehren nach einem ordentlichen Breakdown mit Ravesignal und droppender Bassline mit jeder Sekunde mehr dahin, und plötzlich findet man sich in einem ganz anderen Tunnel wieder. Affektfreier Drum and Bass mit ordentlich Groove im Arsch. So könnte es endlos weitergehen. Denkt man. Und findet mit DJ Lee, der zusammen mit D.Kay aus Österreich, der auf dem ersten Teil der Soul:ution Compilations mit einem Track vertreten und somit schon Teil des Soul:R-Universums ist, das Label Atlas gegründet hat, weitere Verbündete im Geiste. Ganz zu schweigen von High Contrast und Calibre.

DEBUG:
Wie geht es weiter mit Soul:R? Ihr lasst euch ja schon ziemlich viel Zeit.
MARCUS:
Das stimmt. Ich war viel unterwegs und dann haben wir einige Remixe gemacht …
DEBUG:
… die ja mittlerweile auch heiß begehrt sind.
MARCUS:
Das stimmt. Aber wir wollen uns jetzt wieder mehr auf uns konzentrieren. Mit Remixen ist es immer so eine Sache. Wir bekommen eine Menge Anfragen, vor allem von Tracks, die schon Hits sind. Da wird das Remixen schwierig. Als wir den LK Remix gemacht haben, haben wir echt geschwitzt, weil das Original so großartig ist. Wenn es uns reizt, sagen wir meist zu, aber immer unter Vorbehalt. Wenn wir das Gefühl haben, es funktioniert nicht, dann lassen wir das Ganze.
DEBUG:
Hattet ihr so eine Situation schon mal?
MARCUS:
Ja einmal. Da sollten wir London Elektricitys Track mit Robert Owens remixen. Einmal mit Robert Owens zusammenarbeiten, das war für uns ein Traum. Aber es hat nicht hingehauen. Der Funke ist nicht übergesprungen. So haben wir das Ganze dann gecancelt.
DEBUG:
Das geht dann so einfach?
MARCUS:
Na ja, es ist ihr Geld und unser Name. Wir haben kein Interesse daran Platten herauszubringen, mit denen wir nicht zufrieden sind und sie haben eine Menge Geld gespart. Es hat halt irgendwie nicht funktioniert. Die zündende Idee fehlte, tauchte einfach nicht auf. Und langweillige Remixe gibt es nun wirklich genug. Aber zum Glück war das ein Ausnahmefall.
DEBUG:
Du sagtest vorhin, dass du von den Parties und dem ganzen Drumherum in England genervt bist und lieber im Ausland spielst. Was schätzt du denn generell an Drum and Bass am meisten?
MARCUS:
Das Schöne an Drum and Bass ist, dass die Leute, die in die Clubs kommen und Platten kaufen, größtenteils mit Haut und Haar in dieser Musik stecken. Dedication. Entweder du bist drin oder draußen. So einfach ist das. Vor kurzem hat Photek in London seinen Remix meines “How U Make Me Feel” gespielt, von dem niemand, nicht mal Scottie (Doc Scott) wusste, dass er existiert. Innerhalb von zwanzig Minuten konnte ich mich vor SMS nicht mehr retten. Alle haben mir die Bude eingerannt. Wollten wissen, von wem der Mix ist. Dann erinnerte ich mich daran, dass ich Rupert (Photek) irgendwann mal alle Sounds des Tracks geschickt hatte. Ich würde mich nicht wundern, wenn der Mix mittlerweile schon im Netz kursiert. Verstehst du, was ich meine?

Ja, wir verstehen.

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Elektronische Lebensaspekte.