"Slowdown" heißt die erste EP des Drum and Bass Duos Native Minds auf ihrem eigenen Label "Offline". In der Ruhe liegt die Kraft. Mit diesem Programm treten sie straight outta Ludwigsburg an, um dem Bad Company Leitstil auf der Insel ihre kontinentale Gelassenheit entgegenzusetzen. Reinforced sind auf ihrer Seite.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 71

Zurücklehnen statt zurückziehen

Ludwigsburg. Daniel Savine und Rio sitzen einmal die Woche in ihrem Studio und produzieren Drum and Bass ohne Ende. Es ist, als hätte die Zeit sich nicht bewegt. Ein Roller nach dem anderen, Breaks, Vocalsamples, vielleicht Strings, es braucht nicht viel, um einen perfekten Track zu machen. Wir blenden ein wenig zurück. Vor knapp einer handvoll Jahren gab es nur eine handvoll Crews deutscher Drum and Bass Produzenten in Deutschland. Sie alle wollten Engländer sein, denn schon damals war klar, wer kein Engländer ist, wenigstens by heart, der wird niemals über seinen skurrilen, auf der Insel meist belächelten Sonderstatus hinauskommen. Und sie alle wollten Beatwizzards sein, weil Beats Drum and Bass war. Die Träume eines eigenen “deutschen” Drum and Bass Stils waren längst ausgeträumt. Der Macht war nichts hinzuzufügen, sie war nur von innen zu besiegen. Wir hatten zwar Clubs, DJs und all das, waren alle fast wie eine richtige Crew, aber nur mit einem Star-DJ aus, na woher wohl, richtig, England, waren die Clubs wirklich zu füllen.

Dann splitterte sich ausgezehrt vom Mangel an Bewegung die deutsche Szene auch noch weiter auf. DJs verabschiedeten sich, Drum and Bass als ganzes schien sich als Stil festgefressen zu haben, und selbst die weltweite Expansion, die zwar Brasilien und Amerika plötzlich mit einbezog, schien an Deutschland bis auf wenige Ausnahmen vorbeizugehen. Skunkrock, das Label, auf dem die ersten Native Minds Platten erschienen, zog als einziges konsequent nach London. Aber obwohl Savine und Kabuki auf Reinforced releasen konnten, Native Minds auch, Acts wie Tronic 100 einen UK Deal bekamen und fast alle deutschen Drum and Bass Label von damals immer noch existieren, dünnte die Rockbasslinefraktion, die erst seit kurzem langsam durch Drum and Bass Disco ersetzt wird, selbst die von all dem Trubel unbeirrbareren UK Label, die unter Drum and Bass immer noch vor allem Breaks und Basslines verstanden, etwas aus. Und eine neue Reinforced EP zum Beispiel spielt einfach schon längst nicht mehr in der gleichen Liga wie eine Bad Company Dubplate. Dafür aber rücken die anderen selbst über die Grenzen hinweg näher zusammen und Label wie Skunkrock, Native Minds eigenes Offline Label, Bassbin aus Irland und Reinforced bilden eine Crew, die aus dem Off immer wieder die Zeiten der Breaks aufleben lässt, in der aber alle die gleichen Probleme haben.

Vertriebe konzentrieren sich auf anderes und man ist froh, wenn man mit einer neuen EP ein paar Pfund verdient, Ausgehen wird zur Nebensache und während man im Studio aufrüstet, Native Minds sind z.B. jetzt eigentlich eine Laptopband, nistet man sich in einer neuen Ruhe ein, die eh besser zum eigenen Stil passt. Bei unserem letzten Interview wollte zumindest Savine, Familienvater und Christ, schon aufgeben. Von wegen. Breaks sind eine Sucht, genau wie das Auflegen, und genau so werden Native Minds Tracks auch produziert. Man hängt an ihnen, an diesem Sound, den man seit über einem Jahrzehnt nicht mehr aus den Ohren bekommt, man braucht sie zum Überleben, auch wenn man sonst noch genug zu tun hat. Drum and Bass – wenn es von Breaks ausgeht wie bei Native Minds – erzeugt einfach eine Deepness, deren Basis das Sample ist, die einfach sein kann, aber nicht in Begriffen wie Oldschool zu fassen ist, weil sie einfach in den Fundamenten von Drum and Bass verankert ist. Native Minds haben mit der ersten EP auf ihrem eigenen Label sich schon ein Programm gesetzt: “Slowdown”, aber es ist kein Rückzug, sondern ein Zurücklehnen. Eine Ansage, jetzt alles Rollen zu lassen. Der Stress ist vorbei und die Zeit reif für Drum and Bass ohne eine andere Pressure als die der Breaks und Basslines auf dem Dancefloor.

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Elektronische Lebensaspekte.