Was macht eigentlich Photek, der Don des Mitneunziger-Drum and Bass? Umziehen nach Hollywood, Soundtracks komponieren, sich für HipHop stark machen, die Virgin verklagen und mit einem neuen Label wieder durchstarten.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 74

Special Forces in Los Angeles
Photek

Ja, man nimmt Rupert Parkes sofort ab, dass das letzte Jahr nicht nur sehr aufregend, sondern auch voller neuer Herausforderungen und Anstrengungen für ihn war. Sowohl privat als auch künstlerisch. Und wie er so verschlafen und zerknittert, auf der Suche nach einem energiespendenen Kaffee durch sein Berliner Hotel tapst, und von immer leicht unrealistisch anmutenden Zeitplänen erzählt, die in der Traumfabrik Hollywood zum guten, hysterischen Ton gehören, glaubt man ihm auch, dass Auflegen zur Zeit die willkommene Abwechslung zu seinen in dreißigminütige Blöcke eingeteilten Tagen in Los Angeles ist. Immerhin hat man Late Check-out.

Etwas mehr als zwölf Monate ist es her, dass er und seine Frau, eine Regisseurin, London Richtung Los Angeles verlassen haben. Und nach einigen weiteren Umzügen vom Touriparadies Hollywood (“nice”) ins Promiparadies Malibu (“really really nice”), haben sie jetzt im Skateparadies Venice ihre Koffer, inklusive Ruperts Studio ausgepackt. In der Zwischenzeit duellierte er sich mit Virgin, um sich schließlich erfolgreich aus seinem Vertrag heraus zu beißen (“Auf Virgin wird nie mehr eine Platte von Photek veröffentlicht. Zumindest nicht so lange, bis ich Virgin aufgekauft habe. Das wäre mein ultimativer Kick.”), sendete als Special Forces per 12″ einige großartige Lebenszeichen an die Drum and Bass-Community, gründete mit den Machern des von Sony gekippten New Yorker HipHop-Labels Loud Records das Label “Do or Die” für sein neues gleichnamiges HipHop/Drum and Bass Crossoverprojekt und begann, sich in Hollywood einen Namen als Soundtrackproduzent zu machen.

Arbeiten am Soundtrackfließband

“Ich muss mir teilweise genau überlegen, wieviel Schlaf ich mir erlauben kann. Es ist eine ganz neue Erfahrung. Am Anfang dachte ich, das geht niemals. So kann ich nicht kreativ arbeiten. Aber es geht darum, in einer gegebenen Zeit etwas abzuliefern. Das war eine neue Herausforderung. Und mittlerweile mag ich es,” erklärt Rupert, endlich seine Kaffeinjektion in der Hand haltend, sein neues Leben als wandelndes Soundtrackfließband. Neben einigen Szenen für das Anime, sowie den dritten Teil “Revolutions” der philosophisch angehauchten Science Fiction-Achterbahn Matrix, und einigen anderen großen Hollywood-Produktionen, hat er den Soundtrack für Sofia Coppolas (Francis Ford Coppolas Tochter) erste Fernsehserie “Platinum” produziert. Thema: der Aufstieg eines kleinen HipHop Labels. Genau der richtige Job für den B-Boy in spe. Überhaupt ist HipHop für ihn zum Maßstab von finanziellem Erfolg geworden. Und bei einem jährlichen Umsatz, der in den USA mittlerweile an dem Etikett des Marktführers kratzt, kann einem schon mal schwindelig werden, wenn man nach der Latte ausschau hält. So ist es kein Wunder, dass er über die Unkenrufe aus seiner Heimat, Drum and Bass wäre zu groß und zu kommerziell geworden nur leicht verwundert lächeln kann. Die Diskussionen in Internet-Foren, in denen nach einem Split der Szene gerufen wird, nach Jungle Vibes und Breaks als Rückbesinnung auf alte Tugenden und Abgrenzung zu den virulenten, Trance-, Disco- und Techno-Einflüssen, die sich in nach wie vor stromlinienförmigen Tracks ausdrücken, hat er weder verfolgt, noch würde er sie unterschreiben wollen. “Ich kann verstehen, weswegen manche Leute frustriert sind, aber ich glaube nicht, dass es sonderlich clever wäre einen Split zu forcieren. Drum and Bass ist groß? Guck dir HipHop an, dann sag nochmal Drum and Bass wäre groß. Warum eine Szene teilen, die auf ihren Zusammenhalt angewiesen ist, weil sie so klein ist? Das ist, als würde man einen Zuckerwürfel kleinschneiden. Bei allen Differenzen, es ist wichtig, dass wir zusammen bleiben.”

Drum and Bass, nicht Gabba

Drum and Bass ist noch immer Ruperts musikalisches Zuhause. Die Szene, die er mit aufgebaut hat und der er sich bei aller Kritik loyal verbunden fühlt. Auch wenn er nie ein Geheimnis daraus gemacht hat, dass er selbst einige Male soweit war, Drum and Bass auf dem Komposthaufen der Musikgeschichte zu entsorgen. Zuletzt während er an “Solaris” arbeitete, seinem letzten Album vor drei Jahren. Ein Drum and Bass Track hatte sich darauf verirrt. Als kleine Konzession, “weil Photek Drum and Bass ist”. Aber es gab immer wieder Leute, die ihm das Gefühl gegeben haben, dass es doch weitergeht. 4hero natürlich und Goldie. “Ich hoffe, dass viele der Kids, die erst seit ein paar Jahren Drum and Bass hören, und es scheinbar hart und schnell besorgt haben wollen, irgendwann von diesem bösen und technoiden Kram gelangweilt sind und anfangen herauszufinden, worum es bei Drum and Bass wirklich geht. Es geht nicht um Härte und Geschwindigkeit. Du kannst bei dem Tempo, das die meisten Tracks haben einfach keine komplizierten Breaks mehr editieren. Das würde sich anhören, als ob irgend etwas schneller wäre, als es sein sollte. Man hört den Funk der Breaks bei dem Tempo einfach nicht mehr. Aber wenn die Musik sich mehr oder minder in eine Variante von Gabba verwandelt, dann bin ich nicht mehr interessiert. Das wäre, als wenn meine eigene Musik einmal um den Block gefahren wäre und mich zurückgelassen hätte. Das würde ich nicht passieren lassen wollen.”

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Elektronische Lebensaspekte.