Text: Heiner Kruse aus De:Bug 18

ALLES IM ROTEN BEREICH Heiner Kruse basswerk@netcologne.de Informationen über die Produktionsmethoden englischer Drum & Bass Ikonen sind hierzulande gefragter als ein kühles Bier im Sommer, wobei der Sommer in der Wüste stattfindet. Das aus dem eigenen Umfeld gewachsene, typisch deutsche Streben nach Perfektion und der “amtlichen” Methode hat bereits eine Menge ansehnliche Qualität hervorgebracht, kann aber bisweilen nicht über die hohe Hürde eines fehlenden Selbstbewußtseins springen, das der eigenen, manchmal unorthodoxen Methode grundsätzlich so mißtraut, daß es sich praktischerweise nicht lohnt, viel Zeit hineinzuinvestieren (und ab an die Playstation!). Wieviele junge Artists sind mir schon begegnet, die sich bei der Übergabe ihres Demotapes gleich noch schnell für ihr spärliches Equipment entschuldigen. Auch wenn Verallgemeinerungen sicher nicht dem Konflikt einzelner Künstler gerecht werden, scheint doch etwas dran zu sein, daß man in England etwas gilt, wenn man ein bißchen “crazy” ist, während der Deutsche immer siegen will. In Zeiten, wo diese Einstellung nicht mal mehr zu erfolgreichen Fußballergebnissen führt, sollte man sich durchaus mit den Philosophien anderer Kulturen auseinandersetzen. Deshalb trage ich hier ein paar Aussagen namhafter englischer Artists zusammen, die eher den tüftelnden Leser interessieren werden. Zunächst Klute, der uns erzählt, mit welchen Geräten er sein neues Album erzaubert hat: Klute: “Ich arbeite vor allem mit einem EMU-Sampler und dem alten Yamaha Promix 01. Dazu einen Atari mit Cubase und einen Mac. Den Mac benutzte ich nur für Recycle, ich glaube, der Atari ist solider. Den EMU habe ich auch noch nicht ewig. “Perceptron” & “Illuminated” waren die letzten Tracks für die EP. Alles vorher habe ich auf dem Ensoniq ASR 10 gemacht, auch gut, nur ein bißchen langsam. Ich bin ein bißchen gelangweilt von dem ProMix. So viel digitales Zeug geht rein, ich glaube, es würde klarer und mit mehr Punch klingen, wenn es durch ein Analoggerät ginge. Aber ich bin natürlich verwöhnt, die ganze Automation und so. Digital ist immer “square”, es baut kleine Treppen in die Kurven, das ist aber eher eine psychoakustische Diskussion, jeder hat eine andere Meinung dazu. Ich bin selbst nicht ganz sicher, ob es wirklich besser ist für mich, auf ein analoges Pult umzusteigen, aber ich werde es ausprobieren. Fast alle, die ich kenne, benutzen ein Mackie, mir fällt nur Boymerang ein, der auch mit einem Digitalpult arbeitet (mit einem Yamaha 02R). Ich jage es alles durch den EMU, ich habe es erst gar nicht so realisiert und kann mir gar kein anderes Teil vorstellen, das ich haben will. Der Morphing Filter des EMU ist unglaublich, eine kleine Veränderung und schon klingt alles ganz anders. Das kann einen beim Mixdown auch schon mal wahnsinnig machen, wenn man gerade meint, es klingt nicht ganz richtig und will nur ein bißchen was verändern. Jeder in England will jetzt den neuen Akai, aber ich glaube, die sind alle nur scharf auf das abnehmbare Bedienteil. Das ist natürlich auch eine tolle Sache, wenn man lange Samples direkt von der Festplatte antriggern kann. Der EMU könnte das bestimmt auch, aber sie müßten die Software dafür schreiben. Das ist mein Kritikpunkt. Sie kümmern sich um die falschen Sachen bei der Software. Wer braucht schon einen 96 Track Sequenzer. Den Arpeggiator kriege ich auch nicht ans Laufen, nur im Omni Mode lief er einmal. Aber die EMU Leute haben mir erzählt, daß sie an der generellen Arbeitsweise des Samplers arbeiten, sie verbessern, ihn schneller machen wollen. Manchmal ist er ein bißchen langsam. Aber ich liebe ihn. Mein EMU (seufz!).” Eine innige Beziehung. Etwas weniger gut zu sprechen auf den EMU ist Jonny L: Jonny L: “Wißt ihr, warum manche Tracks so ähnlich klingen, es regt mich auf, und ich sage euch, warum es so ist: Das ist der EMU! Die Filter klingen wie Grooverider und Optical, die haben das Ding benutzt. Egal welchen Bass-Sound du nimmst, wenn du ihn durch den Peak-Morph Filter jagst und anfängst, mit den EQs zu spielen…. Es hat 2 EQ’s, einen “high” und einen “low”, und wenn du da an der Frequenz drehst, klingt es wie eine Optical Platte.” Das überrascht noch nicht wirklich. Nachdem die Geschichte über Nico, der angeblich lange auf Yamaha NS 10 mit kaputten Hochtönern abgemischt hat, doch nur über entferntere Quellen bei mir gelandet ist, erfahren wir von Jonny L direkt ein Teil des Geheimnisses der Lautstärke von Dillinja-Tracks: Jonny: “Willst Du wissen, wie es Dillinja macht ? Er nimmt es auf DAT auf, mischt, so daß der DAT bei 0dB ist, und dann gibt er nochmal 5dB drauf und übersteuert den DAT. Es ist total komprimiert. Ich meine, das ist nur eine Art, es zu tun, aber seine Platten klingen unglaublich laut. Es muß nicht immer so sein, das Ganze hat natürlich wenig Dynamik und klingt manchmal etwas flach. Die meisten Künstler in England, die ich kenne, bringen die Mischpulte in den roten Bereich, verzerren es hier und da ein bißchen, damit die Wirkung auch noch auf Vinyl rüberkommt. Wir benutzen viel mehr EQs, als man das erwarten würde. Man muß immer dran denken, daß es woanders möglicherweise nur noch o.k. klingt, nachdem es im eigenen Studio fett zu sein schien. Außerdem ist diese Sache mit der rohen Energie typisch britisch. Ich meine, es macht einfach nichts, wenn es ein bißchen falsch ist. Es kümmert uns weniger, ob man nun sagt, diese oder jene Sachen darf man nicht im roten Bereich haben.” Da haben wir es. Aber ein Jonny L hat natürlich gut reden, wenn er weiter aufzählt: Jonny: “Ich habe einen G3 Mac mit Sonic Worx, Metasynth, Recycle und anderen Tools. Früher arbeitete ich mit Cubase VST, aber Version 4.0 hat soviele Bugs. Jetzt bin ich zu Logic Audio übergewechselt, das ist professioneller. VST war einfacher und schneller zu bedienen, was das Editieren der ganzen MIDI-Geschichten angeht. Ich verstehe Logic durchaus, und doch braucht man mehr Zeit damit. Die Ergebnisse sind besser, es ist solider und tighter. Ich hab jetzt die Platinum Version mit allen Plug-Ins, Audio-Suite, Premiere, VST – unglaubliche Möglichkeiten. Ich benutze sowohl einen EMU wie einen Akai Sampler, einen Mackie 8 Bus Mischer, ne Menge alten Roland Stuff (Jupiter 6 und Jupiter 8), Juno 106, Juno Alpha 2, 303, 606, 808 und Röhren EQs, z.B. TL Audio. Letztere benutze ich besonders für meine Drums, um sie richtig hart zu machen. Auch der neue Focusrite Green EQ ist einer meiner Lieblinge, Optical benutzt ihn auch. Die Mackie EQs sind für mich eher ein Effekt, z.B. die schmalbandigen Absenkungen und Anhebungen. Sie sind o.k., aber nicht brilliant, die Center-Frequenz von den Bassreglern finde ich geil, die geben einen guten Response. Der richtige Umgang mit den EQs für die Drums ist das, was ich bei den meisten nicht-englischen Produktionen vermisse.” Aha. Und wie mixt er mit dem ganzen Kram ? Jonny: “Ich mixe jeden Track Stück für Stück, viele Teile sind ursprünglich klar und kein bißchen verzerrt. Es kommt natürlich drauf an, wofür die Musik gemacht ist. Bei “Listening-Tracks” oder manchen Abschnitten eines Tracks kümmere ich mich kein bißchen um die Lautstärke, da ist es egal. Manchmal vermißt man die Dynamik bei Dillinja Tracks, und die Dynamik ist wichtig. Wenn der Track fertig ist, ziehe ich ihn auf DAT, schicke alles durch den TC Finalizer zurück in den Computer, editiere da weiter und hebe die leisen Teile einzeln an.” Solche Friemelei steht wiederum im Gegensatz zu Aphrodite, der seine Mixtechnik etwas unkonventioneller gestaltet: Aphrodite: “Ich sehe zu, daß meine Einzelkanäle auf 0dB stehen, dann werden auch im Mix die Lautstärkeverhältnisse stimmen!” Der Fairneß halber muß gesagt werden, daß diese Aussage schon 2 Jahre alt ist, aber man mag über Aphrodite sagen, was man will, schlecht geklungen haben seine Tracks nie, zumindest nicht, seit er einen Akai Sampler hat. Als Sequenzer benutzt er einen Amiga, aber der war früher gleichzeitig der 8 Bit Sampler, wobei sein Mischpult die Größe eines DJ-Mixers nicht überstieg (und damit hat er einige große Hits gemacht). Motto: Mache Deine Defizite zum Stil. Schließlich noch die Aussage von Optical, der mir vor ca. einem Jahr erklärte, daß er den Kompressoren stärker den Rücken kehren will: Optical: “Ich benutze kaum noch Kompressoren, schließlich habe ich ein Mackie-Pult – der beste Kompressor der Welt!” Es muß sicher nicht immer die fette Technik sein. Dem derzeitigen Aufrüsten in England steht nicht unbedingt eine Qualitätsverbesserung oder Pulsschlagerhöhung gegenüber. Aber uns sollte bewußt sein, mit welcher Lockerheit die Jungs über ihre Techniken reden, man weiß, wieviel Arbeit es ist, einen guten Track fertig zu machen. So mancher redet hierzulande schon von der “Magic Formula”, die gefunden wurde, wenn ein guter Track fertig ist, und die muß dann natürlich geheim bleiben. Vielleicht haben mich ja auch alle nur angeflunkert, dann schließe ich trotzdem gerne mit einem Zitat von Klute: Klute: “Wenn man sein Herz reinsteckt, hören die Leute das, auch wenn es anders klingt. Es gibt durchaus deutsche Produktionen, bei denen ich diese Eigenständigkeit finde. Diese Leute sollten nicht so sehr vergleichen oder sich darüber ärgern, wenn englische DJ’s ihr Zeug nicht spielen wollen, sondern stolz auf ihr Ding sein.” Zitate: Ich meine, es macht einfach nichts, wenn es ein bißchen falsch ist Dem derzeitigen Aufrüsten in England steht nicht unbedingt eine Qualitätsverbesserung oder Pulsschlagerhöhung gegenüber

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.