House-Musik mit Tiefgang und Detroit-Anschluss
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 117

House-Musik mit Tiefgang und Detroit-Anschluss hat spätestens seit dem Erfolg von Åme und Dixons Label Innervisions wieder eine Menge dubbiger Chords und die Seufzer jubilierender Streicher und Synthesizer auf den Dancefloor gespült. Auch in Zürich lotet mit Drumpoet Community ein Label die Deepness-Schnittstellen von House, Techno und deren Ahnen von Soul bis Jazz neu aus.

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Das Kollektiv um Alex Dallas, der Anfang der 2000er Jahre mit seinem ersten Label Straight Ahead schon inspiriert bouncend zwischen allen Genre-Stühlen saß, und die beiden Produzenten Ron Shiller und Tobi Foster hat sich innerhalb eines Jahres zu einer der besten Adressen für deepen, melodiösen House gemausert. Dabei übersetzen Acts wie Soultourist, Quarion und The Lost Men die klassische Sound-Architektur und deren Motive in geschichts- und selbstbewusste Tracks, die im besten Sinne “Soul” haben.

De:Bug: Bitte stellt euch vor. Wer ist dabei, wo kommt ihr her?

Alex: Ich bin Alex Dallas aus Zürich, mache seit circa zehn Jahren Musik mit Alex Gustafson (als Earthbound) und neu auch mit Bernd Kunz (The Lost Men), veranstalte Clubabende und lege seit 15 Jahren auf. Hab früher das Label Straight Ahead gemacht, war später einer der Betreiber des Clubs Dachkantine und mache seit circa zwei Jahren mit fünf Freunden den Club Zukunft.

Ron: Tobi und ich kommen ursprünglich aus einem kleinen Dorf außerhalb von Zürich. Wir sind beide Teil des Projekts Soultourist. Wir sind auf die gleiche Schule gegangen und haben uns durch die Musik kennen gelernt. Wir hatten da einen kleinen Tanzkeller, wo wir regelmäßig zusammen aufgelegt haben. Nach ein paar Band-Experimenten und dem Umzug nach Zürich haben wir uns ganz der Clubmusik und Studioarbeit gewidmet. Gleichzeitig haben wir Alex kennen gelernt, der damals noch Straight Ahead gemacht hat.

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De:Bug: Ihr habt jetzt sieben Maxis herausgebracht. Was hat sich in der Zwischenzeit für euch verändert – in Zürich, außerhalb?

Tobi: In Zürich ist eigentlich alles beim Alten geblieben, die Akzeptanz für unseren Sound ist sicherlich gewachsen. Wir legen nach wie vor sehr oft da auf und machen unseren Labelabend, an dem wir Gäste wie z.B. Âme oder Theo Parrish einladen. Aus dem Ausland bekommen wir mittlerweile mehr Feedback auf unsere Arbeit. Ich denke, dass sich das Label gut entwickelt hat und sich die Community durch einen starken Zusammenhalt und eine gemeinsame Idee auszeichnet.

De:Bug: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Compost? Wie ist die Aufgabenverteilung?

Alex: Ich kenne Michael (Reinboth) seit ca. zwölf Jahren, wir hatten mal eine Maxi bei ihm rausgebracht. Nach Straight Ahead wollte ich wieder ein Label machen, jedoch ohne mich um den ganzen Business-Teil wie Pressung, Vertrieb und Abrechnungen kümmern zu müssen. Ich habe dann Michael gefragt, ob er Lust hat, mit uns zusammen ein Sublabel auf die Beine zu stellen. Wir sind für die ganze Künstlerbetreuung verantwortlich, wählen die Tracks für die 12″s aus und machen das Artwork. Compost macht den ganzen Rest. Sie sind für alle geschäftlichen Belange zuständig und wir sind eher der kreative Pool dieser Zusammenarbeit. Es funktioniert sehr gut und wir sind sehr zufrieden.

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De:Bug: Gab es eine Initialzündung, die den Anlass zur Labelgründung gab?

Alex: Das war sicher der Abend “Loud Minority”, den ich in der Dachkantine veranstaltete und an dem Ron und Lexx mit mir die Resident-DJs waren. Das war von 2003 bis Februar 2006. Wir hatten damals ein ziemlich eigenständiges Ding, denn in der Dachkantine wurde vor allem Minimal und Electro gespielt. Unser Ansatz, Techno und House mit einer gehörigen Portion Soul, Afro und Detroit zu würzen, war Anfangs gar nicht so einfach. Mit der Zeit entwickelte sich Loud Minority zu einem Highlight, wir probierten die Tracks da aus, und wie bereits beschrieben, waren wir uns einig zusammen weiterzumachen.

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De:Bug: Im Beharren darauf, “Soul” zu haben, gab es immer wieder Phasen, in denen Deep House in seinem eigenen gefühlsduseligen, latent esoterischen Humanismus versank. Seht ihr da Risiken? Gibt es da für euch eine Grenze?

Ron: Das Problem ist, wenn alles zu einem Einheitsbrei wird. Es gibt so viele langweilige Deep-House-Scheiben, die uns nicht interessieren. Das Wort “Soul” hat aber für uns schon eine wichtige Bedeutung. Wir meinen damit nicht House-Beats mit Vocals obendrauf, sondern vielmehr wie der Groove daherkommt, ein Synth klingt, der Bass drückt. Auch ein trockener Beat kann Soul haben. Es ist hauptsächlich das Gefühl, wie man ein Stück wahrnimmt.

Alex: Ich mag solche Genre-Bezeichnungen nicht und ich bezeichne Drumpoet auch nicht als Deep-House-Label. Ich bin als Freestyle-DJ aufgewachsen. Da liefen die Neptunes, 4Hero, Carl Craig, Attica Blues, Pepe Bradock, Gil Scott-Heron und Herbie Hancock an einem Abend, und das war gut so. Ich versuche, diesen Spirit in einer neuen Form am Leben zu erhalten. Der Eklektizismus vermag manchmal sehr emotionale und euphorische Momente zu kreieren. In unserem Club kann man morgens um 5.00 Uhr problemlos nach einer Âme-Platte eine Paul-Weller-Nummer spielen, und die Leute machen mit. Ich denke nicht, dass wir uns Grenzen auferlegen möchten, unsere Inspirationen kommen aus verschiedensten Ecken, und die soll man einbinden. Jedoch verstehen wir uns als Label klar der elektronischen Tanzmusik verschrieben. Soul ist die Art und Weise, wie man Musik macht. Ich finde z.B., dass Leute wie Luciano, Isolée und die Whighnomy Brothers sehr viel Soul haben.

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De:Bug: Zukunftspläne, wie geht’s weiter?

Alex: Release-mäßig ist gerade die Quarion “Karasu” Remix-Platte am Start. Danach folgen DJ Pippi & Willie Graff, Sascha Dive und ein Dixon-Edit für eine Soultourist-Nummer. Das nächste große Ding wird unsere Compilation “Drumpoems” Anfang nächstes Jahr, mit einigen exklusiven Tracks, Edits und einer einzigartigen Verpackung. Es gibt auch Album-Pläne. Wir hoffen sehr, dass der Spagat zwischen Club und Listening gelingt. Wir machen weiterhin unsere Clubnights und suchen neue Talente für die Community.
http://www.drumpoet.com

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Elektronische Lebensaspekte.