Rhythm & Sound-Veröffentlichungen sind Platten, für die man auch eine Bank überfallen würde, nur um sie weiterhin sammeln zu können. Mark Ernestus und Moritz von Oswald haben in den vergangenen Jahren nicht nur ihre Produktionsmethoden immer mehr verfeinert, sondern ihr eigenes Universum um Reggae-Legenden erweitert. Soeben ist eine umfangreiche Werkschau erschienen.
Text: Jan Ole Jöhnck aus De:Bug 75

Slave To The … Rhythm & Sound

[oder: Children Of The Evolution]

Rhythm & Sound, jenes Projekt der beiden Basic Channel-Masterminds Mark Ernestus und Moritz von Oswald, das jetzt mit einer aus zwei CDs bestehenden Werkschau Bilanz zieht, scheint der mit Abstand Jamaika-orientierteste Output der beiden Berliner zu sein. Hört man nämlich die acht Vocal-Versionen der “w/ the artists”-CD, könnte man denken, hier hätten sich zwei in Gänze dem Dub verschrieben und sich vom Techno komplett losgesagt. Doch weit gefehlt, denn die beiden haben ihre eigene Formel elektronischer Musik zwar modifiziert, gehen aber nicht völlig neue Wege. Evolution, nicht Revolution ist das Motto.

Einen stärkeren Dub-Einfluss sehen die beiden nämlich keineswegs, das wurde gleich zu Beginn des Gespräches deutlich. Was sich auf den beiden CDs findet, hat sich eher ergeben, als dass es geplant war, die Grundhaltung ist keine andere geworden. Sie bewegen sich und arbeiten auch nicht anders, als etwa bei Basic Channel- oder Maurizio-Veröffentlichungen. Die beiden ausgewiesenen Reggae- und Dub-Kenner lassen sich nicht auf diese letztendlich billige Analogie festlegen. Tracks sind schließlich immer Momentaufnahmen, die dem außenstehenden Hörer durchaus als großer Bruch und Neuorientierung erscheinen können. Für die Schöpfer sind sie das Ergebnis eines kontinuierlichen Prozesses, den sie komplett gestaltet haben und weiter betreiben, der Abschluss eines Kapitels, das für sie nicht in klar umrissene Phasen zu unterteilen ist. In diesem Prozess haben sich Mark und Moritz sehr oft treiben lassen, ein Motiv übrigens, das einem bei elektronischer Musik immer wieder begegnet. Da muss die Frage nach einem stärkeren Einfluss durch Dub seltsam anmuten. Hört man nämlich genau hin, unterscheiden sich Basic Channel-Tracks nicht so stark von Rhythm & Sound-Stücken. Im Raum steht da eher die Bemerkung, dass die beiden schon vor langer Zeit eine gewisse 4/4-Club-Orientiertheit, mithin also diese Funktions-Orientierung ihrer Musik, aufgegeben haben. Es ist also eher etwas fortgefallen und Dub eben nicht als neues plakatives Element hinzugefügt oder verstärkt worden. Als bewusste Orientierung möchten sie das aber nicht verstanden wissen, ja eigentlich ist das Thema für die beiden gar keine Frage.

Nicht mehr allein

Wichtiger ist in diesem Zusammenhang ganz offensichtlich das Arbeiten mit Sängern, denn hier geht es um Probieren, um einen bestimmten Grund-Sound und -Groove zu finden, der zu den jeweiligen Vocals passt. Wie weit kann man gehen, was muss weggenommen werden, wo reduziert werden. An verschiedenen Orten – Berlin, New York und auf Jamaika – gevoict, mussten sich die beiden immer auf die Sänger und die jeweiligen Gegebenheiten einstellen, was oft in eine kurzfristig improvisierte Skizze mündete, über die dann gesungen wurde. Eine ausführlichere Vorbereitung war nur bei Paul St. Hilaire (der früher als Tikiman veröffentlichte) möglich, da dieser in Berlin lebt, man sich sehr gut kennt und immer wieder im Studio zusammen arbeitet. Jeder Sänger ist anders, arbeitet anders, was gleichzeitig Reiz und Hauptschwierigkeit darstellt. Jemand anderen in den eigenen Arbeitskosmos zu lassen, ist nicht unbedingt das Naheliegendste für Mark und Moritz, arbeiten die beiden doch seit Jahren vor allem zu zweit. Diese Öffnung scheint ihnen aber keinerlei Probleme zu bereiten. Ebensowenig wie den Sängern, die oft Entwürfe im Kopf haben, aus denen sie dann sehr schnell vollständige Vocals improvisieren können. Beide Seiten können sich also sehr schnell aufeinander einstellen.

Von der Skizze zum Track

Rhythm & Sound verwandten für die Zusammenarbeit fast immer einen skizzenhaften Basic Track, der dann gevoict wurde. Was für den Laien so klingt, als blieben den Produzenten nach den Gesangsaufnahmen nicht mehr viele Möglichkeiten der Bearbeitung, scheint ein sehr offenes Sound-Universum zu sein. Moritz von Oswald offenbarte verschmitzt, dass aller Spielraum bleibe und man die Tracks von Grund auf neu definieren könne. Es solle ja schließlich ein Rhythm & Sound-Stück sein! Das gerät dann mal zu einer schwierigen, mal zu einer einfachen Aufgabe, in jedem Fall nimmt man sich die Zeit, die nötig ist.

Das Voicing hingegen fand meist unter improvisierten Umständen statt. Nicht immer konnte es so einfach sein, wie mit der jamaikanischen Sängerin Jennifer Lara, die “King In My Empire” mit Cornel Campbell hörte und sofort eine Answer-Version aufnehmen wollte. Mark und Moritz mussten nicht mal in die Karibik reisen, denn es wurde einfach die version gevoict, um eine hinreißende weibliche Antwort zu erhalten. Die Reggae-Legende Cornel Campbell war da schon weniger einfach vor ein Mikrophon zu bekommen. Der weilte nämlich nur zufällig einen Tag länger in Berlin, weil ein Konzert abgesagt worden war. Man traf sich spontan im Studio, nachdem der in Berlin lebende DJ (das ist der MC im Reggae!) Joseph Cotton das Treffen vermittelt hatte. In 30 Minuten musste eine der besagten Skizzen produziert werden. Zunächst musste mit Campbell allerdings die Gage verhandelt werden. In Jamaika muss eben jeder sehen, wo er bleibt und vor allem sein Geld herbekommt. Mark und Moritz wissen das natürlich, einigten sich mit Cornel Campbell und das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist ein Stück, das uns sechs der schönsten Minuten unseres Lebens schenken kann: “King In My Empire”.

Alles war fließend

Während der New York-Aufenthalte bei Lloyd “Bullwackies” Barnes, mit dem die beiden seit langem freundschaftlich wie geschäftlich verbunden sind – Basic Channel betreut die sorgfältige Neuedition der ebenso raren wie legendären Reggae- und Dub-Veröffentlichungen seines Labels Wackies –, hing man oft tagelang im Haus und Studio von Bullwackies in der Bronx herum. Barnes fungierte dabei als eine Art Koodinator. Die Uhren gehen dort eben etwas anders, Sänger und Musiker gehen ein und aus, und irgendwann ergibt sich etwas. Das konnte dann schon mal morgens um 7 Uhr sein. Also ab ins Studio, schnell einen Basic Track gebastelt und los ging es. Alles war fließend, gestaltete sich unglaublich vage. Ein “Kommen lassen” eben, dem sich die beiden aber gerne überließen. Die Relaxtheit der New Yorker-Reggae-Szene färbte einfach auf sie ab – und auf ihre Stücke.

Da aber kein verbindlicher Plan existierte, mit wem man Stücke aufnehmen wollte, gestalteten sich die Treffen immer sehr ungezwungen und man tastete sich zunächst ab. So fanden beide Seiten heraus, ob es passen könnte. Die letztendliche Auswahl der Sänger hing somit auch eher von Zufällen ab, auch wenn sich die Ergebnisse überhaupt nicht so anhören. Vielmehr ist eine organische Einheit aus Produktion und Vocals entstanden, die nicht unbedingt selbstverständlich ist bei diesen doch eher ungeplanten und bisweilen auch holperigen Voicing-Umständen. Wenn man dann noch bedenkt, dass die meisten Sänger eine weniger elektronisch-improvisierende Arbeitsweise gewöhnt sind, staunt man über die Musik nur noch mehr. Denn die Stimmen sind so homogen in die Produktion eingebettet und drücken ihr gleichzeitig ihren Stempel auf, ohne sie einzuengen. Es sind die Stimmen, die die Rhythm & Sound-Musik von Track- hin zu Song-Orientiertheit zu modifizieren scheinen. Menschen haben eben die Angewohnheit, sich an Stimmen festzuhalten. Texte und Stimmen sind immer prägnanter als Sounds, dominieren diese auf eine Art, so auch bei Rhythm & Sound. Da ist es nur folgerichtig, wenn die Versions einem deutlich elektronischer, ja fast schon technoider erscheinen. Und hörte man nur diese, ohne Kenntnis der Vocal-Stücke, erledigte sich die Frage nach dem Jamaika Bezug vielleicht. Aber wer kann nach dem Hören der wunderschönen Vocal-Stücke diese schon aus seinem Kopf verbannen. Ursprünglich auf 10”s als A- und B-Seite veröffentlicht, waren sie sowieso als zwei Aspekte eines Stückes gedacht, ergänzen sich also und sind keineswegs als Gegensatz zu verstehen. Nur um zum Schluss einem möglichen weiteren Irrtum vorzubeugen.

Artists-Texte für den Kasten:

Cornel Campbell:

Dieser Sänger zählt zu den ganz großen veteran artists unter den Roots Reggae-Sängern Jamaikas. Er hat seit Ende der 60er kontinuierlich mit verschiedenen Produzenten aufgenommen, unter anderem mit Bunny Lee. Er stand aber immer im Schatten der ganz großen Namen, und ist daher eher nur den Reggae-Kennern als einer größeren Öffentlichkeit bekannt.

Jennifer Lara:

Sie hat Ende der 60er bei Studio One unter dem legendären Produzenten Clement “Coxsone” Dodd ihre Gesangskarriere begonnen, hat aber danach auch mit anderen zusammengearbeitet. Auf Jamaika hatte sie verschiedene Hits, was auch sie zu einem bekannten veteran artist des Rocksteady und später des Lovers Rock machte.

Paul St. Hilaire:

Der früher als Tikiman aktive, in Berlin lebende und ursprünglich von der südkaribischen Insel Dominica stammende Sänger steht für einen eher offenen Umgang mit Reggae-Vocals. Nachdem er mit Mark Ernestuns und Moritz von Oswald erste Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit elektronisch arbeitenden Produzenten machte, arbeitet er seitdem auch mit anderen. Sein eigenes Debütalbum “Specified” erschien jüngst auf False Tuned/Indigo.

Shalom:

Dieser jamaikanische Sänger stammt aus dem Wackies- und Sugar Minott/Youth Promotion-Umfeld und ist seit Ende der 80er aktiv. Er zählt also zur jüngeren Generation und gilt als Lovers Rock- und Roots-Sänger, der mit “I Got News For You” vor einiger Zeit einen Nr. 1-Hit auf der Insel hatte. Mittlerweile reist er oft für Aufnahmen nach New York.

Chosen Brothers:

Unter diesem Pseudonym singt der Produzent Lloyd “Bullwackies” Barnes. Als Emigrant kam er Anfang der 70er von Jamaika nach New York, gründete dort das erste dortige Reggae-Studio und wenig später mit Wackies auch das erste Reggae-Label im big apple. Singen ist seine zweite Leidenschaft, die er so meisterlich beherrscht wie das Produzieren.

Jah Batta:

Dieser in New York lebende Exil-Jamaikaner stammt aus dem engsten Wackies-Umfeld und nimmt vor allem dort seit Ende der 80er als Sänger Platten auf. Er ist vor allem für seinen DJ-Style bekannt geworden, der sich auf vielen Aufnahmen perfekt mit den Vocals von Sugar Minott ergänzt. Er ist ein klassischer DJ, der aber auch mit Gesang experimentiert.

Love Joy:

Claudette Brown, eine Hälfte des Lovers-Vocal-Duos Love Joys, hat jamaikanische Wurzeln, ist aber via Brixton – ja der Londoner Stadtteil ist gemeint – in New York aufgeschlagen. Berühmt ist sie für ihren wunderschönen Gesang auf den beiden legendären Love Joys-Alben sowie ihre Beteiligung an den Backing Vocals auf zahlreichen Wackies-Produktionen.

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Elektronische Lebensaspekte.