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Text: mizie morales aus De:Bug 30

/techno/dubplates No Way Back Ron Murphy’s National Sound Corporation: Vinylschnitt in Detroit ”Cutting Records is just like a live TV or live radio: You do it then. You can’t go back and erase it, you’re cutting it and that’s it.” Ron Murphy Michigan, USA: Lokaltermin bei Ron Murphy, der mit seiner Firmierung NSC (National Sound Corporation) auf den labeletikett-nahen Bereichen aller frühen Detroit-Techno-Platten Spuren hinterlassen hat und für deren speziellen Sound verantwortlich zeichnet. Seinem unkonventionellen Umgang mit dem Medium Vinyl, konkret der Reanimation alter, fast vergessener Techniken wie Loops, den Double Grooves und dem “Backwards”-Schnitt ist es zu verdanken, das viele Technoproduktionen aus Detroit zu Audio-Gadgets wurden. Gemeinsam mit DJ Electric Indigo, die sich gerade auf US-Tour befindet, lege ich einen Zwischenstop in Motor City ein. Mike Banks, Chef von Underground Resistance, bringt uns in seinem Jeep zu Ron Murphy. Im Keller seines Einfamilienhauses in Wayne County, Michigan, leben seine Vinylschneidemaschinen Scully und Neumann. Ron Murphy: Double Grooves…Doppelrillen…”Gx2″. Das heisst ÕGroove Times TwoÕ. Ich musste mir irgendetwas einfallen lassen, was man sofort identifzieren kann, eine Art Ron Murphy Trademark. Die Doppelrille ist aber eigentlich nicht neu. Das erste Mal, dass ich so eine Platte gesehen habe, war in den späten 60ern. Wir hatten damals so ein Gesellschaftsspiel hier, “The Record-Game”, bei dem es darum ging, Platten rauszubringen. Zum Spiel gehörte eine Schallplatte mit mehreren Rillen auf einer Seite. Auf der einen hiess es : “It’s a hit, it’s a hit!”, auf der nächsten: ‘It’s a flop, it’s a flop’ und auf der dritten: ‘Break-even, break-even.’ Der Herstellungsprozess ist eigentlich ganz einfach: Man schneidet erstmal eine sehr weite Rille mit dem längeren Track. Man braucht eine relativ lange, unmodulierte Einlaufrille. An der Stelle, an der die Musik anfangen soll, startet man das Tape. Beim zweiten Durchgang arbeiten wir dann zunächst an der unmodulierten Rille, versuchen die zweite Spirale genau in deren Mitte zu setzen, was wir “dial in” nennen. An dem Punkt, wo die Musik auf dem ersten Track anfängt, fahren wir den zweiten Track ab. Ich sehe während dessen immer durch das Mikroskop und kontrolliere die Abstände, die lines per inch. Mein Assistent, Heath Brunner, verändert sie ganz minimal während des Schneidens, damit keine der beiden Rillen die andere überlappt. Wenn es dem Zentrum der Platte entgegen geht, müssen wir den Schneidekopf vom zweiten Track heben, der beim Abspielen dann in die erste Rille fällt und zur Mitte hin ausläuft. Das ist auch der Grund, warum du den längeren Track zuerst schneidest. Wayne Country ist die typische Detroiter Suburb. Einfamilienhäuser, fette Schlitten vor den Garagen. Die Gegend, wo der Rasen scheinbar mit dem Lineal abgeschnitten wird. Backsteinfassade, im Keller: eine Neumann und eine Scully, an den holzvertäfelten Wänden: Schallplatten…die ersten URs… Ron Murphy ist vielleicht Anfang 50 und trägt ein blaukariertes Flanellhemd. Ron Murphy: Wir wollten die absolut weitesten lpi (lines per inch) haben. Mir schwebten ungefähr 60 lpi vor, was uns eine Tracklänge von rund fünf Minuten in einer guten Lautstärke und mit passablen Bässen ermöglichte. Die Platten, die wir für Submerge als double grooves geschnitten haben, da gab es eine Reihe von sieben Stück, waren einfach gute Tracks. Man hätte das auf keinen Fall so machen müssen, um sie zu verkaufen, die wären auch so aussergewöhnlich gewesen. Es gibt schon Leute, bei denen das Material vielleicht nicht so gut ist, die verlassen sich dann auf Tricks. debug: Du sagtest vorhin, du machst das seit 40 Jahren? Ron Murphy: Ja, ich kaufte meine erste Schneidemaschine 1959 über eine Anzeige auf der Rückseite eines Comic-Books für 9.95$, das macht also 40 Jahre. Eigentlich habe ich immer Platten geschnitten, hauptsächlich für Freunde, bis wir ’89 National Sound gründeten. Seit meinem zwölften Lebensjahr hatte ich das Equipment immer irgendwo im Haus aufgebaut, meistens also in meinem Schlafzimmer. debug: Dann kennst du dich ja gut aus in der Musik. Kannst du einschätzen, wann ein Track gut ist? Ron Murphy: Nein, wenn ich das wüsste, würde ich meine Dienste den Majors für Konsultationen zur Verfügung stellen. Mike Banks fragte mich einmal als er hier reinkam, um eine Platte schneiden zu lassen: “Was sagst du dazu, wie gefällt dir das?”, und ich sagte: “Naja, weisst du das nicht selber?” Mir geht es um den Klang der Platte: Sind die Tracks clever und erlauben sie mir, mein kleines bisschen Extra hinzuzufügen? Sind sie kurz genug, so dass ich laut genug schneiden kann? Haben die Produzenten ihren Job gut gemacht? Wir sitzen im Garten bei, natürlich, Chicken Sandwich, und haben gerade eben den Vinylspan aus dem Sammelbehälter der Scully abgefackelt. Stichflamme. Im Garten steht so ein Gewicht mit einem Gummiband und Tennisball, für autistisch-sportives Training. Und eine Schaukel am starken Ast eines Laubbaums. Ron Murphy: Als ich anfing für Mike Banks, Jeff Mills, Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunderson zu schneiden, hatten sie niemanden, der ihnen etwas hätte zeigen können. Es gab kein einziges Studio in der Stadt. Detroit war in musikalischer Hinsicht tot. In den 50er Jahren war die Musikindustrie stark. Es gab Presswerke und Studios und Tontechniker und Radioingenieure waren sehr gefragt. Aber diese Jungs hatten niemanden. Sie mussten sich das selbst beibringen. debug: Aber wie haben sie dich gefunden? Ron Murphy: Ich fing Mitte der 60er an, nachdem ich mit der High School fertig war. Damals arbeitete ich als Verkäufer in einem Laden für Audio-Equipment. Ein Typ, der ein Studio aufmachen wollte, kam rein, kaufte ein paar Geräte und sagte: “Ich brauche einen Tontechniker, warum kommst du nicht einfach mal vorbei?”. Ich war gerade mal 18 und ich wusste wirklich nicht allzu viel darüber. Aber ich kannte Platten und wusste, wie sie sich anhören mussten. Später habe ich dann in ein paar der grossen Studios gearbeitet. Als Motown aus Detroit wegzog, wurde das Geschäft mies. Du arbeitest da in einem Studio und von einem Tag auf den anderen hören sie auf und schliessen und du fragst dich: “Okay, wo kann ich sonst noch arbeiten?”. 1973 bin ich schliesslich bei einer Versicherungsagentur gelandet. In den 80ern traf ich dann diesen Typen aus Chicago, der gerade eine Riesenanzeige in der Zeitung aufgegeben hatte. Er suchte jemanden, der ihm beim zusammenbasteln einer Vinylschneidemaschine helfen könnte. Dieser Typ hatte einen Spleen für Jukeboxes, und er wollte einfach Platten für seine eigenen Jukeboxes schneiden. Er hatte sogar einen Deal mit drei seiner Lieblingsrestaurants gemacht. Er stiftete den Restaurants die Musikboxen, bestückte sie mit fünf seiner Lieblingsplatten und durfte dafür zum Lunch immer ãseineÒ Tracks hören. Ron sitzt jovial auf seinem Chefsessel und schaukelt hin und her. Er redet viel mit den Händen. Wir müssen uns etwas beeilen, Mike Banks will um 18 Uhr beim Baseball sein. Ron macht sich lustig über meinen Akzent. Ron Murphy: Niemand antwortete auf seine Anzeige. Als er nach Detroit rüberkam, landete er in einem Second-Hand-Laden für Platten. Zufällig kannten die mich dort. Also rief er mich an und fragte: “Hast du irgendetwas zu verkaufen?”, und ich sagte: “Naja, ich weiss nicht, ich habe eine zweite Schneidemaschine…” “Wieviel willst du dafür?” “Ich weiss nicht, ich müsste sie auch aufbauen, vielleicht 2.000$?!?” “Okay, wie ist deine Adresse? Ich schick dir 1.000 Dollar vorab. Ich komme dann vorbei, nehme sie mit und geb dir die anderen 1.000.”. Mir schien das alles ziemlich lächerlich. Warum sollte mir jemand 1.000 Dollar schicken? Vier Tage später kam der Scheck. Also sagte ich mir, dass ich vielleicht mal rausbekommen sollte, wie man das Ding wieder zusammenbaut. Wir blieben in Kontakt und ich merkte, dass er wirklich ins Geschäft kommen wollte. Die 2.000 Dollar waren so eine Art Test ob ich ihn bestehlen würde. Ich glaube, ich habe den Test bestanden. Wir fingen an zu reden und er sagte: “Wenn du je wieder ins Musikbusiness willst, lass es mich wissen, ich habe Geld.” Ich hatte wirklich genug vom Versicherungsgeschäft und wir redeten darüber, Platten für Jukeboxes und Dubplates zu schneiden. Irgendwann hatten wir ordentliches Equipment zusammen. Wenn Leute kamen, sagten die meisten: “Was ist denn das für ein komisches Teil?” So bezeichneten sie das Cutting-System. Als Juan Atkins und Derrick May vorbeischauten, wussten sie natürlich sofort, was das war und fragten: “Hey, schneidest du Platten auf dem Ding?” und ich sagte: “Naja, wisst ihr, wir schneiden Platten für Jukeboxes darauf.” Derrick sagte: “Könntest du ein Master darauf schneiden?”, und ich sagte: “Wer will denn heute noch Masters haben? Werden denn noch Platten veröffentlicht?” Er sagte: “Also dann hätte ich gerne ein Dubplate.” Also kam er am nächsten Tag zurück, mit einem kleinen, tragbaren DAT-Recorder und ich stöpselte ihn ein. Der Track ging los und mein erster Eindruck war der Rhythmus. Ich fragte ihn: “Okay, willst du ein bestimmtes EQing?” Er sagte: “Machs einfach so wie du meinst.” Mir war klar, dass die Bässe und die Drums ein ganzes Stück lauter sein sollten. Also drehte ich den EQ ziemlich weit auf und schnitt den Track sehr laut. Er sprang auf und sagte: “Damn! Ich wusste, dass eine Platte so klingen kann.Ò Am nächsten Tag kam dann Juan Atkins vobei, um ein Plate zu schneiden. Prompt brannte der Verstärker durch. Viele dieser frühen Tracks waren auf wirklich schlechtem Equipment produziert. Die Jungs brauchten eine Zeit, bis der Klang qualitativ besser wurden. Diejenigen, die herausfanden, wie man eine gute Platte macht, waren dann auch die, die erfolgreich wurden. An der Wand: die unterschiedlichsten Devotionalien. Elvis-Cover hinter Glas, UR-Postkarten, collagenhaft, zeitgerafft. Die Scully ist die stromlinienförmige Grande Dame in Chrom. Nostalgisch ist kein Ausdruck. Ron Murphy: Die meisten Schneidestudios benutzten damals schon das europäische Neumann-System. Das packt man einfach aus und legt los. Die Scully habe ich Stück für Stück zusammengefügt, meine Maschine ist rund 60 Jahre alt. Sie stand für vielleicht 40 Jahre unbenutzt in einer Fabrikhalle. Über die Jahre habe ich mich intensiv mit dem Medium Vinyl und alten Schneidetechniken auseinandergesetzt, wie man früher Platten von innen nach aussen schnitt und kleine Nachrichten auf die Platten schrieb, um diesem handwerklichen Produkt wieder eine Identität zu geben. Eines Tages kam Kevin Saunderson herein und fragte, ob wir nicht irgendetwas spezielles machen könnten. “Lass uns die Platte rückwärts schneiden, von innen nach aussenÒ, schlug ich vor. “Wie um alles in der Welt willst du…?”. Ich zeigte es ihm und er sagte: “Mach es so!” debug: Welche Platte war das? Ron Murphy: Das war die “Reese: Bassline”, blaues Vinyl, sie hängt da drüben an der Wand. Ich wollte ganz sicher gehen, dass wir diese Techniken auf guten Platten anwendeten, so dass sie einen bleibenden Eindruck hinterlassen würden. Deshalb sprach ich auch mit Jeff Mills, Mike Banks und Richie Hawtin darüber. Die Loops sind ähnlich zufällig entstanden. Jeff Mills kam rein und sagte: “Hör mal Ron, ich habe da dieses Projekt “Rings of Saturn”, können wir irgendetwas anderes damit versuchen?” Es traf mich wie ein Schlag und ich sagte: “Warum schneiden wir nicht einen Track und dann noch ein paar Ringe aussen herum, genau wie beim Planeten Saturn?”. Der Track war zufällig 133 bpm schnell, ich machte einen kleinen Test-Cut und…er war einfach perfekt! Ich wusste wirklich nicht ganz genau, was ich da tat. Er lief immer weiter, ganz rund, und ziemlich bald, ich glaube, da hätten irgendwelche HiHats kommen sollen, sprang Jeff auf und sagte: “Hey hey hey, was ist los?”, und ich sagte: “Das ist der Loop!”. Er sah auf die Schallplatte und sagte: “Weisst du, was das bedeutet?”, ich sagte: “Nein, was bedeutet es denn?” “Wir haben hier ein Warenzeichen geschaffen, wir müssen uns das Copyright schützen lassen! Alle Leute, die diese Technik benutzen wollen, müssen an uns Royalties zahlen!” Wir fahren mit Mike Banks im Jeep zurück nach Downtown. Electric Indigo filmt Footage aus dem Fenster heraus. Mike holt sich Erdnüsse an einer Tanke. Später gehen wir zum Mexikaner, im Hotel schauen wir Reviews über Prinzessin Diana und trinken mehr Bier, Dos X, aus dem Liquor-Store um die Ecke.

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Elektronische Lebensaspekte.