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Text: thaddeus herrmann aus De:Bug 30

A User’s Guide To Dubplates Warum Schallplatten nicht immer wie die Masterbänder klingen Schallplatten sind wunderbar, das wissen wir. Doch wenn das Geld zusammengekratzt ist für die erste Vinylveröffentlichung oder der DJ aus dem Lieblingsclub angefragt hat, ob er nicht vielleicht ein Dubplate schneiden dürfte, gilt es im Gegensatz zu digitalen Medien – in der Regel also CD’s, zumindest wenn Musik im Spiel ist – bestimmte Regeln zu beachten, damit das, was man im wochenlanger Arbeit im Studio erschuftet hat, hinterher auf Vinyl auch ungefähr so klingt wie auf der heimischen Anlage. Mit einem möglichen Frequenzspektrum von 7 Hz bis 25 Khz und einer Dynamik, die man theoretisch bis zu 75 dB hochtreiben kann, liegen Hit & Miss eng beieinander. Grundsätzlich sollte man schon beim Produzieren auf ein ausgewogenes Klangbild achten. Wenn die Höhen schon zu Hause sehr hell und spitz klingen, sind die Probleme beim Schnitt vorprogrammiert. Dennoch gilt: Schneiden kann man (fast) alles, und die eigene Vorstellung von der Musik ist wichtiger als Vorschriften etwaiger Fachmenschen. Musiker, die einfach mal zehn Tracks auf ein Album packen wollen, das nicht clubkompatibel sein soll, können sich entspannt zurücklehnen. Bei Dubplates und 12Ò aber, die – laut wie Hölle – den Club rocken sollen, sieht das ein bisschen anders aus. Bässe und Höhen, schön aber schwierig Die erste natürliche Grenze, auf die man beim Vinyl stösst, ist die Aufnahmezeit pro Seite und die Lautstärke. Je mehr Musik auf einer Seite, desto leiser wird und desto mehr Bass verliert sie. Bass braucht Platz, viel mehr als die hohen Frequenzen. Doch auch die machen Probleme: Digitale Aufnahmemedien schlucken Höhen ohne Ende, bei Vinyl ist das leider nicht so. Die Schneidemaschinen senken Bässe von Haus aus radikal ab und boosten die Höhen. Ohne die Bassabsenkung läge die maximale Spielzeit einer 12Ò-Seite bei runden fünf Minuten, ohne die Betonung der Höhen würde man deutlich weniger Musik, dafür aber umso mehr Surface Noise hören. HiFi-Verstärker kehren diesen Prozess dann beim Abspielen von Platten wieder um, heben den Bass an und senken die Höhen ab. Eine internationale Richtlinie aus dem Jahre 1953 (RIAA Record And Reproduce Curves) hat das standardisiert. Also Vorsicht mit den Höhen, weniger ist mehr. Erschwerend kommt dazu, dass Höhen auf dem Weg von Einlaufrille zur Auslaufrille verloren gehen. Der Tonarm braucht für eine Umdrehung bei 33 rpm 1,8 Sekunden. Dabei legt er an der äusseren Kante der Schallplatte einen Weg von rund 36 inch zurück, an der Auslaufrille sind es aber nur noch knapp 15 inch. Die Toninformation wird zusammengepresst, hat weniger Platz, und das Zuviel wird als Verzerrung wahrgenommen. Tracks mit viel Höhen gehören also an den Anfang von Plattenseiten. Stereo? Auch extreme Stereoeinstellungen, von links nach rechts pingpongende Drums zum Beispiel, kosten viel Platz. Bei Bässen und Höhen bewegt sich der Stichel seitlich in beide Richtungen. Bei Stereo-Informationen gräbt er sich tiefer in das Vinyl ein. Dabei wird die Rille nicht nur tiefer, sondern auch breiter. Für extrem laute Schnitte gilt also: die Bassdrum gehört in die Mitte und da bleibt sie. Auch die Phase sollte stimmen. Unbedingt auf die Mono-Kompatibilität der Aufnahmen achten. Nichts ist schlimmer, als wenn eure erste Platte im Radio läuft und Mutti auf ihrem Mono-Küchenradio plötzlich gar nichts mehr hört. Zwar kann man phasenverdrehte Signale auch auf Vinyl schneiden, aber auch sie kosten Extraplatz, und das muss ja nicht sein. Bei der Arbeit mit Mischpulten also ab und zu auf Mono schalten und schauen, ob noch alles da ist. Im Rechner checken PlugIns wie der Phase Meter oder die Mastering Software Sparks, ob die Phase stimmt. Mach mal laut… …ist so der Standardwunsch der Produzenten und bei Dubplates ja auch noch einigermassen einzusehen. Also: fasst euch kurz. Wenn ihr eure Tracks so richtig auf Radio Edit Länge habt, erntet ihr Schulterklopfen vom Techniker, einen Pegel von ungefähr + 6 dB und offene Münder im Club. Für Dubplates gilt: Um diesen Pegel zu erreichen, darf der Track nicht länger als acht Minuten sein. Je mehr Musik man einer Seite zumutet, desto flacher wird die Rille, desto grösser die Gefahr, dass die Nadel bei einem tiefen Bass anfängt zu springen, oder sich sogar nebeneinander liegende Rillen bei einem Basswumms plötzlich überschneiden. Bei mehreren Tracks auf einer Seite, in der Regel also bei normalen LP-Produktionen, gilt: Alles unter 20 Minuten ist ok, 16 bis 18 Minuten das Optimum und 24 Minuten das absolute Maximum. Logisch wird einem da jeder Engineer was anderes erzählen, aber die Grössenordnung stimmt. Der Sprung von 20 zu 24 Minuten kostet runde 3 dB Lautstärke. Wenn eine Seite länger ist als die andere, sollte sie das ruhigere Material beinhalten, so spart man Platz. Für die typische 12Ò, geschnitten auf 45 rpm, empfiehlt sich eine Lauflänge von nicht mehr als neun Minuten.

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Elektronische Lebensaspekte.