Wonach wirklich kein Hahn sich mehr zu krähen traut, ist 2Step. Aber außerhalb der Insel unbeachtet haben sich aus dem 2Step-Humus diverseste Folgeszenen entwickelt. Dubstep ist die populärste. Wir fassen lax zusammen.
Text: Stephen Lumenta aus De:Bug 73

Wie tickt die Insel?
UK-Dubstep

Über Dubstep gibt es mittlerweile jede Menge zu lesen. Diese Musik, die Elemente von 2Step, Drum and Bass, Techno, Dancehall und Kung-Fu-Filmen in sich vereinen soll, ist so ein klassischer Kritikerliebling, dem ein großes “Pushing Boundaries” Potential zugesprochen wird. Nach der kurzen Entwicklungsphase gibt es jetzt den ersten offiziellen Mix, der von den Qualitäten der Südlondoner Jungs künden soll: “Dubstep Allstars”, zusammengefrickelt von DJ Hatcha.
Die Geschichte dieses UK Garage-Ablegers lässt sich am besten am Plattenladen “Big Apple Records” in Croydon, Süd-London, festmachen. 1992 unter anderem von John Arnold primär als Drum and Bass, House, Techno etc. Outlet gegründet, hat sich der Laden gegen Mitte bzw. Ende der 90er zu einem Sammelplatz für UK-Garage-Freunde und DJs gemausert, die um den Tresen standen und die neuesten Whitelabels ergattern wollten. Einen maßgeblichen Anteil hieran hat DJ Hatcha, da er sich um die Zulieferung von Garage-Platten gekümmert hat. Es ist aber nicht dieser cheeky Sound mit hochgepitchten Stimmen gefragt, sondern die etwas härtere Variante: so eine Art Drum and Bass mit Garage-Ästhetik auf 135 BPM. Angebot und Nachfrage stehen allerdings in einem ungleichen Verhältnis zueinander, so dass viele Produzenten anfangen, ihre eigenen Whitelabels zu pressen: Der Sound wird immer härter, lässt einen deutlichen Jamaika-Einfluss hören, entfernt sich ganz stark von dem klassischen Garage-Klischee. Unter den Vorreitern dieses neuen Klangs stehen auf jeden Fall Zed Bias, El-B (ehemals Groove Chronicles), Oris Jay, Sticky und Sovereign. Von da setzt eine Weiterentwicklung ein, an der vor allem junge Leute interessiert sind: Eine stetige weitere Zersplitterung der Musik geht voran. Bizarre Schubladen werden aufgezogen, so dass man heute von 4 Beat, Breaks, East Beat, Tribal und eben Dubstep spricht.
An der Front (wie martialisch) der Entwicklung steht heute ein loses Netzwerk, dass sich um “Ammunition”-Promotion (fast jede Platte, die aus dem oben lose definierten Genre stammt, wird von Ammunition vertrieben) spannt: Die Website dubplate.net, Ammunition eben, Big Apple Records und die Clubnacht “Forward” in Londons “Plastic People” – will man irgendetwas über Musik aus London schreiben, führt kein Weg an diesem Club vorbei.
Dubstep ist sehr minimal: Es gibt kaum Flächen, dafür Techno-Bleeps oder asiatische Samples; die Basslines stammen meistens von Subbässen, wobei die Akzentuierung sehr stark an Dancehall erinnert. Die Besonderheit liegt auf jeden Fall in den Beats: Der rhythmische Überbau stammt von der alt bekannten 2Step-Dynamik, die Snares werden aber passioniert an die entferntesten Orte gelegt, so dass die Trommeln so richtig schön ins Schwingen kommen. Die Engländer nennen so etwas “Skank”, ein deutsches Pendant muss dazu wohl noch erfunden werden. Der Mix von DJ Hatcha erinnert deswegen auch sehr stark an ein Minimaltechno-Set. Es gibt kaum einen Track, der von der Seite nach Aufmerksamkeit schreit, die Übergänge sind kaum zu hören, das Ganze fließt in einer von vorne bis hinten konsistenten Energie, dass es wirklich eine Freude ist. Zu den vertretenen Künstlern gehören die hoch gelobten Horsepower-Productions, Urgestein El-B und der 16-jährige Benga.
Mal sehen, wann dem Kontinent was zu dem Thema einfällt.

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Elektronische Lebensaspekte.