Hochstapeln im digitalen Zeitalter. Der moderne 01-Terrorist schaltet das Grosskapital aus, indem er dessen Managern technische Überlegenheit vortäuscht. Schwupps, erliegen die einem Herzinfarkt. Die sanfte Revolution.
Text: Harald Taglinger [harald@taglinger.de] aus De:Bug 35

Duell Digitale Moderner Schlagabtausch im Westentaschenformat Harald Taglinger harald@taglinger.de Zugfahrten sind leider langweilig. Wie gut, dass einem garantiert ein Zeitgenosse gegenübersitzt, dessen männlicher Stolz mit einem Handy und einem Handheld in Grund und Boden zu fahren ist. Und das geht so: Ich setze mich prinzipiell immer dann in Grossraumabteile, wenn zwischen den Haltestellen mehr als 2 Stunden liegen und die Landschaft vor dem Zugfenster ungefähr die gleichen Hormone ausschüttet wie ein Abendessen mit Angela Merkel. Wahlweise sind deshalb die Strecken Mannheim-Stuttgart oder Würzburg-München sehr geeignet. Vierersitze mit Tisch sind dringend notwendig. Und ein Mann mittleren Alters, möglichst im Anzug sollte es schon sein. Ich eröffne klassisch. Mein Handy liegt wie zufällig plötzlich zwischen uns. Wie gut, dass ich mich per SMS von einem Weckdienst (http://www.weckruf.de) gerne in dieser Zeit anbimmeln lasse. Jetzt heisst es, den taktischen Vorteil gut nutzen. Ich murmle halblaut, aber doch hörbar: “Natürlich kaufen, du Dussel!” und schicke wahllos an mich selbst eine Nachricht zurück. Der Inhalt? Egal. Mit ein bisschen Glück zückt mein Gegenüber jetzt auch seinen Hörknochen. “Ich hab sowas auch”, will er mir sagen und weiss doch: Es wird nicht klingeln, es wird nicht klingeln, es wird nicht klingeln! Aber haben tut er eines. Oh je… Es läutet, meine selbstgeschickte Nachricht kommt via Routing über D1, D2, dann VIAG und noch einmal E-Plus auf mein Handy zurück. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, es sind noch 90 Minuten bis zum nächsten Bahnhof. Ich nehme das Gespräch an und brülle euphorisch “Was? Echt? 150%?” in die tote Leitung. Und dann “Das ist doch kein Problem. Ich habe das als dynamisches Update unter http://taglinger.de/datastruct.asp für Sie abgelegt”. Wenn jetzt mein Gegenüber auch nur mit einer Wimper zuckt, hat er schon verloren. Dann erledige ich ihn mit “Klar, ich ändere noch schnell die Style Sheets”. Jetzt ist er in 5 Zügen matt. Meistens beginnt mein armer Freund im Abteil hektisch die Adresseinträge auf seinem Handy zu pflegen. Seine liebe Mama wird jetzt garantiert eine Daumennachricht a la “Bin in Würzburg. Zug fährt schnell. Dein Sohn” erhalten. Soll sie doch. Nokia hat ja auch nette Spiele in diese schicken Geräte gepackt. Da kann er jetzt ruhig angeben. Ich lasse ihn erst einmal auf den 10 Tasten eine Bindegewebsschwäche kriegen. Dann schaue ich interessiert aus dem Fenster und zücke meinen Handheld. Aus der Hosentasche. Mit einer Hand. Aufklappen. Konzentriert auf das Display starren. So tun, als würde ich meine Kopfhörer anstecken (die kann man in den PCMCA-Schacht klemmen. Zur Not.). Bei “MP3 ist ja gottseidank schon alter Käse” perlt dem Mamasöhnchen die Stirn. Ihm bleibt nur das ICE Bordmagazin, ich tue derweil ein wenig in die Tasten hacken. Das ist nicht weiter schlimm. So etwas kann man auch bei geöffnetem “Solitaire” machen. Ein Excel-Sheet wirkt aber authentischer. Jetzt noch mein Handy daneben legen. Irgendeine Nummer wählen. Ich summe leise, fuchtle wie wild mit den Datenstift auf meinem Computerdisplay herum und breche nach 3 Sekunden befriedigt den Connect ab. Nur Anfänger würden jetzt “2 gigabit/sec” murmeln. Das war doch eh klar. Und wenn er dann noch lächeln sollte, frage ich ihn auf dem Weg zum Zugrestaurant nur, ob ich mir zufällig seinen Handscanner leihen könnte. Eine Flashcard täte es zur Not auch. Sieg. Matt.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.