Es gibt ein Recht auf Differenz, meint der ehemalige Exilkanadier Jeremy Caulfield, der mit seinem Label Dumb Unit den Minimalismus kickend verflüssigt. Modifizierender Modernismus für merkwürdige Zeiten.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 65

Jeremy! Komm zurück! Berlin ist eine grausame Stadt. Menschen kommen und gehen viel zu oft. Ständig rauschen Leute aus dem elektronischen Exil herein, nisten sich für ein paar Monate, gerne länger, wenn sie können, bei uns ein, man gewöhnt sich an ihren Anblick und ihre eigenwilligen Gesten morgens im Ostgut oder auf einer Strandparty, und flupps, weg sind sie wieder. Nach Kanada z.B. Das passiert viel zu oft. Wir hatten eine richtige Kanada-Invasion vor ein paar Monaten, die uns auch Jeremy Caulfield von Dumb Unit auf die Weinmeisterstraße spülte. Und jetzt sitzt er gelangweilt zu Hause in Toronto und möchte wieder zurück und wir wollen ihn auch wieder haben. Sofort. Rückt Jeremy raus! Ihr blöden Kanadier, ihr.

Multiphrene Expansion
Warum wir Jeremy so lieb gewonnen hatten und was er eigentlich in Toronto zu suchen hat, erfahrt ihr jetzt, also Schluss mit dem larmoyanten Geschwätz, denn Jeremy ist ein elektronischer Ehrenmann. Ein unterschätztes Genre, eine wichtige Spezies, Menschen, die die Geschichte ins Wanken bringen, indem sie ständig andere Zeiten wieder aufscheinen lassen. In Toronto gehört er er nicht nur zu den festen DJ-Größen, sondern auch und vor allem zur DJ-Geschichte der Stadt. Er hatte Ewigkeiten sämtliche Resident-Jobs der wichtigen Clubabende, promotete wie wild Techno und was daraus werden sollte. Bildete mit Marshall, Milligan und einigen anderen einen Pool von Verschworenen, die sich bei Sonnenuntergang zum Blick über den Teich trafen, von wo der Minimalismus nach Amerika zurückrief. Man blickte sich untereinander um, stellte fest, eigentlich sind wir uns längst selbst genug, und gründete wie wild ein Label nach dem anderen. Killer, Revolver, Hautec usw. Und eben Dumb Unit.

Sein eigenes Label, das uns die ersten Platten mit dem schwärmerisch minimalen Sound von Jake Fairley aka Jard Fireburg brachte, Adam Marshalls harschen Minimalismus, der wie Caulfields DJ-Sets auch stark beeinflusst ist von einem treibenderen, darken, soulfull Minimalsound, die wundersame Welt der fragilen Minimalhousetracks der Gebrüder Thibideau aka Repair und mit seiner Connection zu Deutschland erschienen auch Sub-Static Mit-Owner Falco Brocksieper und der Berliner Geheimtip Raumagent Alpha auf seinem Label. Und wenn nicht mehr die anderen minimal sind, sondern alle, und wir längst Toronto und Montreal miteingeschlossen haben, dann ist es an der Zeit auszubrechen, die Differenz einzufordern, und genau an dieser Position ist Dumb Unit. Kein Wunder, dass Jeremy die Herangehensweise einiger seiner zeitweisen Mitbewohner in Exilberlin so schätzt, T.Raumschmiere, Festplatten. Ähnlich wie die Band von Jake Fairley auf Dumb Unit sucht er mit dem Wissen um Minimalismus, der immer auch Modernismus sein muss, etwas, das nicht etwa darüber hinaus will, sondern sich infizieren lässt mit einem Anderen. Und wer erkältet ist, hat das Recht zu rotzen. Contaminated Modernism, wie Caulfield es nennen würde. Multiphrene Expansion. Minimalismus ist kein Sound mehr, sondern seine bis an die Grenzen eines möglichen (und mit Sicherheit flüssig, vielleicht überflüssig gewordenen) Genres gehende “interne” Differenzierung durch Einbrüche, Infektionen, fröhliche Korrumption.

Wer einen tiefen Einblick in die Seele von Jeremy P. Caulfield gewinnen will, muss sich die Cover der 12″s auf seinem Label genauer ansehen. Caulfields Dumb Unit-Cover ragen inmitten des Vektorgraphik-Overloads-Referenzrahmens heraus mit ihren strangen elektronischen Männchen in Anzügen und Trenchcoats, Seitenblicken von Agenten, die gewohnt sind, ins Nichts zu sehen, Visualisierungen des Aspekts der grundlegenden Fremdheit der medialen Selbstverständlichkeiten und Allgemeinplätze, Blicke aus merkwürdigen Zeiten, fremdem Habitus mitten im generativen Kubismus, einer von Digitalität durchzogenen Welt ständiger Aufsplitterung, Schattenhaftigkeit, Resonanz und expandierender Potentialitäten der Verdopplung. Klingt das dufte? Klar, und es kickt.

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Elektronische Lebensaspekte.