Jeden Monat trifft Hendrik Lakeberg Menschen, die ihre Spuren im Nachtleben hinterlassen haben
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 141

Diesmal sind diese Spuren hauptsächlich von heißen Gummireifen auf glatten Pisten. Eine Gokart-Bahn ist ein eigenes Universum. Zwischen Adrenalin und existentiellem Krieg um Sekundenbruchteile sind auch spät am Abend metaphysische Momente zu entdecken.

Das Schönste sind die Geraden. Wenn man das Gaspedal bis zum Anschlag durchdrücken kann. Durch das halb geöffnete Visier weht mir der kalte Fahrtwind in mein Gesicht, das Lenkrad in meinen Händen vibriert, der Sound des Motors wird lauter, höher, fast ein Kreischen. Kurz vor der Kurve bremse ich, die Hinterachse bricht weg. Ich drehe mich und das Kart steht für einen Moment still. Ich muss neu anfahren, krache in die Bande am Streckenrand und brauche etwa 20 Sekunden bis das Sodi X7, ein Original-Modell aus Michael Schumachers Kartcenter in Kerpen, wieder auf Spur liegt.

Zwei andere Fahrer ziehen an mir vorbei. Sie haben mittlerweile zwei Runden Vorsprung. Auf der nächsten Geraden schaue ich aus den Augenwinkeln auf die Anzeigetafel, die die Zeiten anzeigt und mit einem Videobeamer an eine breite Säule in der Halle der ehemaligen Kindl-Brauerei in Berlin-Neukölln projiziert ist: 1,28 Minuten. Drei Stunden vorher hatte ein Fahrer mit dem Spitznamen Fabi den Rundenrekord gebrochen. Er liegt bei 1,07. Immer wenn du an der grünen Ampel vorbeifährst, beginnt eine neue Runde. Sisyphos auf der Gokart-Bahn. Schneller, schneller, faster Pussycat, kill, kill. “Verstehst du jetzt, worum es hier geht“, sagt Akin zu mir. “Man sieht die Zeiten, man will sich messen, das Beste aus sich rausholen.“ Er klingt ernst dabei, als ob er mir in diesem Moment die Metaphysik dieses Ortes erklären wollte. Es ist Mitternacht und die Gokart-Bahn schließt gleich. Akin ist der Geschäftsführer.

No Style – Hardedge-Design
Die Stunden bis zum finalen Rennen verbringe ich in einem Festzelt, das mitten in der riesigen Halle aufgebaut ist. Es ist aus Kunststoff. Eines in der Art, wie man es auch auf Schützenfesten findet, oder einem großen Gartenfest. Es steht dort wie ein Alien-Obduktionszelt in einem Hangar der Area 51. Am Tresen hängt eine Kleiner-Feigling-Wimpelkette, unter der Decke ein roter Ferrari-Regenschirm, rechts hinter dem Tresen, neben dem Getränke-Kühlschrank, das Trikot einer Fußball-Jugendmannschaft, die von Berlin-Kart gesponsert wird.

Das alles folgt einem Design-Konzept, das ich nicht verstehe, was es um so interessanter macht: No Style, Hardedge-Design, ich suche nach einem passenden Namen und finde keinen. Aber auf der Gokart-Bahn geht es ja schließlich nicht um Schönheit oder so einen Kicki. Hier fährt man um den Rundenrekord, um den Sieg. Man fährt den anderen davon, manchmal vielleicht auch um sein Leben – metaphorisch gesprochen selbstverständlich. Akin managet Berlin-Kart seit einem guten Jahr. Er ist 28, hilfsbereit und freundlich. Mit Mitte 20, als ich noch orientierungslos rumstudiert habe, hat er bereits drei Vodafone-Handyläden geleitet.

Hinter dem Tresen steht Sandra. Sie arbeitet fast jedes Wochenende hier, hat blonde Haare und auf einem ihrer Schneidezähne glitzert ein geschliffener Schmuck-Stein. Ihre Haare sind blond, ihr Gesicht schön, mit gleichmäßigen Zügen. Sie ist dezent geschminkt. In eineinhalb Jahren würde sie Abitur machen. Sie möchte die Schule aber abbrechen und eine Ausbildung zur Operationstechnischen Assistentin anfangen. Dafür braucht man nur einen Realschulabschluss, meint sie.

“Wir wollen fahren, so lange die Reifen noch warm sind”
Eine Gruppe Jungs mit ihren Freundinnen im Schlepptau betritt das Zelt. Später, als die Typen auf der Strecke sind, sitzen die Mädchen an den Tischen im Zelt und trinken Apfelschorle. Nur eines mit blonden Strähnen und einem Piercing in der rechten Oberlippe steht am Streckenrand und schaut ihrem Freund zu. Sandra erwähnt ein Praktikum in der Pathologie, das sie gemacht hat. Dass sie die Arbeit dort faszinierend fand, aber den Geruch auf Dauer nicht ausgehalten hat. Sie erzählt, wie man den Toten den Kiefer brechen musste, damit sie im offenen Sarg auf der Beerdigung ein gutes Bild machen. Wir reden über Leichen, dann über Haar-Extensions.

Die Jungs kommen von der Kart-Bahn und legen eine Pause ein. Als sie weiterfahren wollen, werden sie ungeduldig und sagen zu einem der Kartbahn-Mitarbeiter: “Mach die Karts wieder klar, wir wollen fahren, so lange die Reifen noch warm sind!“ Neben uns am Tresen unter einem Heizpilz steht ein netter Kerl um die 30. Er verbringt öfter einen Freitag- oder Samstagabend hier. Er erzählt, dass er gerne in den Kosmos-Club geht, dass er dort mittlerweile die Türsteher kennt.

Da wird Techno gespielt und Trance, und es gibt einen Raucherfloor. Jedes Wochenende erhält er eine SMS mit den Veranstaltungen dort. Es klingt erst, als ob die Türsteher ihm persönlich eine Nachricht schicken. Aber je länger wir reden wird klar, er ist auf dem Club-Verteiler und einer von hunderten, die die gleiche Nachricht bekommen. Wenig später stehen wir am Rand der Kart-Bahn, es läuft Robin S “Show me love“ auf einem Internetradiosender. Vor uns auf der Rennstrecke stehen zur Dekoration ein paar Tannenbäume aus Plastik. Er sagt: “Das schönste Gefühl beim Kartfahren ist, wenn du jemandem hinter dir lässt, der sich auf der Strecke gedreht hat.“ Als wir auf der Bahn sind, und er merkt, dass ich viel langsamer bin als er, hält er immer wieder an und wartet ab, bis ich aufgeschlossen habe.

“Ich will, dass die Leute hier mit einem Lächeln im Gesicht rausgehen“, sagt Akin. Genau das tun sie auch. Gegen 23 Uhr verlassen die Jungs mit ihren Freundinnen die Bahn. Ihre Wangen sind vor Aufregung und Adrenalin gerötet. Am Ende des Abends stößt eine Freundin von Sandra zu unserer Runde. Sie arbeitet als “Saftschubse“ in einem Lokal hinter Erkner, sagt sie. Sandra und ihre Freundin tanzen ein wenig: Garn aufwickeln, Häusle Bauen. Dazu läuft “Remmi demmi“ von Deichkind und von Frauenarzt und Manny Marc “Disco Pogo“. Es wird viel gelacht und ich habe das Gefühl, Gast auf einer spontanen Familienfeier zu sein. Als die Lichter über der Kartbahn aus sind, leuchtet das Zelt noch ein wenig in die Dunkelheit hinein. Auf dem Weg nach draußen bestellt Akin mir ein Taxi zurück nach Mitte. Er wechselt mit dem Fahrer ein paar Worte auf Türkisch und bezahlt. “Ich tue etwas für dich. Wenn ich einen Gefallen brauche, melde ich mich“, sagt er. Ich sage: “Gerne.“

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Elektronische Lebensaspekte.

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