Börek vs. Biobrot
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 161

Hendrik Lakeberg ist regelmäßig für uns im Nachtleben unterwegs. Diesmal führt ihn das nicht in den Club, sondern in den Neuköllner Späti International. Bei John-Coltrane-Beschallung treffen sich hier Hipster, Kiez-Alkis und türkische Jungs auf Korn und Mate.

Mal raus aus Wedding. Weg von der Deleuze-geschulten Kunstprofessorenfamilie, die sich wegen zu lauter Musik mit aggressiven Tritten gegen die Wohnungstür beschwert, oder Wasser von oben auf unseren Balkon schüttet, weil wir, um den Einzug zu feiern, einen Grill angeworfen hatten. Während das Wasser in die Kohlen tropfte, schrien sie: “Das ist ja wie bei den Türken!” Weg von dieser Künstlerfamilie, deren männliches Oberhaupt ganz am Anfang, als wir die Möbel in die Wohnung räumten, im Hausflur zu mir sagte: “Es gentrifiziert hier gerade ganz schön.” Ich musste lachen und sagte dem Mann, dass wir die Gentrifizierung hier nun ordentlich vorantreiben würden. War mit ihm doch längst die neue Bürgerlichkeit inklusive Wachschutz in dieser Wohnkolonie im sonst armen und rauen Wedding angekommen.
Wir wollen durch die Spätis von Neukölln ziehen, weil da tatsächlich schon ordentlich gentrifiziert wurde. Auf der Weserstraße, auf der ein Malerfreund vor fünf Jahren noch ein Atelier hatte, in das ständig neugierige Migranten-Kids spazierten und ihm Löcher in den Bauch gefragt haben, reiht sich heute Kneipe an Kneipe. In sein Atelier kam eines Tages ein junger Mann, Typ Kiez-Don und fragte, ob er ihn nicht malen könne, er würde auch bezahlen. Er sah sich breitbeinig im Anzug auf einem schweren Ledersessel mit Zigarre in der Hand, seine Braut sollte hinter ihm am Sessel lehnen. Er wollte das Bild über das Ehebett hängen. Der Malerfreund, der feinsinnige Bilder angelehnt an die klassische Moderne malt, empfahl ihm einen anderen Künstler, der so etwas besser bewältigen konnte als er. Heute würden eher bebrillte Jungs in Röhrenjeans an den Schaufensterscheiben des Ateliers vorbeilaufen, hineinschauen und denken, dass die klassische Moderne als Sujet der Kunst irgendwie doch so twothousandfive ist, während sie auf dem iPhone ihre Tumblr-Seite pflegen.

Bier, Schnaps und Tiefkühlpizza
Warum also Spätis? Weil sie die kulturellen Schmelztiegel des Viertels sind. Hier vermischt sich die Kultur der Alteingesessenen mit der der Zugezogenen. Molle und Korn vs. Club-Mate und Wodka. Börek vs. Biobrot. Spätis sind wie Kiezkneipen als Bahnhofshalle, hier begegnet man sich flüchtig, und doch spiegelt sich in ihnen durch die hohe Fluktuation das soziale Leben des Kiezes.
“Hallo, mein Freund! Wie geht’s mein Freund. Alles klar, mein Freund?” Es gibt in Berlin einen Späti-Slang. In den meisten Spätis befinden sich Stehtische. Entweder um Zucker und Milch in den Kaffee zu schütten oder um ein bisschen zu plaudern. Der erste Späti, den wir betreten, hat diese Tische nicht. Alles voller Regale, die Produkte für den Alltag: Chips, Cola, Kaffee, Apfelschorle, Bier, Schnaps und Tiefkühlpizza. Die einzigen Sitzplätze auf einer Fensterbank sind besetzt von zwei Frauen, die auf türkisch laut miteinander diskutieren.
Wir kaufen ein kleines Beck’s. Wir wollen ja noch weiter. Zum nächsten Laden. Der ist etwa 500 Meter weiter und ein absoluter Traum mit dem kompakten Namen Späti International. Wir werden sofort auf das Plakat im Schaufenster aufmerksam. Auf dem sieht man einen Mann mit Schnurrbart, der einer der Besitzer zu sein scheint, Arm in Arm mit der Band Ramones hinter dem Tresen. Drinnen das übliche Späti-Interieur. Kühlschränke, schlichte Regale mit den Standard-Produkten. Über dem Tresen hängt ein Bild von Pink Floyd in der David-Gilmour-Phase. Der Mann hinter dem Tresen begrüßt uns spätiförmlich korrekt: “Hallo Jungs, wie geht’s?” Ich frage ihn nach dem Plakat im Fenster. “Ja, ja, das sind die Ramones mit mir, mein Freund!” Dann will er weiter reden, macht eine Pause und grinst verschmitzt: “Nein, Photoshop, mein Freund, hat ein Freund gemacht” Dann zeigt er in Richtung Hinterzimmer, auf eine Gruppe von drei Jungs, die um einen flachen Tisch sitzen.

Das wird teuer, Jungs
Das Hinterzimmer ist schummerig beleuchtet und rot gestrichen. An den Wänden hängen gemalte Ganzkörperporträts von arabischen Tänzerinnen. Das sieht so gemütlich aus, dass wir uns gleich eine Flasche Wodka, ein Bier, Apfelsaft und Club-Mate bestellen und uns setzen. “Setzt euch gern, meine Freunde. Bitt schön. Aber keine Drogen, Jungs!” Er scheint aus Erfahrung zu sprechen. Dann sieht er die Getränke, die wir uns aus dem Regal genommen haben. “Oh, das wird teuer Jungs”, und zwinkert uns zu. Wir trinken Wodka aus Plastikbechern. Das Seltsamste an diesem Späti ist aber nicht dieses Hinterzimmer, diese angenehm grobschlächtige Vorstufe zur Kneipe, sondern die Musik, die läuft, während wir den Verschluss der Moskovskaya-Flasche aufdrehen. Irgendein John-Coltrane-Stück aus seiner späten Afrika-Phase. Dann ein bisschen Klezmer-Jazz. Dieser Musikmix wird sich den ganzen Abend nicht ändern. 
Und weil es hier so gemütlich ist und wir in diesem Moment das Gefühl haben, irgendwie ganz raus zu sein aus dem üblichen Zusammenhang aus Clubs und Kneipen, in die man normalerweise geht, kommen wir ins Reden und vergessen den eigenartigen Ort für eine Weile. Aber das ist ja gut, denn so funktionieren gute Kneipen. Ein Stammkunde kommt in das Hinterzimmer und setzt sich an den Tisch zu den drei Jungs. Der Späti-Mann begrüßt ihn. Der Typ sagt: “Hallo Cheffe, lange nicht gesehen. Alles klar?” – “Natürlich, mein Freund.” Der Späti-Mann ist ein wunderbarer Gastgeber. Er will nicht so viel von sich erzählen, das merken wir, aber er bietet uns eine Suppe an mit Gehacktem und Gurken. Er will kein Geld dafür. “Mach ich dir gerne.” 

Während ich Suppe esse, erzählt ein Freund vom Alleinsein und seiner Köprerflüssigkeitenphobie. Dann sagt er: “Weißt du, warum ich so viel schlafe, weil ich gerade so viel träume, realistische Träume.” Und irgendwie driftet das Gespräch dahin wie ein Spaziergang im Park oder ein schönes Deephouse-Set. Techno-Talk und was das Ausgehen alles so mit einem macht. Das Berghain war bei Harald Schmidt eine ganze Folge Thema und diesen großen Artikel im Stern, bei dem sich ein arrivierter Mittelstandsreporter in das “Herz der Finsternis” gewagt hat, gab es auch. Ziemliche Räuberpistole. Man kann das alles so sehen wie er, denke ich, wenn man in einer Stadt mit 100.000 Einwohnern in Westdeutschland wohnt und das Nachtleben aus ein paar Kneipen und einer Großraumdisko besteht, die gleich den ganzen Landkreis bedient. Doch das Berghain ist mittlerweile das deutsche Studio 54 der 2000er, so etwas wie das dionysische Unterbewusstsein der Bundesrepublik geworden. Im Endeffekt nützt dem Club diese ganze Presse natürlich. “Die Tür soll jetzt noch strenger werden”, sagt der Freund triumphierend. Ich zucke mit den Schultern. 

Kiezgemütlichkeit trotz Gentrifizierungs-Hype
Aus den Lautsprechern wabern Rhodes-Pianos und qietschende Saxophon-Improvisationen. Der Späti-Mann räumt den Teller mit Suppe ab. “Ja, war lecker.”“Und jetzt noch einen Machma glatt Kopf?” lacht er. Er meint damit Absacker, was wir erst nicht verstehen. “Klar”, sagen wir. Und schon ist er wieder weg, als jemand den Laden vorne mit einem lauten “Morjeen, wie geht’s?” betritt. Es kommen alle möglichen Besucher in den Laden, die Hipster, der Kiezalki, ein paar türkische Jungs. Kiezgemütlichkeit trotz Gentrifizierungs-Hype. Aber wir waren noch nicht fertig mit dem Techno und Medienthema, denn da ist ja noch das tolle Buch von Felix Denk und Sven von Thülen über Techno und Berlin und der Bar-25-Film, den ich am Nachmittag gesehen hatte. Diese Farben, das Konfetti im Schlamm, die Federn im rosa Scheinwerferlicht. Weil das alles so schön aussah, musste ich ein bisschen weinen. Hinter uns, über den Toiletten, ist ein Detail aus Michelangelos Fresko aus der Sixtinischen Kapelle gemalt. Die Finger, die sich berühren, in denen sich symbolisch Himmel und Erde verbinden, das Göttliche mit dem Irdischen. Das Gespräch stockt einen Moment. Musik von Terry Callier läuft, die roten Wände, die Hallo-mein-Freund-Entspanntheit. Schön. Wie kann das alles denn schlecht sein, was hier in der Weserstraße passiert ist, wenn dabei so tolle Läden entstehen wie der Späti International, den es so weder im Berliner Stadtteil Wedding noch in den meisten anderen Städten Deutschlands geben könnte? Dieser Ort ist wohl nur möglich, denke ich, weil jemand dachte, dass durch die ganzen alternativen jungen Leute endlich mal jemand die Vorlieben des Späti-Manns für guten Jazz, die Ramones, Pink Floyd und Kunst versteht. “Source of Youth. Evian” steht auf einer abgeblätterten Werbetafel auf einem der Kühlschränke. Lest doch euren Deleuze und bleibt zu Hause, ihr Kunstprofessoren-Familien. Wir gehen lieber aus, da gibt’s mehr zu sehen. Der Taxi-Fahrer, der uns in den Club fährt, erzählt uns eine Geschichte, bevor er uns rauslässt. Sie macht ihn glücklich. Er musste nämlich letztens um elf Uhr nachts eine Frau von Berlin nach Münster fahren. Das hat ihm viel Geld eingebracht. “Alta, das war geil!” 

Illu: Peachbeach