Jeden Monat trifft Hendrik Lakeberg Menschen, die im Nachtleben entscheidende Spuren hinterlassen haben.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 131


Jeden Monat trifft Hendrik Lakeberg Menschen, die im Nachtleben entscheidende Spuren hinterlassen haben. Dieses Mal trifft er Sven Röhrig, der als 3Phase denTechno-Meilenstein der Neunziger produziert hat: “Klang der Familie”. Wo es mit der Familie hingekommen ist, klärt er im Interview.

Sprache ist eine heikle Angelegenheit. Manchmal braucht es nicht mehr als vier Wörter und ein Sturm der Entrüstung bricht los. Egal, ob diese Wörter klug gewählt, ehrlich gemeint und in bester Absicht gesagt wurden. Sven Röhrig jedenfalls ist empört, als er folgenden Satz in der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift las: ”Techno ist Sampling-Musik.“

Er schreibt vor unserem Treffen in einer Mail, dass er darüber völlig konsterniert sei. Er müsse unbedingt eine Gegendarstellung machen. Das sei überhaupt nur der Grund, dass er ein Interview geben will. Ehrlich gesagt, ich habe seine Aufregung erst überhaupt nicht verstanden. Warum sollte Techno keine Sampling-Musik sein? Irgendwo müssen die HiHats, Bassdrums und Gesang doch herkommen. Und überhaupt: Elektronische Musik ohne Samples, geht das überhaupt?

Aber je länger das Gespräch mit Sven Röhrig, der unter dem Namen 3Phase zusammen mit Dr. Motte den besten, vielleicht sogar einzig guten UND kommerziell erfolgreichen Ravetrack der neunziger Jahre produziert hat, dauert, versteht man plötzlich, woher seine Empörung kommt.

Schicht für Schicht legt er bei Kaffee und Rotwein in wortreichen Analysen deutsche Techno-Geschichte frei. Und es wird klar: Dieser scheinbar harmlose Satz rührt an einem tief sitzenden Trauma. Nach circa einer Stunde Gespräch stoßen wir schließlich auf den Grund, den Trauma-Auslöser. Sein Name: Low Spirit.

Sven Röhrig glaubt, dass das Westbam-Label die deutsche elektronische Club-Musik in den Neunzigern mit Karacho vor die Wand gefahren hat. “Es ist schon symptomatisch, dass die Rave-Kultur in England damals mit massivem Polizeieinsatz niedergekämpft werden musste, während das in Deutschland die Plattenindustrie übernommen hat.

Als Low Spirit hierzulande mit Marusha und 200.000 verkauften Platten erste große Erfolge feierten, verkaufte Aphex Twin zur gleichen Zeit in England mindestens genauso viel. Die Engländer suchen im Gegensatz zu den Deutschen die Originale und das Originelle.“ Was im Tresor oder in irgendwelchen Keller-Clubs, irgendwo auf und um den Berliner Mauerstreifen nach der Wende begann, wurde durch Low Spirit eine Massenbewegung und hemmungslos kommerzialisiert.

Die Musik blieb dabei auf der Strecke. Es ist tatsächlich erstaunlich, wie erfolgreich das Label in den Neunzigern war und wie wenig Veröffentlichungen der Zeit standgehalten haben. Oder erinnert sich irgendjemand ernsthaft an ein wirklich gutes Low-Spirit-Stück? Für 3Phase sind Westbam und Co. Copycats, die sich der Ideen anderer bedient haben. Copycats, das Wort fällt an diesem Abend gefühlte hundertmal.

Mit Synthese gegen Absahner

Aber zurück zum Thema: Warum nun diese Abneigung gegen den Satz “Techno ist Sampling-Musik“? “Neu an Techno war doch damals vor allem, dass der Synthesizer an breiter Front zurückgekehrt ist. Mit dem Synthesizer kam auch eine andere Art zu produzieren auf. Das sagt doch schon das Wort Syn-the-sizer“, meint Sven Röhrig und spricht jede einzelne Silben des Wortes überdeutlich, als ob er einem kleinen Kind entnervt erklärt, dass es an der roten Ampel steh-en-blei-ben soll.

“Wenn du etwas synthetisierst, dann erschaffst du etwas Neues. Das ist Kreation. Aber die Art, wie die Copycats das Wort Sampling verstehen, bedeutet, den kompletten Groove oder eine tragende Melodie, also die Seele eines Stücks, zu nehmen, um damit ein bisschen herumzufrankensteinern. Das Sampling als Strategie auszurufen, war der Versuch von unbedarften Trittbrettfahrern, mit so wenig Aufwand wie nötig den rasant wachsenden Markt zu füllen.

Mitte bis Ende der Neunziger war das finstere Mittelalter von Techno. Das hat sich erst mit der Minimalwelle und dem Abdanken der alten Absahner-Generation geändert. Man hat in Berlin gemerkt, wie sich die Kultur regenerierte.“ Und es war auch damals nicht alles schlecht und korrupt im deutschen Techno der Neunziger. DJs wie Sven Väth schätzt er bis heute. “Er hat den Leuten immer etwas zurückgegeben.“

Man könnte jetzt natürlich sagen: Geschenkt, alles lange her, warum sich noch darüber aufregen? Denn mittlerweile gefällt ihm die Berliner Techno-Szene wieder. Er mag die Bar 25, weil sie dort No-Name-DJs direkt nach alten Techno-Daddys spielen lassen. Auch das Berghain ist ein super Club. (Kann da mal jemand das Gegenteil behaupten?) Produzenten wie Ricardo Villalobos schätzt er sehr für ihre Konsequenz und ihren musikalischen Mut. Doch dass es für Sven Röhrig nicht so leicht ist zu vergessen, dafür gibt es immer noch genügend Gründe.

Natürlich ist er frustriert über den Verlauf seiner Karriere. Nachdem er als 3Phase den Hit “Klang der Familie“ gelandet hatte, brachte er ein Album auf Tresor raus, dann eine Ambient-Platte. Aber die Copycats zogen an ihm vorbei, definierten die musikalischen Standards an breiter Front und niedrigem Niveau. Irgendwann hatte die FDP einen Wagen auf der Loveparade und für Experimente blieb im deutschen Techno-Zirkus immer weniger Platz. Sven Röhrig produzierte Mitte der Neunziger ein Stück, das auf 125 BPM lief, für die Zeit eigentlich viel zu langsam. Dem Wunsch eines Labels, den Track auf 135 BPM zu beschleunigen, wollte er sich nicht beugen. Erfahrungen dieser Art musste er öfter erleben.

“Die Techno-Aktivisten der späten Achtziger und frühen Neunziger kamen europaweit fast alle aus der Punkszene. Der schwarze Punk – House – hat die in Trümmern liegende europäische Punkkultur rejuvenisiert… Man wollte was Neues, Eigenes machen. So zu klingen wie jemand anderes widersprach dem subkulturellem Ehrenkodex“, sagt Sven Röhrig. Deshalb wollte er damals auch kein DJ werden, denn davon gab es damals eh schon so viele. Seine Karriere als Produzent geriet ins Stocken. Nur noch sporadisch veröffentlicht er Platten. Zuletzt auf dem Label TokTok die “Holzkopf EP“. Aber er ist die ganze Zeit ein wacher Beobachter der Szene geblieben, und wirklich aufgehört Musik zu machen hat er nie.

Teufelswerk

Richtig Salz in alte Wunden streute dann vor wenigen Wochen noch mal DJ Hell mit seinem neuen Album “Teufelswerk“. Auf “Teufelswerk“ ist ein Stück mit dem Namen “The Disaster“, das frappierend an 3Phases “Klang der Familie“ erinnert. Das Tempo ist langsamer, aber diese elegante skulpturale Melodie und der schleifende Synthesizer-Sound, der das Stück sofort identifizierbar macht, sind fast identisch.

Das Hell-Stück ist von Mijk van Dijk produziert, wobei offensichtlich auch ein Yamah-Synthesizer eine Rolle spielte, der schon bei der Entstehung des “Klang der Familie” im Einsatz war. Wie es dazu kam, bleibt vorerst im unklaren, wogegen klar ist, dass Sven Röhrig mächtig angefressen ist, weil er meint, dass hinter seinem Rücken die originalen “Klang der Familie“-Sounds für “The Disaster“ verwendet wurden. Auch wenn der Track auf Hells insgesamt recht gutem Album als Hommage gedacht war, hätte man nicht direkt bei Sven Röhrig anfragen können? Das Stück gleich als offiziellen Remix ausgeben können? Oder es im Zweifelsfall einfach weglassen?

“Du siehst, der Satz ’Techno ist Sampling-Musik’ hat weit reichende Konsequenzen“, sagt er beim zweiten Glas Wein und erzählt, dass er vor kurzem auf einem Richie-Hawtin-Gig war und dort eine junge Raverin getroffen hat, die von Hawtin ganz enttäuscht war. Sie meinte, der klingt wie jeder andere auch. Sven Röhrig lächelte und erwiderte: “Ja, aber eigentlich ist es genau umgekehrt: Alle anderen wollen wie Richie Hawtin klingen.“

Also wehret den Anfängen der Copycat-Kultur! “Man muss ja nicht gleich die Welt revolutionieren“, sagt Sven Röhrig. “Ein gut gemachter Beat und Sounds, die man noch nicht an jeder Ecke hört, das reicht doch. Seid einfach kreativ.“ Das neue 3Phase-Album muss er in acht Wochen abliefern. Wann es veröffentlicht wird, steht noch nicht fest. Aber wann auch immer, es lohnt sich, Sven Röhrig zuzuhören.

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Elektronische Lebensaspekte.