Hendrik Lakeberg erzählt im vielleicht letzten Jahr der Bar, wie es damals dazu kam, wie es sich entwickelte und was in Zukunft Techno-Geschichte sein könnte.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 123


Der Himmel ist blau, der Wind weht warm. Das Wetter hätte nicht schöner sein können. Da fühlte sich die Ankunft am Eingang zur Bar 25 an wie ein harter Aufprall. “Nein, ihr kommt hier nicht rein.”

Dann: “Interview? Mit wem?”

Abweisend schaut uns die Frau mit den grün geschminkten Augenliedern und der lila glitzernden Bandana an. Sie hätte auch noch “Kann ja jeder kommen!” sagen können, um uns anschließend wie einen Hund vom Hof zu jagen. Erst nachdem ich mit dem Mobiltelefon bei Christoph Klenzendorf anrufe und den Hörer weiterreiche, werden wir durch den engen Gang an dem Kassenhäuschen vorbeigewunken.

“Entschuldigung, ist mein Job.”

Später, nachdem wir längst drin sind und in der Sonne am Spreeufer sitzen, höre ich jemanden sagen: “Wie, der steht draußen und kommt nicht rein, die lassen doch jeden Trottel durch die Tür”, dann sieht er sich um und man könnte denken, er hat recht, hat er aber nicht.

Im Interview mit Christoph Klenzendorf, einem der vier Betreiber, wird mir klar, warum das hier so abläuft und vielleicht auch ablaufen muss, denn die Bar 25 ist eine Kostbarkeit, eigentlich fast so etwas wie ein kleines Wunder mitten in Berlin, in Deutschland, das man behüten, bewahren und bewachen muss. Aber warum ausgerechnet wir abgewiesen werden, das fragen sich seit einigen Wochen, seit die Bar 25 wieder geöffnet hat, wahrscheinlich viele, die vergeblich vor der Tür warten. Und es gibt andere, die trauen sich gar nicht erst hier hin, weil der Bar 25 ein Ruf als Drogenmekka vorauseilt, als Absturzstätte für die Gestrandeten der Nacht, kurz: als letzte Ausfahrt Techno. Irgendwie stimmt das alles und man muss sich damit arrangieren, wenn man hier Spaß haben möchte. Es erklärt aber natürlich nichts.


Foto: LuoiLuoi

Für die Rave-Gemeinde ist die Bar 25 seit über vier Jahren ein fast heiliger Ort, eine autonome Zone, in der das vergesellschaftete Leben für ein paar Stunden – für manche sind es auch Tage – hinter dem hohen Zaun verschwindet, in der die Bassdrum nur selten aufhört zu schlagen, in der Erwachsene wieder zu Kindern werden und stundenlang in Konfetti baden. Wie kaum ein anderer Club ist die Bar das Inbild für die Berliner Technokultur der letzten Jahre, vor allem für das Erstarken des Minimal-Technos und die Rückkehr der After Hour. Mit der Bar 25 wurde Minimal zum neuen Reggae: Sommer, Freiluft, freie Liebe, liberaler Konsum. Und noch mehr: “Das alles hier spiegelt die Szene nach 18 Jahren Techno in Berlin wunderbar wider. Die Bar steht für das, was wir alle wollen. Auch in Zukunft“, sagt Christoph.

Raver aus der ganzen Welt pilgern an diesen mittlerweile legendären Ort, der berüchtigt ist für seine endlosen Partys, seine Freiheitsliebe und Zügellosigkeit. Drogen gehören hier zum Alltag wie Anabolika in einem Marzahner Fitnessstudio. Als wir an diesem Sonntagnachmittag ankommen, läuft die Musik bereits seit 105 Stunden, rechnet Christoph vor. Er ist braun gebrannt, seine Augen wach und klar. Irgendeiner muss hier ja nüchtern bleiben, dachte ich noch, als ein Raver durch seine tellergroßen Pupillen in die Leere starrend an mir vorbeiwankt. Wir gehen hinter die massive Blockhütte, in der sich der Tresen und das DJ-Pult befinden, durch einen Zaun an Stapeln von Getränkekisten vorbei und sind plötzlich in einem kleinen Waldstück, in dem einige umgebaute Gartenhäuschen und Bauwagen stehen.

15 Personen leben und arbeiten mittlerweile auf dem Gelände am Spreeufer in der Nähe des Berliner Ostbahnhofs. Christoph selber wohnt unmittelbar am Wasser. Ein geradezu malerischer Ort, in der Natur und trotzdem mitten in der Großstadt, schwärmt er. Seine Hütte sieht aus wie ein Schrebergartenhaus. Bevor er es in Bernau, einem Vorort von Berlin, aufgespürt hat, war es ein Bordell. Die Tür ist immer noch mit einem großen roten Herz auf goldenem Grund bemalt. Neben dem Haus liegt eine winzig kleine Wiese, kaum mehr als drei Quadratmeter groß, auf der steht ein Gardena-Gartensprenger, der Rasen ist ordentlich geschnitten. Christoph nennt das, was er und seine Freunde hier machen, Business-Hippie-Kommune. “Wir lieben alle das gute Leben hier, das gute Essen, die Musik. Wir machen hier unsere eigenen Regeln und Gesetze. Und wir wollen das alles mit anderen teilen“, dabei klingt er gar nicht so weltfremd und verstrahlt, eher auf produktive Weise verträumt vielleicht. Die Bar läuft ziemlich gut zurzeit. Fast alle, die hier wohnen, können von den Einnahmen leben. Ganz anders als in der düsteren antikapitalistischen Trutzburg der Köpi, die nur wenige Hundertmeter entfernt auf der anderen Spreeseite liegt, hat man die marktwirtschaftliche Wirklichkeit zu seinen Gunsten gedreht. Dass sie grundsätzlich falsch ist, glaubt hier im Gegensatz zu den Bewohnern der Köpi wohl kaum jemand.

Der Anfang der Bar 25 liegt in einen silbernen Nagetusch-Wohnwagen, der Christoph in die Hände fiel. Er hatte sich vorher seit Jahren in der Club- und After-Hour-Kultur bewegt. Mit Freunden reiste er nach Ko Phangan, Thailand auf die dortigen Full Moon Partys am Strand von Ha-Drin, auf denen sich der harte Kern der weltweiten Techno-Szene trifft. Mit Hilfe des erstandenen Wohnwagens wollte er sich und seine Freunde an der Berliner Feierszene beteiligen. Sie stellten ihn 2003 zum ersten Mal auf dem Techno-Freiluftfestival Fusion auf, als Bar mit einem kleinen Soundsystem. Irgendwann nach der Medienkrise Anfang 2000 konnte Christoph in seinem Job als Fotograf und Filmemacher nicht mehr genug Geld verdienen. Zusammen mit Danny Faber widmete er sich ganz der Bar.

Als die immer erfolgreicher wurde, begannen die Freunde eine eigene Location in Berlin zu suchen. Ein Grundstück an der Spree war zu einem akzeptablen Mietpreis zu haben. So begann er mit Danny und anderen Freunden, das Gelände auszubauen. Weil das so zeitaufwendig war, zog er irgendwann auch auf das Gelände. “Eine pragmatische Entscheidung“, sagt er.
Christoph erzählt, dass es im ersten Jahr der Bar 25 keine Tür gab. Das Gelände am Spreeufer war von Donnerstag bis Montag offen und für jeden zugänglich, der feiern wollte und der wusste, wie das geht, das tagelange Raven, das endlose, sich immer erneuernde Gefühl von Euphorie und Glück, die Abstürze. Am Anfang ging das gut, in diesem beschützten Rahmen, ohne Beschränkungen, in dem jeder auf den anderen Acht gibt. Aber die Freiheit wurde immer öfter missachtet. Die Stimmung wurde aggressiv, es kam zu Schlägereien, bis irgendwann einige Leute drauf und völlig enthemmt in die Ecken schissen. Die Leute waren mit der Freiheit überfordert, meint Christoph. Deshalb brauchte die Bar 25 wie jeder gute Club eine wachsame Türpolitik. Aus dem offenen Gelände wurde ein geschlossener Zirkel, viele, die vergeblich draußen warteten, kritisieren die Bar als elitär und arrogant. “Das ist ein bisschen wie eine große WG, in der jeder auf den anderen aufpasst und mit dazu beiträgt, dass alles gut wird. Das ist hier keine Maschine, sondern ein lebendiger Organismus. In den du reinsteckst und aus dem du eine Menge für dich zurückbekommst. Hier kommen Menschen zusammen, die extrem sind und es kann krass für die Gesundheit von Geist und Seele werden, aber wir wissen immer auch, wie sie aufeinander aufpassen müssen.“

Etwa 2005 beteiligte sich Juval Dietziger, der ehemalige Koch des Cookies, an der Bar. Gemeinsam eröffneten sie auf dem Gelände ein Restaurant. Zur WM 2006 richtete man sich einen Ort ein, an dem Fußball geschaut werden konnte. Dort laufen mittlerweile Filme, manchmal sogar Theaterstücke und seit diesem Jahr gibt es sogar ein kleines, exklusives Hostel. Alles läuft perfekt und es könnte problemlos noch Jahre so weiter gehen, wenn da nicht die dumme Stadt Berlin wäre mit ihren Plänen für die so genannte Media-Spree. Auf dem Gelände der Bar und den umliegenden Arealen sollen sich nämlich in Zukunft vornehmlich Medienfirmen ansiedeln. All die möchtegern-hippen Trottel, die wegen der lebendigen Club- und Kulturszene nach Berlin kommen und dabei mal eben genau die Kultur platt machen, wegen der sie hergekommen sind. Aber so ist das wohl und obwohl Christoph und seine Freunde für die Bar gekämpft haben, klingt er heute nicht verbittert, wenn er darüber redet. “Wenn es am schönsten ist, soll man gehen. Ich möchte nie hier stehen und merken, dass das Ding vorbei ist und man es trotzdem weiter macht, weil man nichts anderes hat“, sagt er. Dann klingelt sein Handy in immer kürzeren Abständen. Die Bar ruft und unsere Zeit neigt sich dem Ende zu. Ich verlasse die idyllische Siedlung nun direkt durch die Blockhütte und stehe quasi mitten auf der Tanzfläche. Der verstrahlte Raver bestellt mit seinen Riesenpupillen ein Getränk. Die Tänzer werfen jubelnd die Arme in die Luft.

Im Anschluss an das Interview setze ich mich zu meiner Begleitung wieder ans Ufer. Die Sonne glitzert hell auf der Spree und brennt ein wenig in den Augen. Eine Blondine liest selbstvergessen ein Buch, während sich im Hintergrund monotone Bassdrumschläge wie Perlen auf eine Schnur aus Zeit reihen. Ab und zu legt sie das Buch zur Seite und bläst grün und lila schillernde Seifenblasen in die Luft. Der Wind weht sachte durch die Zweige, die über das Wasser hängen. Das ist für einen kurzen Moment alles irgendwie einfach nur da und schön und echt. Man will, dass es nicht aufhört, noch nicht. Man sollte Teil davon sein, solange es noch geht.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

3 Responses

  1. Daniel Berger

    01.09.09

    Jetzt wurde auch noch Angela Merkel in der Bar 25 gesehn. Passend zum Wahlkampf und auch in der Bar 25 geht es alle mal mehr darum Geld zu verdienen. Vielleicht will sie ja das neue Soundsystem benutzen, den Märsche scheinen die neuen Superboxen schon gut zu verkraften, aber leider nicht das Geschmacksempfinden vieler Besucher.