Skateboards, das Studio 54 und eine beschissene Rolex
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 143

Jeden Monat trifft Hendrik Lakeberg Menschen, die im Nachtleben ihre Spuren hinterlassen haben. Diesmal wird er vom Fotografen Daniel Josefsohn angeblafft und mit manischen Geschichten über Skateboards, neue Zähne und Helmut-Berger-Blowjobs auf den Betonboden gehauen.

“Verdammt, wo bleibst du denn?”, blafft Daniel Josefsohn ins Telefon. Ich weiß nicht, ob er sich in der Zeit geirrt hat, oder ich mich. Es ist 19 Uhr 30, und wir waren um 21 Uhr verabredet, dachte ich zumindest. Josefsohn wohnt im dritten Hinterhof, in einer zweistöckigen Remise, in der Nähe des Rosenthaler Platzes. Die hohen Mauern sind mit rostig verdrehtem NATO-Draht gesichert, die schwere Hoftür doppelt abgeschlossen. Eine Israel-Flagge weht auf dem Dach. Josefsohns Hund heißt Jesus.

Das hier ist die letzte Bastion der Anarchie in Berlin Mitte und der einzige Ort, wo er in der Stadt noch leben kann, sagt Josefsohn. Vor der Eingangstür und unter einer Discokugel stehen abgenutzte Stühle mit einem Metallrahmen, von denen der Lack abblättert. Ursprünglich gehörten sie Armin Meiwes, dem Kannibalen von Rotenburg. Josefsohn und der Fotokünstler Roman Schramm hatten sich als Spurensicherung verkleidet, sperrten etwa zwei Wochen nach Meiwes Festnahme das Grundstück um das Haus ab und fotografierten auf den Treppen vor der Tür. Es gibt ein Bild von Josefsohn wie er auf einem Skateboard auf den Stufen steht, dahinter das schwarz-weiße Fachwerkhaus, eine Sense hängt an der Wand. Skate or Die: Josefsohns rechte Hand ist zum Gruß erhoben, die linke am Skateboard. Auf der Handinnenfläche kleben die Zahlen 6 und 9, wie die Marker bei einer Beweisaufnahme.

“Alles wird gut, Mutter” heißt die Ausstellung, in der auch dieses Foto zu sehen ist. Sie läuft im Hamburger Kunstverein und ehrt Josefsohn als einen der wichtigsten Fotografen des Landes. Endlich und fast ein wenig zu spät. Denn Josefsohn – der Desperado mit Kamera in der Hand, der den Finger in die Wunde legt und lacht, der die Hand am Abzug hat, der draufhält auf die schöne dreckige Wirklichkeit – hätte das schon seit Jahren verdient gehabt. Es ist egal, ob er Porträts, Werbung oder Modestrecken fotografiert, seine Handschrift ist unverwechselbar. Dass er damit aneckt, dass seine Fotos auch mal nicht gedruckt werden, muss zwar immer wieder ein bisschen weh tun, aber es ist ein Risiko, das er eingeht. Josefsohns Bilder stecken voller Gegenwart, Leben, Humor und Menschlichkeit. Sie sind grob, spontan und meistens eben Porträts. Es ist egal, ob er den ehemaligen Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz, Herbert Grönemeyer oder den Schauspieler Udo Kier fotografiert: Zu sehen ist immer die Person und der Riss, der durch sie hindurch geht.

“So geh ab, Alta!”, sagt er ungeduldig. “Willste direkt aufnehmen? Los mach!” Das Aufnahmegerät liegt auf dem Tisch und Daniel Josefsohn macht Alarm. Er tut das fast immer und das ordentlich. Das kann unangenehm sein, manchmal mag es autoritär wirken und mit Sicherheit wird es eine Menge Leute verschrecken. Aber eigentlich ist Josefsohn kompromisslos ehrlich. Damit kann er innerhalb von Sekunden eine Atmosphäre der höchsten Konzentration und ein seltsames Gefühl von Nähe schaffen.

“Von meinem Vater habe ich eine beschissene Rolex geerbt. Mehr nicht. Das Arschloch!”, sagt er, während er am Rechner durch eine Fotostrecke blättert, die im Lodown Magazin erschienen ist. “Das ist die geilste Strecke!” Er wirft eine Zigarette auf den Boden unter seinen Schreibtisch und tritt sie aus. Josefsohn ist in den letzten Monaten in wahnsinnig vielen relevanten Kunst- und Kulturmagazinen mit längeren Fotostrecken vertreten. Die in der Lodown ist die persönlichste. Josefsohn im Marc-Spitz-Schwimmdress in Venedig Anfang der Siebziger, mit einer Kamera vor dem Bauch. Josefsohn nackt mit einer Blume im Arsch. “For Charlotte with Love. La Roche, feucht! Blöde Kuh. Schöne Grüße.”, sagt er in einem Interview neben dem Bild.

Dann Josefsohn wie er vor Helmut Berger kniet. Der Schauspieler schaut debil grinsend in die Kamera. Josefsohns Kopf ist geschwärzt. “Blowing Helmut Berger” heißt das Bild. Der Titel ist mit Edding auf das Foto geschrieben. Darunter steht: Minibar 2000 Euro. “Dich haben die Nazis vergessen, du Judenhure”, hat Berger Josefsohn im Vollrausch angeschrien. Berger, der mit dem verzweifelten Größenwahn und Josefsohn, der in den Abgrund schaut. Aber dieses Fotoshooting musste Josefsohn abbrechen, weil Berger über Tage keine Minute nüchtern war. Der seltene Fall, in dem der Fotograf einen Meister findet. Vielleicht deshalb die ergebene Geste? Aber Josefsohn hat sich immer wieder in verletzlichen Positionen gezeigt. Nackt als Penner vor einem Chanel Shop in Tokyo, mit blutigem Gesicht nach einer Zahn-Operation. Ein Hamburger Zahnarzt hat ihm im letzten Jahr das komplette Gebiss neu gemacht. Josefsohn dokumentierte die schmerzhafte Prozedur, die Fotos laufen gerade als Diashow auf seinem Rechner. Josefsohn weinte, als er mit seinem neuen Gebiss das erste Stück Steak aß.

Das Telefon klingelt. “Schabbat Schalom”, Josefsohn stellt die Freisprechanlage an. Die Verwandtschaft aus Israel. “Mondo, there is a picture of you in the middle of the exhibition. I don’t want to speak to you until you’ve seen it … It’s been a week now since the opening. Please look up my website. There were 500 people there, I have a lot of press. Big thing. My photos are like art now, I am an artist now, ha ha. It’s really cool.”
“We are proud of you!”
“I am proud of you!”, sagt Josefsohn und legt auf.

Im Hintergrund läuft “Rehab” von Amy Winehouse, Bob Dylan, White Stripes, Jay Z, Jimi Hendrix, Becks “I’m a Loser Baby”. “Meinen Vater, lass uns darüber reden”, sagt er. “Meinem Vater hat in Hamburg das Big Apple und das Crazy Horse gehört, Anfang der Siebziger.” Das Big Apple war das Sounds von Hamburg. Es lief T. Rex und Grateful Dead. Hippiemusik und Glamrock. Am Sonntagmorgen geht er mit seinem Vater zur Abrechnung. Während das Personal, müde vom LSD, bekifft und betrunken, schläft, zählt sein Vater die Einnahmen. “Nach der Schule war ich noch vor den Putzfrauen im Big Apple und habe das Kleingeld auf der Tanzfläche gesammelt. Das war mein Taschengeld. Dann bin ich in den Keller runter und habe mit der Carrera-Bahn gespielt. Mit 13 habe ich auf dem Klo einen Toten gefunden. ‘Papa, da liegt einer auf dem Klo, hab ich gerufen.”

Seine Großeltern zogen nach Holocaust und Zweitem Weltkrieg nach Miami, Florida, sein Vater ließ sich mit seiner Mutter in Hamburg nieder, wo 1961 Josefsohn geboren wurde. “Ich kann bis heute nicht verstehen, warum mein Vater ausgerechnet nach Deutschland gegangen ist. Ich hätte das niemals machen können. Aber er hatte diese ‘Ich darf das, ich bin Jude’-Stellung. Wegen der kollektiven Scheißschuld war das hier ein easy piece of cake. Auf eine makabre Art ergab das für ihn Sinn.” Es gibt einen Brief, den Josefsohn nach einer Fotostrecke bekommen hat, die im Zeitmagazin veröffentlicht wurde. Eine alte Geliebte seines Vaters schrieb: “Ich habe ihren Artikel in ‘Die Zeit’ gelesen, Daniel Josefsohn und das Gesicht dazu lassen mich 47 Jahre zurück gehen mit meinen Gedanken, und es sind fantastische Gedanken. Es war mein Glück als junge Frau, ihrem Vater zu begegnen, sofern er es ist. Sie sind in Hamburg geboren, aufgewachsen in der Bornstraße? Oder in der Nähe? Ihr Vater hatte zwei oder mehrere Discotheken? Ihr Gesicht ist seins und der Name Daniel, verewigt in ‘Parts of this Book, are Parts of my Life’, so heißt seine Widmung in dem Buch ‘Exodus’ von Leon Uris, das er mir 1964 zum Geburtstag schenkte.”

Die Frau war 16 als sie mit Josefsohns Vater zusammenkam, und sein Vater verheiratet. So bewegend der Brief klingt, Josefsohn ist mit seinem Vater so ungnädig wie dieser es mit ihm war: Weil er seine Mutter mit 16-jährigen Mädchen betrog, weil er ihn alleine ließ, weil er ihm auf dem Sterbebett sagte, dass er ihn nie geliebt hat. “Ist das erblich? Das ist die Frage, die ich mir stelle”, fragt Josefsohn. Er wiederholt sie einmal, zweimal, dreimal. Und mit jeder Wiederholung bekommt sie mehr Gewicht, wird schwerer und größer. “Ich hab’ Panik deswegen.”  

“Also, meine Geschichte des Nachtlebens: Seit ich drei bin, bin ich in Clubs gewesen. Nachtleben: Seen it, done it, had it all”, sagt er, und es wirkt nicht, als ob er damit ablenken wollte. Es sind seine Gedanken, die längst wieder wo anders sind. In Josefsohns Gegenwart wird man immer ein wenig weggerissen, mitgerissen, rausgerissen aus seiner eigenen Welt, hinein ins Jetzt, in den Augenblick. In Hamburg arbeitete er als Teenager in Bars. Machte im Madhouse den besten Umsatz des Personals, bis seine Großeltern ihn nach Florida holten. Dort wurde er Skater, rollte durch Fort Lauderdale, zusammen mit Allan Gelfand, der den Ollie erfunden hat. Als er nach einem Bänderriss nicht mehr skaten konnte und ihm damit sein Lebensmittelpunkt unter den Füßen weggerissen wurde, kamen erst die Drogen und dann rettete ihn die Fotografie.

Das tut sie bis heute. Und im Kopf ist er immer Skater geblieben. In dem Film “Beautiful Losers”, eine Dokumentation über die amerikanische Skate- und DIY-Kultur, sagt jemand aus dem Off noch vor dem Vorspann: “Als ich jung war, dachte ich, dass Kunst was für reiche Leute ist. Ich dachte nie, dass ich da mal mitmachen würde. Wir haben in einer Galerie in der Lower Eastside abgehangen. Wir haben es Galerie genannt, aber eigentlich war es ein Ort, an dem wir Partys gefeiert haben. Wo kreative Kids zusammen kamen. Das waren gelangweilte Kids. Sie haben eine Sprache gesprochen, die ich verstanden habe. Es war eine Sprache, bei der man nicht schlau sein musste, um sie zu verstehen. Alles, was du brauchtest war ein Herz.” Mike Mills kommt in dem Film zu Wort und Harmonie Korine, der “Gummo” gedreht hat, einer von Josefsohns Lieblingsfilmen. Er brennt “Beautiful Losers” auf CD und drückt sie mir in die Hand. Die Filmdatei nennt er “Meine Mutter”. Auch Josefsohns Fotografie ist mit dem Herzen statt mit dem Hirn gedacht, sie wühlt in der Welt herum, spielt mit ihr, ist Teil von ihr.

Auf einem Skateboard, das er zur Ausstellung in Hamburg gestaltet hat, ist auf der Unterseite ein Foto einer nackten Frau in High Heels zu sehen. Sie trägt einen Star-Wars-Helm und steht kerzengerade vor einem weißen Hintergrund. Der Name des Bildes ist auf der Vorderseite des Decks abgedruckt: “Lieber Helmut, lieber George, ich wollte auch mal mit der Eisenbahn spielen”.

Es gibt eine Anekdote wie Josefsohn Ende der Siebziger, mit 16 Jahren, unbedingt ins Studio 54 wollte, um Andy Warhol zu treffen. Eine DJ, die im Studio 54 aufgelegt hatte und von New York nach Hamburg übergesiedelt war, wo sie im Nach Acht spielte, erklärte ihm, wie das gelingen würde: In einem blauen Overall sollte er im Taxi vor den Club fahren, aus dem Wagen springen und die Hand im Sprung beim Aussteigen zum Victory-Zeichen in die Höhe recken. “Aus dem Sprung heraus, das war wichtig. Nicht erst stehen bleiben und dann die Hand heben”, betont Josefsohn. Die Türsteher winkten ihn durch.

Illustration: André Gottschalk

One Response