Nach Arthur Russell, aber vor Morgan Geist hat Daniel Wang die Leftfield-Variante New Yorker Disco mit seinen Produktionen und seinem Label Balihu in den Himmel gehoben. Mittlerweile lebt er in Berlin. Denn die Stadt ist ein einziger Sonnenaufgang – in Regenbogenfarben.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 129


Im Hinterzimmer von “Dolores“, einem Burrito-Laden in der Nähe vom Alexanderplatz, erzählt DJ Daniel Wang, dass Charlotte von Mahlsdorf, geboren als Lothar Berfelde, Ikone der Berliner Schwulenszene, Nazi-Vatermörderin, IM der Stasi und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, nach dem zweiten Weltkrieg Musikautomaten gesammelt hat. Charlotte von Mahlsdorf hatte ein Faible für die goldenen Zwanziger in Berlin. Damals traf man sich an öffentlichen Orten, hat sich mit den Musikautomaten Lieder vorgespielt und dazu getanzt.

“Das waren die Anfänge der DJ-Kultur in Berlin“, sagt Daniel und erzählt weiter: “Charlotte von Mahlsdorf hat auch die komplette Einrichtung der ’Mulackritze’, eine berüchtigte Kneipe, in der Schauspieler wie Marlene Dietrich oder Gustav Gründgens auf die Berliner Unterwelt trafen, angeblich mit einem Handwagen zu sich nach Mahlsdorf geschleppt, kurz bevor das Haus Anfang der Fünfziger abgerissen werden sollte.”

In der “Mulackritze“ hatte man schon in den zwanziger Jahren eine Art Dark Room eingerichtet und in der beschaulichen Mulackstraße in Berlin Mitte, wo sich heute exklusive Boutiquen an Galerien und Restaurants reihen, gab es neben der “Ritze“ zwei, drei weitere offen schwule Kneipen, erzählt Daniel.

Die 2002 gestorbene Charlotte von Mahlsdorf war eine Archivarin und Erforscherin des Nachtlebens. Die Berliner Vergangenheit muss für sie inmitten des zerstörten Berlins der Nachkriegszeit und später während des grauen DDR-Sozialismus wie ein Rettungsanker gewesen sein.

Auch Daniel ist ein Archivar und ein Forscher. Doch er sucht die goldene Zeit nicht mehr ausschließlich in der Vergangenheit, denn im heutigen Berlin, in dem er seit fünf Jahren lebt, fühlt er sich dafür zu wohl. Er braucht die Vergangenheit nicht als Sehnsuchtsort. Seit fast 15 Jahren arbeitet er als DJ und Musiker. Seine Platten sind auf seinem eigenen Label “Balihu“, auf “Environ“ und “Ghostly International“ erschienen.

partymeile-004bbb

Er liebt House- und Disco-Musik, vor allem Cerrone oder die Stücke des Lüneburger Italo-Disco-Impressarios Mike Mareen, dessen Rolle in der Musikgeschichte Daniel für unterschätzt hält. Man hört diese Einflüsse in seiner Musik ziemlich deutlich. Doch sie klingt nicht wie ein Plagiat, sondern wie eine absolut zeitgemäße Version von Disco, voller eleganter Melodien, hochmusikalisch, im Sound mal wunderbar dreckig, dann wieder kristallklar und immer etwas melancholisch.

Daniel ist in Kalifornien geboren, in China aufgewachsen. Die meiste Zeit seines Lebens hat er in den USA gelebt. In San Francisco, Chicago und vor seinem Umzug nach Berlin zehn Jahre in New York. Er ist sehr gründlich und bewusst, in allem, was er sagt. Er sorgt sich um mein Aufnahmegerät, plaudert freundlich und offen drauflos. Immer wenn die Themen tiefer und philosophischer werden, sagt er:

“Oh, das ist ein ernstes Thema“, dann senkt er die Stimme ein wenig und beugt sich näher an das Aufnahmegerät heran, damit diese Passage auch ja auf Band landet. Zu unserem Gespräch hat er Zeitschriften, ein Buch und CDs mitgebracht. Besser wir reden über ein Thema als über ihn, meint er. Im Endeffekt werden wir trotzdem viel über ihn reden. Doch das lässt sich auch nicht trennen, Daniels Leben und unser Thema, die vor allem schwule Clubkultur in Berlin und New York in Vergangenheit und Gegenwart.

Wir blättern durch das Buch “Night Dancin’“, ein lange vergriffener Guide des New Yorker Nachtlebens mit vielen tollen Fotos. Typen mit Cowboyhüten, feisten Schnurrbärten, muskelbepackt. Sie tragen wahlweise Plateau- oder Rollschuhe und jede Menge anderen Flitter. Die Frauen haben wallend lange Haare und sind in leichte, knappe Seidenkleider gehüllt. Das “Studio 54“ und die “Paradise Garage“ werden vorgestellt, aber auch andere Clubs, die weniger bekannt sind. Dann legt er eine Ausgabe des mittlerweile eingestellten Schwulen-Magazins “Blueboy“ aus den achtziger Jahren auf den Tisch.

Daniel zeigt mir eine lange Reportage über die legendäre Pariser Edel-Disco “The Palace“. Die Zeit reicht leider nicht sie durchzulesen. Es bleibt noch die Berliner Szenezeitung “Siegessäule“. Ich bleibe bei einer Anzeige des Berghain Sex-Clubs Lab.oratory hängen. Die Veranstaltungen dort heißen “Yellow Facts“, “Naked Sunday“, “Stink“ und “Fausthouse“. Lustig und befremdlich zugleich, wenn man da, wie ich, Nacht für Nacht brav und naiv zwischen spanischen Rave-Mädchen in der Panorama Bar zu gepflegter House-Musik tanzt und unten im Keller, sozusagen im Maschinenraum, gerade die Hölle los ist. Oder der Himmel, je nachdem.

Daniel Wang schwärmt von der Freizügigkeit der Berliner Szene. Eine Freizügigkeit, die er in San Francisco und auch im New York Ende der Achtziger so nicht erlebt hat. Im Lab.oratory hat Daniel südamerikanische Männer getroffen, die zwei, drei Mal im Jahr extra nach Berlin kommen, weil sie nur hier ihre Fantasien ausleben können. “Diese Freiheit und Freizügigkeit sollte man nicht unterschätzen“, sagt er, “denn nur wenn man in anderen Teilen der Welt gelebt hat, weiß man, dass man als Schwuler oft sehr wenig Freiheiten hat.

Das gilt nicht nur für den Mittleren Osten und die meisten Teile Asiens, sondern auch für einige Städte in Europa.“ Berlin ist zu einem Sehnsuchtsort geworden, das Mekka für Künstler, DJs, Musiker, Raver und Sexsuchende. Die Stadt wird ihrem Ruf im Ausland absolut gerecht, sagt er. “Berlin sunrise“ heißt eines seiner schönsten Stücke.

partymeile-004ccccc

In Berlin hat Daniel sich angewöhnt, während seiner DJ-Sets Hotpants zu tragen und hinterm DJ-Pult zu tanzen. Er ist als Tänzer und als DJ brillant. “Ich möchte aus dem Auflegen ein Ereignis machen. Aus dem ganzen Abend. Man muss im Nachtleben die körperliche Peinlichkeit überwinden, das Schamgefühl. Ich habe mit 13 oder 14 vorm Spiegel getanzt und mir schreckliche Vorwürfe gemacht. Gedacht, du siehst aus wie eine Schwuchtel. Jeder Teenie kennt wahrscheinlich das Unbehagen am eigenen Körper. Tanzen kann dir helfen, das zu überwinden. Ganz egal, wie es aussieht. Ich schaue den ein bisschen peinlich und hemmungslos tanzenden Leuten meistens lieber zu als denen, die stromlinienförmig und glatt tanzen.“

Vor ein paar Wochen hat Daniel mal wieder in seiner alten Heimat New York aufgelegt. In New York ist das Nachtleben heute extrem reglementiert. Deshalb spielt mir Daniel auch den Song “New York, I love you, but you’re bringing me down“ von LCD Soundsystem vor, der die Lage dort ganz gut auf den Punkt bringt, meint er. Die städtischen Verordnungen und Gesetze sind für die Clubs wie Schraubzwingen. Sie schreiben vor, wo getanzt werden darf, welche Musik auf welcher Lautstärke laufen darf, etc. Noch tragischer als der Ordnungswahn der New Yorker Behörden ist aber, dass die Besucher der Clubs freiwillig die Kontrolle weiterführen, wo die Gesetze nicht hinreichen.

“Man fotografiert sich ständig und lädt die Fotos auf Party-Webseiten hoch. Deshalb tanzen die Leute nicht mehr befreit, denn sie dürfen ja nicht schwitzen, weil dann die Schminke zerlaufen würde. Jedes Mal, wenn sie abdrücken, halten sie still, weil sie Angst haben, mit einer unglücklichen Pose auf dem Bild zu landen. Dadurch sieht man überall das gleiche, künstliche Lächeln. Das ist schrecklich. Sie genießen die Gegenwart nicht mehr. Sie können sich nicht gehen lassen“, sagt Daniel und fordert: “Handyverbot. Überall!“

Kurze Gesprächspause. Auf dem Tisch liegt immer noch das Buch “Night Dancin’“. Und auf all diesen Bildern aus der Disco-Zeit, in diesen exaltiert angezogenen Menschen, denke ich plötzlich, liegt doch eine perfekte Synthese. “Man sieht darin den ganzen Wahnsinn der Zeit“, sagt Daniel, “die Leute haben sich entschieden, Teil von etwas zu sein. Man wollte die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sich inszenieren für den Blick der anderen. Trotzdem konnten sie sich selbst vergessen. Den Leuten war kaum etwas peinlich. Wenn man sich verkleidet, wie viele auf den Bildern, dann wird man für ein paar Stunden jemand Neues, man spielt eine andere Rolle als auf der Arbeit, im Alltag. Man ist wer, obwohl man nicht zu den Reichsten und Schönsten gehört. Ein Thema, das in den Songtexten von Discoliedern immer wieder auftaucht.“

Sein Faible für die Disco-Zeit, für House und Italo-Disco ist für Daniel nicht Nostalgie, sondern Inspiration für das Jetzt. Es geht um mehr als Sex und Musik, sondern um Kulturgeschichte, um Kultiviertheit und guten Stil. Der ist für Daniel aber immer in Frage zu stellen: Die Grenzen zwischen normal und vermeintlich pervers, aber auch zwischen den hippen Clubs, in denen geschmackvolle Dance-Musik läuft, und den Proll-Discos oder den Swinger-Clubs wie “KitKat“ oder dem “Tabulos II“ in Kreuzberg. Das alles hat seine Berechtigung, meint er, und man muss es ernst nehmen.

Es gibt diese wunderbare Szene in einem von Daniels Lieblingsfilmen “Saturday Night Fever“, wenn Tony Manero zum ersten Mal den Club betritt und sofort auf die beleuchtete Tanzfläche geht und tanzt, als ob es kein Morgen gibt. Alle haben auf ihn gewartet. Quasi aus dem Stand tanzen sie eine perfekte Choreografie zusammen. Im Ablauf der Szene liegt eine umwerfende Perfektion und in der Selbstverständlichkeit von Gemeinschaft etwas Erhebendes.

In Berlin hat Daniel genau das auch jenseits der Tanzfläche gefunden wie in keiner anderen Stadt zuvor. Ein enges Netz aus Freunden und Gleichgesinnten rund um das Berghain, den Club Basso und die Kneipe Möbel Olfe in einer Stadt, die ihm viele Freiheiten lässt. Kurz bevor wir den Burrito-Laden verlassen, blättert er durch das herumliegende englischsprachige Berlin-Magazin “Ex-Berliner“ und bleibt an einem Artikel über den hiesigen Immobilienmarkt hängen. Es scheint, als hätte Daniel Wang in Berlin das gefunden, wonach Charlotte von Mahlsdorf noch in der Vergangenheit gesucht hat und was die New Yorker Clubkids verloren haben: das Glück im Augenblick.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

One Response