Jeden Monat treffen wir Menschen, die aus dem Nachtleben nicht mehr wegzudenken sind, vor oder hinter den Kulissen. So auch der Drogendealer
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 126


Montagnachmittag, 14 Uhr 30, eine Wohnung in Berlin-Wedding, neutrales Terrain. Draußen schöner Spätsommer. Wir sitzen am Küchentisch, trinken Bionade und warten auf den Pusher, den Supplyer oder profaner: den Drogendealer. Wir wollen reden, worüber in den Artikeln dieses Magazins selten geredet wird, was aber zu einem erheblichen Teil dazu beiträgt, dass wir uns am Wochenende in den unzähligen Clubs dieser Stadt herumdrücken: die Drogen.

Wie du über Drogen denkst, lieber Leser, musst du als vernunftbegabter Mensch selber entscheiden. Dass Drogen auf den Partys, auf denen unsere Lieblings-DJs auflegen, eine Rolle spielen, ist aber schlicht und einfach die Wahrheit. Aber Wahrheiten sind dazu da, dass man sie in Frage stellt. Dass wir an dieser Stelle keine Namen nennen können, versteht sich von selbst.

Aber unser Dealer hört die gleiche Musik wie wir, also The Notwist und Stefan Bodzin und ist auch sonst ein ziemlich netter Kerl. Am Anfang ist die Begegnung komisch. Man spürt seine Unsicherheit. Für ihn ist es ein Risiko, mit uns zu sprechen. Vertrauensbildende Maßnahme: eine kurze Besichtigung der Wohnung. Die Anspannung verschwindet langsam. Es kann losgehen.

De:Bug: Wann hast du selbst angefangen, Drogen zu nehmen?

Drogendealer: Vor ungefähr zehn Jahren. Ich bin damals nach Berlin gekommen und ein schwuler Typ hatte sich in mich verknallt. Er hat versucht, mich mit Drogen zu verführen, was nicht geklappt hat. Aber über ihn habe ich zum ersten Mal die typischen Party-Drogen E und Koks und ähnliches genommen. Den Kontakt mit ihm habe ich abgebrochen. Danach waren Drogen wieder ganz weit weg.

Bis ich meine damalige Freundin kennen gelernt habe. Mit ihr bin ich in Clubs gegangen und fing an, mich für elektronische Musik zu interessieren. Richtig heftig war es dann vor ungefähr fünf Jahren. In der Zeit hatte ich nichts zu tun, keinen Job und kaum Verpflichtungen. Das war eine sehr euphorische Zeit. Ich war drei bis vier Mal die Woche unterwegs. Aber irgendwann wusste ich nicht mehr, was ich mit meiner Zeit jenseits der Partys anfangen sollte. Auch die Partys haben mir immer weniger Spaß gemacht. Ich fing an, mich wieder dem normalen Leben zuzuwenden. So ist das bis heute.

De:Bug: Das Verkaufen und das Drogennehmen sind in dieser Zeit nahtlos ineinander übergegangen?

Drogendealer: Ja. Ich schätze, das ist der Klassiker. Ich bin damals öfter in den Sky Club gegangen, um das Zeug zu kaufen. Der Laden war dafür bekannt, dass man ziemlich leicht an alle möglichen Drogen kam. Ich bin nur dahin gegangen, um Drogen zu kaufen. Das war mir aber irgendwann alles zu umständlich und der Sky Club sowieso kein besonders toller Laden. Ich wollte, dass das alles bequemer und per Telefon funktioniert.

Es hat sich dann nach und nach ergeben, dass ich immer etwas für meine Freunde mitbesorgt habe. Dabei ist immer mal wieder ein wenig Geld für mich übrig geblieben. Zuerst nur zehn, zwanzig Euro, aber das war schon der Eintritt in den Club. Ich hatte damals sehr wenig Geld. Irgendwann war ein Typ, der viele Leute aus meinem Bekanntenkreis versorgt hatte, plötzlich weg. Die Leute kamen zu mir, und ich hatte plötzlich immer mehr Geld in der Tasche. Dann ging es richtig los.

De:Bug: Mal grundsätzlich gefragt: Clubkultur ohne Drogen, geht das überhaupt?

Drogendealer: Ich kenne ungefähr drei Leute, die eine lange Clubnacht ohne Drogen durchhalten. Also lange wach bleiben, Spaß haben, tanzen. So viele böse Dinge manche Drogen auch machen, sie erzeugen oft eine großartige soziale Dynamik. Man nimmt die Partys durch sie ganz anders war. Hinzu kommt, dass sich, je nachdem welche Droge man genommen hat, die Atmosphäre der Party extrem wandelt. Und natürlich funktionieren bestimmte Drogen mit bestimmter Musik besonders gut.

De:Bug: Welche Musik passt zu welcher Droge?

Drogendealer: Besonders gut passen LSD und Goa-Trance. Erst auf LSD habe ich Goa verstanden. Vorher fand ich die Musik schrecklich. Mit LSD war ich in der Lage, in die Musik einzutauchen. Plötzlich siehst du unglaublich tolle Sachen. Das war so, als wenn man mit einer Kamera den Fokus scharf stellt. Aber der Effekt nutzt sich sehr schnell ab.

Und sonst: House ist eher MDMA, harter Techno Speed. Der Begriff Ketamin-House passt ganz gut zu der Musik von Ricardo Villalobos. Ich habe Ketamin selten genommen, aber vielleicht ist es eine Möglichkeit, Ricardos Musik zu verstehen, die ich sonst ziemlich langweilig finde. Für Koks gibt es bestimmt auch den entsprechende Soundtrack, aber damit kenne ich mich nicht aus. Ich kann nur über Speed, MDMA und LSD sprechen.

De:Bug: Sind Drogen für bestimmte musikalische und künstlerische Entwicklungen verantwortlich?

Drogendealer: Zu sagen, auf LSD kapierst du plötzlich Sachen, die du vorher nicht verstanden hast, ist Quatsch. Auf LSD raffst du nur Blödsinn. Aber Drogen begünstigen natürlich Gedanken, auf die man sonst nicht gekommen wäre. Die Wirkung der Droge vermischt sich mit dem Klima der jeweiligen Zeit, in der man sie nimmt. Aus dem Zusammenspiel der gesellschaftlichen und sozialen Faktoren und den Drogen entstehen dann vielleicht bestimmte künstlerische und musikalische Ideen. Drogen allein schaffen aber keine Kunst.

De:Bug: Welche Drogen sind in den letzten Jahren wichtiger geworden?

Drogendealer: Für mich persönlich hat sich wenig verändert. Aber wie gesagt: Ich bin irgendwann nicht mehr viel weggegangen und wollte nicht wahllos alles probieren. Jede Droge ist eine neue Baustelle. Eine komplett neue Welt. Ich hatte eine zeitlang genug Probleme mit denen, die ich genommen habe. Ich verkaufe auch nicht alles. In der Szene war sicherlich Ketamin und GHB stellenweise präsenter, aber damit wollte ich sowohl als Konsument als auch als Dealer nichts zu tun haben.

De:Bug: GHB oder Liquid Ecstacy, wie es auch genannt wird, gilt als unberechenbar.

Drogendealer: Ja, GHB soll zwar bei richtiger Dosierung total schön sein und kaum Nachwirkungen haben. Aber wie schlimm es sein kann, habe ich an einem Typ erlebt, der auf GHB anfangs total euphorisch war. Dann wirkte sein Gesichtsausdruck plötzlich seltsam debil, abwesend. Erst lag er teilnahmslos in der Ecke, dann ist er plötzlich aufgestanden, hat geschrien und ist unkontrolliert herumgerannt. Das steigerte sich. Er verlor die Kontrolle und war kaum mehr ansprechbar. GHB kann für die Person, die es nimmt, sehr peinlich werden und den totalen Kontrollverlust bedeuten.

De:Bug: Gibt es für dich ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber deinen Kunden?

Drogendealer: Natürlich habe ich von Anfang an eine andere Richtung eingeschlagen als viele andere klassische Dealer, die ohne Rücksicht alle möglichen Drogen verkaufen. Es gab eine Zeit, in der hätte ich vielleicht dazu werden können. Aber es hat sich nicht ergeben. Heute ist mir völlig klar, dass ich nicht jede Droge verkaufen will. Ich habe keinen Bock auf GHB, auf Koks auch nicht. Nicht dass ich Koks nicht mag, aber mit diesen Drogen kriegen die Leute richtig Probleme. MDMA, Speed, Pillen, darauf kann man einfach gut feiern. Manche tun das vielleicht zu viel. Das ist dann nicht gut für die Karriere, aber Leute, die mit diesen Drogen richtig Schwierigkeiten bekommen, kenne ich wenige.

De:Bug: Welche Drogen würdest du empfehlen?

Drogendealer: MDMA ist meine Lieblingsdroge. Sie macht dich friedlich, kontaktfreudig. Du bist voller Liebe. Speed ist sehr praktisch für das Wachsein. Du bist sehr klar. Leute arbeiten auch darauf. Eine Droge, die mir erschreckend gut gefallen hat, war Opium. Das ist aber absolut keine Empfehlung! Ich habe es nur einmal genommen. Es war perfekt. Ich hatte heftige Schmerzen, die waren plötzlich verschwunden. Ich habe mich ausgeglichen gefühlt, im Einklang mit mir selbst. Aber: nie wieder! Das ist die Droge, die einen ganz schnell abrutschen lässt, weil sie so süchtig macht.

De:Bug: Welche Rolle spielt Heroin heute eigentlich?

Drogendealer: Ich weiß es nicht. Diese Szene hat keine Berührungspunkte mit der, in der ich mich bewege. Zu mir kommt niemand, der Heroin nimmt und ich wüsste noch nicht mal, wo ich das herkriegen würde. Das ist anscheinend eine andere Welt. Ich kannte im Laufe meiner Feierzeit nur zwei Leute, die Junkies geworden sind.

De:Bug: Hast du dir mal gedacht: Warum mache ich das eigentlich? Ein schlechtes Gewissen gehabt?

Drogendealer: Selten. Ich habe nichts dagegen, wenn Leute feiern. Wie gesagt, es kann deiner Karriere im Weg stehen, aber ich denke, jeder muss zu einer bestimmten Zeit in seinem Leben übertreiben. Es geht am Ende nur darum, das Leben trotzdem auf die Reihe zu bekommen. Geht es den Leuten gut damit? Können sie weiter im Alltag funktionieren? Wenn das zutrifft, dann ist alles ok. Wenn nicht, werden die Drogen zum Problem. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Die Band DAF, die mit ihrem Synth-Punk als Techno-Pioniere gelten, hat sich in einem Interview mal von der Techno- und Clubkultur distanziert. Sie meinten, dass sie Punks seien und mit Drogen die Welt verändern wollten. Techno hingegen spiele sich nur am Wochenende ab und in der Woche arbeiteten die Raver meistens in einem normalen Job. DAF fanden das schlimm. Ich finde genau das gut. Nicht abzudriften, am Montag wieder sein normales Ding zu machen.

De:Bug: Inwiefern dringen Drogen in den Alltag vor? Kennst du Leute, die regelmäßig während der Arbeit Drogen nehmen?

Drogendealer: Kenne ich kaum. Die meisten nehmen es nur auf Partys oder zum Sex vielleicht (lacht). Ich finde diese Trennung wichtig. Koks und auch das Kiffen schleichen sich schnell in den Alltag ein und gehen dann nicht mehr weg. Ich verkaufe im Grunde nur Drogen, die ausschließlich am Wochenende funktionieren.

De:Bug: Wie haben sich eigentlich die Preise entwickelt?

Drogendealer: Ich habe da nie eine Tendenz bemerkt. Das sind Phasen. Bei einer bestimmten Quelle gibt es eine bestimmte Qualität zu einem bestimmten Preis. Die Endverbraucherpreise bleiben aber weitestgehend gleich. Vor zehn Jahren kosteten Pillen fünf Euro. Das kosten sie heute auch noch.

De:Bug: Und die Qualität?

Drogendealer: Pillen kommen meistens für den Zeitraum von einer Woche bis zu zwei Wochen aus der selben Quelle. Die Qualität ist relativ stabil. Speed ist schwieriger. Man kann die Qualität schwer einschätzen und sie schwankt sehr. Das ist ein Problem.

De:Bug: Wäre es sinnvoll Drogen komplett zu legalisieren?

Drogendealer: Wahrscheinlich, weil es eine bessere Qualitätskontrolle geben würde. Drogen wären nicht so teuer. Es würden Steuern bezahlt werden. Ich weiß natürlich nicht, welche bösen Sachen ich mit meinem Geschäft finanziere. Die Leute, von denen ich meinen Stoff bekomme, sind nett, aber zwei Etagen über denen sitzen wiederum welche, mit denen ich lieber nichts zu tun haben will. Ich hatte tolle Erlebnisse auf Drogen. Auch wenn ich damit viel Zeit vergeudet habe, hat mich diese Zeit persönlich weiter gebracht.

Ob aber Drogen wie Speed oder MDMA so leicht erhältlich wie Alkohol werden sollten? Man sieht was Alkohol für Schäden anrichtet. Am Ende steht immer die Frage, ob die Leute sich selber verantworten können oder nicht. Darauf habe ich keine Antwort. Vielleicht ist es so, wie es jetzt ist, auch gut: Drogen sind nicht leicht zu bekommen. Du nimmst sie eine zeitlang. Du wirst älter und kennst niemanden mehr, der sie dir besorgen kann und dann hörst einfach damit auf. Sie kommen, sie machen Spaß, aber sie gehen auch wieder.

De:Bug: Ist die Dealerei ein gutes Geschäft für dich?

Drogendealer: Ja, ich muss nicht viel dafür tun. Ich verdiene ordentlich Geld und mir macht das eigentlich auch Spaß. Lange bevor ich mit damit angefangen habe, habe ich einen Gras-Dealer gefragt, der ohne Strom in einem besetzten Haus wohnte, warum er das macht. Er meinte, er mache das für die Gesellschaft. Damals habe ich darüber gelacht, aber heute denke ich, er hatte Recht. Die Dealerei ist eine kleine Party.

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Elektronische Lebensaspekte.

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