Auf den Spuren eines Türstehers, der Testosteron-vernebelte Jung-Machos im Zaun hält.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 130


Jeden Monat trifft Hendrik Lakeberg Menschen, die aus dem Nachtleben nicht mehr wegzudenken sind. Dieses Mal hat er sich auf die Spuren eines Türstehers begeben, der Testosteron-vernebelte Jung-Machos im Zaun hält: tagsüber in einer Neuköllner Hauptschule, nachts in einer Vorstadtdisko.

Bei Mitfahrgelegenheiten weiß man ja nie, an wen man gerät. Um aufgenötigten Gesprächen mit langweiligen Studenten und politischen Hardlinern aus dem Weg zu gehen, hatte ich diese zwar günstige, aber aufreibende Variante des Reisens über zwei Jahre lang konsequent gemieden. Doch nachdem meine finanziellen Mittel knapper wurden und mir auf der ersten widerwillig in Kauf genommenen Fahrt ein netter türkischer Ex-Punk gute zwei Stunden lang von seiner Insektensammlung, schwarzen Witwen, Vogelspinnen und giftigen Hundertfüßlern erzählt hatte, während dabei brutaler Gabba-Techno mit faszinierend stumpfen Textzeilen wie “I am the gatekeeper. I will destroy you” lief, dachte ich, dass Mitfahrgelegenheiten doch eine gute Möglichkeit sind, sich für ein paar Stunden schutzlos und mit ganzer Konsequenz der Wirklichkeit auszusetzen. Das eigene Umfeld aus Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen ist ja eigentlich nichts anderes als ein Spiegelkabinett, in Berlin Mitte sowieso. Also: raus aus dem Dorf, rein in die Welt.

Auf der zweiten Fahrt sitze ich mit Mahmud und Astrid im Auto, einem jungen Berliner Paar, auf dem Heimweg von einem Nerven aufreibenden Elternbesuch. Ihre sechs Monate alte Tochter ist hörbar schlecht gelaunt. Vielleicht weil zwischen den beiden Eltern ein Streit schwelt, der nur deshalb nicht offen zum Ausbruch kommt, da ich als Fremder im Auto sitze. Astrid, eine gelernte Ergotherapeutin, arbeitet als Tagesmutter bei snobistischen mittelalten Müttern am Zionskirchplatz, Mahmud für einen Sicherheitsdienst in einer Neuköllner Hauptschule und als Türsteher der Diskothek ”Odeon“ im Berliner Stadtteil Lichterfelde.

Im Iran hatte er eine Ausbildung als Personenschützer absolviert, bekam aber keinen Job und muss sich nun mit Testosteron-vernebelten Jung-Machos und prügelnden Mädchengangs beschäftigen. Seine Jobs, vor allem der als Türsteher, interessierten mich brennend. Denn Türsteher sind im Nachtleben wie der “Gatekeeper” im Endgegner-Techno-Geballere des Insektensammlers. An ihnen zu scheitern kann ein Trauma auslösen, am Selbstbewusstsein nagen und sogar zu Hass-Attacken führen, gegen den Club, in den man nicht reingelassen wird, und vor allem gegen dieses arrogante Arschloch, das einem gerade den Weg zu einem netten und sorglosen Abend, einem “intelligenten Vollrausch” (Kid P) versperrt.

DJ Hell zum Beispiel hat sich geschworen, nachdem er Ende der Achtziger mehrmals nicht ins P1 gelassen wurde, dort niemals aufzulegen. Er hat das tatsächlich jahrelang durchgehalten. Erst als er 2003 vom GQ-Magazin die Auszeichnung als Mann des Jahres in der Kategorie “Musik” erhielt, spielte er auf der Aftershow Party der Verleihung. Es war seine Genugtuung. Es gibt tausend gute Gründe, das P1 nicht zu mögen, aber wenn man in einem Berliner Club schon sinnlos mit einer Türsteherin diskutiert hat, während 20-jährige Mediendesignstudentinnen reihenweise und scheinbar völlig mühelos an einem vorbeiziehen, kann man DJ Hell absolut verstehen.

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Leider wurde die Unterhaltung mit Mahmud über Prügeleien und rassistische Pöbel-Attacken zwischen türkisch-, russisch- und deutschstämmigen Machos vor dem Odeon irgendwann immer häufiger lautstark durch seine Tochter unterbrochen. Schließlich schwiegen wir den Rest der Fahrt. Erst das zeigte Wirkung. Die Kleine schlief zwar nicht, aber sie weinte auch nicht mehr. In aller Stille beschloss ich, ins Odeon zu gehen, also ins Herz von Disko-Deutschland. Denn Clubs wie das ”Odeon“ sind in diesem Land die Normalität, dachte ich. Im Gegensatz zu den wenigen einschlägigen Berliner, Hamburger und Münchner Clubs, in die ich ab und an gehe.

Die S-Bahn fährt eine gute halbe Stunde Richtung Lichterfelde, dem Berliner Stadtteil, der für eine kurze Zeit in popmusikalischer Hinsicht berühmt und berüchtigt war. Denn hier landeten “Seyfu & Harris feat. Bruto Brutaloz” mit dem Stück “Dopingbusiness” einen kleinen Youtube-Hit und erfanden das kurzlebige Genre des Anabolika-Rap. Sie reimten Textzeilen wie “Nennt mich Seyfu Anabolika/Jungunternehmer/ denn in Sachen Anabolika kennt mich einfach jeder/ ich bin einfach zu schlau/ denn ich verkauf wie die Sau”.

Eine hiesige Stadtzeitung jubelte und erkannte in “Dopingbusiness” den authentischen Spiegel unserer gedopten Gesellschaft. In Lichterfelde Süd steige ich in den Bus, der mich schließlich direkt zum “Odeon“ führen sollte. Im oberen Stockwerk des Busses trampeln die zugestiegenen Anabolika-Rap-Kids auf dem Boden herum und lassen eine Flasche Vodka mit Zitronenlimonade kreisen. Ich bin besorgt um die Fahrgäste, die einsteigen und ahnungslos die Treppe nach oben hinaufklettern. Ich und ein Freund, der mich freundlicherweise begleitet, sitzen da mit unseren Brillen, APC-Hemden und Parkas und gehen in diesem Moment fest davon aus, dass wir heute Abend mindestens zweimal verprügelt werden.

Vor dem Club sind die Kids aber plötzlich lammfromm. Einige können ihr Glück kaum fassen, als sie an den drei bulligen Türstehern vorbeikommen. Der ganze Laden steht voll mit Sicherheitspersonal. Jeder, der hier aufmuckt, wird sofort hinausgeworfen. Hier passiert uns heute Abend überhaupt nichts, denken wir fast ein wenig enttäuscht. Einer der Sicherheitstypen verfolgt uns eine zeitlang. Wir sind nicht sicher, ob er in uns eine Bedrohung sieht oder Drogen verkaufen will.

Am Tresen sehen wir einen Typen, der eine schwere silberne Kette um den Hals trägt, seine Haare GI-mäßig geschnitten, die Muskeln gestählt. Wir sind uns sicher, das ist der Rapper Seyfu. Die meisten hier im Laden sind viel jünger als er. Höchstens achtzehn. Auf der Tanzfläche läuft knalliger Handtaschen-House, dann “Remmidemmi” von Deichkind. Der Sänger singt “Habt ihr nichts zu fressen hier?”, der DJ dreht die Lautstärke runter, die Kids grölen: “Ich will Pizza!” Ruckzuck geht das, einen Hit nach dem anderen, Remixe von alten Trance-Gassenhauern, dann “3 Tage wach” von Lützenkirchen, was aber nicht so gut ankommt, zu langsam, zu melancholisch, zu minimal.

Es ist zwölf Uhr, der Laden noch relativ leer, nur die Tanzfläche brechend voll. Hier wird nicht lange gefackelt. Für eine halbe Stunde finden auch wir die wuchtige Druckbeschallung effektiv. Wir bestellen Vodka und Bier. Der Vodka schwappt über meine Hand. Er brennt in einer Schnittwunde am Zeigefinger, die ich zuvor gar nicht bemerkt hatte. Hinter uns steht ein Mann um die 40 in sauber gebügeltem Oberhemd. Er bleibt allein, den ganzen Abend lang, und schaut nach Mädchen. Er sollte sich mit der einsamen gleichaltrigen Frau mit den Augenringen am Tresen zusammentun, die den kleinen Jungs zuzwinkert. Um die Tanzfläche befinden sich Sitzecken.

In einer sitzen noch zwei von diesen Anabolika-Rap-Typen (die sehen alle gleich aus) mit zwei Teenager-Mädchen. Ein Sektkühler steht auf dem Tisch. Die Mädchen sind heute Abend im Partnerlook unterwegs, beide tragen ein rotes, kurzes Kleid mit roten Pumps dazu. Irgendwann fährt die eine der anderen langsam mit der Zunge über den Rücken und schielt dabei Richtung ihrer männlichen Begleitung. Wir schauen verlegen weg. Um uns herum wuselt eine Bedienung, die uns hier mitten im Club ernsthaft anbietet, Getränke an unseren Tisch zu servieren. Sie wischt mit dem Lappen den Aschenbecher aus. Hinter der Bar läuft auf einem Flatscreen ein Motocross-Rennen. Die DVD ist plötzlich zu Ende, so dass nur das blaue Menü auf dem Bildschirm flackert.

Ich mache das Barpersonal darauf aufmerksam. Ein Mann mit Schnurbart und leicht gelockten Haaren, den wir für den Besitzer halten, startet den DVD-Player neu. Wir fragen uns, ob ihm auch der Gebrauchtautohandel direkt neben dem Club gehört. Nach einer guten Stunde schlägt unsere Stimmung um. Es gibt nichts mehr zu sehen. Wir werden still. Es ist so traurig hier. Wir verlassen den Laden, fahren raus aus Disko-Deutschland und zurück nach Berlin Mitte. Mit intelligentem Vollrausch stehen wir schließlich erleichtert im ”Picknick“. Der Rest des Abends war amüsant, lächerlich und zeitvertreibend. Er ging noch eine Weile gut.

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Elektronische Lebensaspekte.

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