Hendrik Lakeberg trifft rbb-Nighflight-Radiomoderatorin Nadine Kreuzahler
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 149

Jeden Monat trifft Hendrik Lakeberg Menschen, die ihre Spuren im Nachtleben hinterlassen haben. Diesmal begleitet er die rbb-Nighflight-Radiomoderatorin Nadine Kreuzahler durch die Samstagnachtschiene. Während auf den Straßen das Nachttreiben losgeht, wird es hier in der Rundfunkanstalt besonders still.

“… Minus 12 Grad, es ziehen Wolken auf und spätestens am Morgen fällt neuer Schnee.“ Ich drehe den Wetterbericht leiser. Die Nacht ist klar und kalt. Der Mittelstreifen der A 115 liegt vor uns im Scheinwerferlicht. Als die Musik wieder einsetzt, versuche ich zu “Oh My Zipper“ von Altered Natives so schnell zu fahren, dass die unterbrochene Linie des Mittelstreifens im Takt der Bassdrum unter dem Wagen verschwindet. Alte Geschichten von früher: wie man im Auto gesessen hat auf dem Weg in den Club, von der Kleinstadt in die nächste Großstadt.

Von Bad Salzuflen ins Aufschwung Ost nach Kassel. Im Radio lief die “HR Clubnight“ oder “Raum und Zeit“ auf Einslive. Im Auto sitzen, rumlabern, sich freuen auf die Nacht. Die absolute Perfektion, wenn man im Morgengrauen nach Hause fährt, niemand etwas sagt und nur aus dem Radio noch Musik kommt. Als wir die AVUS runterfahren, merke ich, dass ich das vermisst habe.

Wir sind auf dem Weg nach Potsdam, um eine Nacht mit der Radiomoderatorin Nadine Kreuzahler zu verbringen. Der Nightflight auf Radio Fritz am Sonntag von null bis fünf Uhr morgens ist eine dieser Sendungen, die die Kluft zwischen dem Nachtleben auf dem Land und in der Stadt schließt. Für fünf Stunden sind Brandenburger Kids und Berliner Raver in tune mit der gleichen Musik, dem gleichen Vibe.

Geisterstunde
Nachts darf im Radio immer noch ein bisschen Anarchie herrschen. Die Quoten werden nicht gemessen. Das Tagesgeschäft ist weit weg. Nachrichten nur jede Stunde. Kaum Aktualitätsdruck. Nur Musik, die sich über Stunden ausbreiten kann wie ein Soundteppich, der sich mit der Nacht verwebt.

Gegen 23.30 Uhr biegen wir in die Marlene-Dietrich-Allee. Es läuft “Dance Under The Blue Moon“. Das Ensemble der rbb-Gebäude wirkt in der Nacht im orange-weißen Laternenlicht ein bisschen wie der Campus einer amerikanischen Elite-Uni. Es ist still. Der Schnee knirscht unter den Füßen, ein Wachmann läuft an uns vorbei. Der Pförtner öffnet die Eingangstür. “Wo wollen sie hin?“

Er wählt eine Nummer, es antwortet niemand. Dann schickt er uns einfach los und telefoniert wenige Minuten später hinter uns her, ob wir angekommen sind. Man merkt: Wir sind in einer Landesrundfunkanstalt. Geht man nachts durch ein Gebäude, das tagsüber voll mit Menschen ist, dann wird die Stille umso schwerer. Man bewegt sich vorsichtiger, redet leiser und hört aufmerksamer: das Ticken der Uhren, das Knacken von Holz, die Lüftung. “Manchmal ist das schon Geisterstunde hier“, sagt Nadine Kreuzahler später.

Die Ruhe nach dem Sturm
In den Redaktionsräumen steht ein Fikus und eine Blattpalme. Über der Scheibe des Studios hängt eine Anzeigetafel, auf der in LEDs die Zeit abzählen. Rote und grüne Ampelmännchen zeigen an, ob der Sprecher On Air ist oder Musik läuft. Ein leichter Schweißgeruch liegt in der Luft. Die Anspannung des Tagesgeschäfts zeigt sich auch in den zerlesenen Zeitungen, die auf den Tischen liegen. Die Bild, die Märkische Allgemeine, Der Tagesspiegel. Jetzt: die Ruhe nach dem Sturm.

Die Musik der Sendung läuft gedämpft im Hintergrund, auf einem Fernseher flimmert lautlos das ZDF-Sportstudio. Der Nachtredakteur begrüßt uns. Er sitzt er an einem Rechner am Nachrichtenticker. Die Topmeldung des Abends: die verunglückte Wette bei “Wetten Dass?“ Sonst: das Ende des Fluglotsenstreiks in Spanien, ein BVG-Bus wurde am Tag wegen eines Brandes aus dem Verkehr gezogen und Fußball: Dortmund ist Herbstmeister. Nadine Kreuzahler ist noch nicht da. Ich ziehe mir einen Automaten-Capuccino mit Zucker für 50 Cent. Um viertel vor zwölf betritt Nadine Kreuzahler das Studio.

Alle zwei Wochen moderiert sie den Nightflight, im Wechsel mit Herrmann & Hoffmann, also dem De:Bug/Groove-Team. Nadine ist kein Club-DJ wie Fritz-Moderatorin Anja Schneider, sondern in erster Linie Reporterin des RBB. Sie hat Preise für ihre Arbeit bekommen. Gerade war sie im ARD-Studio in Mexiko, in der kommenden Woche wird sie live vom Berliner Shakira-Konzert berichten. Nadine entkorkt eine Flasche Freixenet. Wir stoßen an. Der Nachtredakteur erkundigt sich, ob Nadine nicht noch nach Hause fahren müsse? “Doch, aber erst in 5 Stunden.“

Im Studio tanzen
Die Nächte hier draußen können lang werden. Bis drei Uhr bleibt der Nachtredakteur vor Ort, danach ist die Moderatorin mit dem Pförtner allein. “Manchmal tanze ich dann im Studio, weil die Musik so toll ist.“ Und manche Nächte kommen ihr endlos vor. Drei Uhr ist meistens der Tiefpunkt, sagt sie. Ob sie noch ausgeht danach? “Meistens nicht. Brötchen vom Bäcker, noch eine Serie und dann schlafen. Man kommt nicht so gut klar, wenn man um sechs Uhr einen Club betritt und nüchtern ist.“

1996 zog Nadine nach Berlin. Vorher war sie Rockerbraut, wie sie sagt, bis Nadine das Open Air-Festival Nation of Gondwana im Berliner Umland besuchte, wo die Diskokugeln in den Bäumen hängen und ein See zum Baden in der Nähe ist. Man kann absolut nicht sagen, dass Nadine Kreuzahler die Sendung aus purer Professionalität moderieren würde. Nadine sagt jedes Stück an. Gerade bei einer Techno-Sendung ist das eine Wohltat, weil sich die Tracks nicht anonym im Mix versenden. Seit sie den Nightflight moderiert, kauft sie regelmäßig Platten, am liebsten Vinyl. Vorher: Plattenladentrauma. Arrogante Macho-Checker hinterm Tresen, die sie unfreundlich anrüpelten.

Sie eröffnet die Nacht mit “Little Houseboat“ von Jatoma. Ihre Stimme im Studio zu hören, klingt für Außenstehende befremdlich, denn die Pausen zwischen den Sätzen wirken lang. Zu lang für einen normalen Gesprächsfluss, aber für das Radio genau richtig. Gäste beherrschen das nicht unbedingt. Nina Kraviz zum Beispiel war vor ein paar Wochen bei Nadine in der Sendung zu Gast. Kraviz, die über eine Stunde zu spät ins Studio kam, ging während des Interviews verpeilt und ohne Ankündigung vom Mikrofon weg zu den Plattenspielern, um das nächste Stück zu spielen.

Je länger die Sendung dauert, umso lockerer die Atmosphäre im Studio. Stehen wir anfangs nur wenn Musik läuft neben Nadine hinterm Mischpult, so sind wir ab etwa zwei Uhr eigentlich die ganze Zeit im Studio und plaudern. Immer um halb kommt der Nachtredakteur dazu und liest die Nachrichten im Loop: “Wetten Dass …?“, der brennende BVG-Bus, Dortmund ist Herbstmeister und das Wetter.

Rettung vorm Einschlafen
Das Schlimmste, dass einem im Radio passieren kann, ist die Stille. Stille während der Moderation, wenn einem das richtige Wort zu lange nicht einfällt. Oder die Stille, wenn eine Platte ausläuft. Diese Stille gibt es einmal kurz an diesem Abend, als wir über die neue Magda-Platte und das Label Minus diskutieren, dass der Sound alt geworden ist, dass da zu wenig passiert, dass diese strenge Interpretation von Minimalismus mittlerweile am Zeitgeist des Berliner Techno-Sounds vorbei geht. Als sie das Magda-Stück ansagen muss, weiß Nadine kurz nicht, was sie sagen soll und fängt sich, in dem sie mit “… Wie man das findet, kann jeder selbst entscheiden.“ schließt.

“Manchmal redet man sich auch um Kopf und Kragen“, sagt sie als Magdas “Get Down Goblin“ läuft. Es muss seltsam sein, nachts ins Nichts hinaus zu senden. Anders als am Tag, wo die Hörer anrufen, die Nachrichten sich von Stunde zu Stunde ändern und die Musik aus griffigen dreiminütigen Popsongs besteht. Es gibt hier kein Feedback, nur ein paar Facebook-Kommentare.

Konzentration auf das Wesentliche
Sebastian Bruno schreibt: “Ihr seid die Rettung vorm Einschlafen! Merci!“ In der Nacht findet das Radio zu sich selbst: Musik und ein bisschen Stimme. Die Konzentration auf das Wesentliche. “Ich weiß, dass viele Taxifahrer uns hören“, sagt Nadine. “Leute, die nachts arbeiten.“ Oder Jungs wie wir damals, auf dem Weg von Kleinmachnow ins Watergate zum Beispiel. Und der einsame Sebastian Bruno, der statt in den Clubs unterwegs zu sein, zu Hause auf das Einschlafen wartet.

Zurück auf dem Weg nach Berlin, hören wir die letzte halbe Stunde Nightflight auf dem Autoradio. Nadine sagt das Stück “Love You Gotta Lose Again“ von Nicolas Jaar an. Sie schlägt vor, doch noch rauszugehen, in die Panorama Bar, wo Carsten Jost, Efdemin und Lawrence spielen. “So kalt ist es da draußen gar nicht“, sagt sie. Das Termometer zeigt -7 Grad Außentemperatur. Im Auto ist es warm. Im Scheinwerferlicht wirbeln Schneeflocken im Takt der Musik.

http://www.fritz.de

Nadine Kreuzahler sendet alle zwei Wochen, im Wechsel mit dem De:Bug/Groove Team auf Radio Fritz, der Jugendwelle vom rbb.

3 Responses

  1. Adyen

    Das klingt wie Radio,… Radio das noch lebt, das noch Sele hat. Leider ist davon nicht mehr viel zu finden. Ich höre den Nightflight schon seit vielen vielen Jahren, es sind einfach die besten Sendungen. Oftmals bleib ich sogar extra deswegen wach, obwohl ich eigentlich schlafen müsste.

    Ich wünschte mir, das das Radio ansich mal wieder mehr zu sich selbst finden würde.