Jeden Monat trifft Hendrik Lakeberg Menschen, die im Nachtleben einschneidende Spuren hinterlassen haben. Dieses Mal erlebt er mit der Hiphop-Crew KIZ die Nacht, in der Michael Jackson starb.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 135

KIZ

Lautes Stöhnen hallt durch das Wartezimmer des Arbeitsamts Berlin-Neukölln. K.I.Z.-Kumpel Felix hatte sich am Abend Videos auf YouPorn angeschaut. Als er seinen Rechner aufklappt, um sich an einem der deprimierendsten Orte Deutschlands die Wartezeit erträglich zu machen, startet das Video da, wo er seinen Computer in der Nacht in den Schlafmodus geschickt hat. Ha, ha, lautes Lachen. Super Geschichte, finden alle hier im Office der Band, einen Tag später. Das K.I.Z.-Hauptquartier ist geräumig und hoch wie ein Atelier.

Die wenigen Möbel, die auf dem Waschbeton verteilt sind, muten an wie Sperrmüll. In einem Nebenraum klappert Geschirr. Beat, Manager der Band, räumt die Küche auf. Man hat gemeinsam zu Abend gegessen. Ich sitze mit Tarek an einem niedrigen Tisch im Sessel, Sil-Yan alias DJ Craft räumt mit Maxim die Küche auf. Eine gute Kinderstube bekommt man nicht aus den Knochen, da kann man sich auf den Kopf stellen.

Die Atmosphäre in diesem Raum, an diesem Tisch, erinnert mich an die Küche des autonomen Jugendzentrums, in dem ich während der Schulzeit viel Zeit verbracht habe. Ich muss an das selbstgemalte “Draußen ist Feindlich”-Plakat denken, das über dem Spülbecken klebte. Der nette Universal-Mitarbeiter bietet mir ein Bier an. Auf dem Tisch liegt eine Ausgabe der linken Wochenzeitung Junge Welt.

K.I.Z. sind seit einigen Jahren recht erfolgreich und werden dabei über die Genre-Grenzen hinweg verehrt. Nicht nur HipHop-Heads gehen auf ihre Konzerte, sondern auch solche, die normalerweise Indie, Punk oder elektronische Musik hören. Und auch Teile des schwarzen Blocks lieben die vulgären Geschmacklosigkeiten, den pubertären Größenwahn und die cleveren Gesellschaftsanalysen der Band.

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Bekannt geworden sind sie mit dem Stück “Was willst du machen”, einer brillant beobachteten, ironischen, zynischen und gleichzeitig liebevollen Hommage an die Prolls am Kottbusser Tor. Sil-Yan sagt, dass die Band heute eigentlich gerne zur Gedächtniskirche gehen wolle. Dort werden Kerzen zum Gedenken an die islamische Revolution angezündet. Im Iran branden an diesem Juni-Abend gerade die ersten Bürgerproteste gegen den wiedergewählten Präsidenten auf.

Jetzt Kerzen für die islamische Revolution anzuzünden bedeutet also, Solidarität mit Mahmud Ahmadinedschad zu bekunden, der Israel am liebsten von Landkarte radieren möchte. Ich entgegne Sil-Yan, der in seinen DJ-Sets zwischen die elektronische Musik auch mal Klezmer mischt: Wenn ihr die Kerzen anzündet, dann puste ich sie wieder aus. Wir lachen, prosten uns zu und lassen die Flaschen freundlich klirrend gegeneinander schlagen.

Auf ihrem neuen Album “Sexismus gegen Rechts” gibt es ein Stück mit dem Titel “Straight outta Kernten”. Ein Liebeslied an den schwulen, österreichischen Rechtsextremisten Jörg Haider, der sich im letzten Jahr in seinem Dienstwagen tot gefahren hat. Ein Textzeile lautet: “Was soll das hier ohne dich werden? Neurabien / Ich stehe in der Fußgängerzone und schreie Heil Haider / Hast du nen Problem? Geh weida / Du warst so gut gebaut, das ist Liebe / Ich stehe vor dem Wahlplakat und onaniere”.

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Das ist bitter-böse Satire und vielleicht die einzige funktionierende Möglichkeit, einen Song gegen Rechtsextremismus zu schreiben, ohne damit kraftlos in einer pseudo-liberalen Lichterkettengemütlichkeit zu veröden. K.I.Z.-Texte sind grundsätzlich ein frontaler Angriff, nicht nur auf Jörg Haider, manchmal auch auf den Hörer und eigentlich auf die ganze Welt. Mit ihrem bösen Humor demontieren sie Feinde und machen Außenseiter, Arbeitslose, Penner und Proleten zu wütenden Berserkern, die um nichts bitten, nichts fordern, sondern sich einfach nehmen, was sie haben wollen.

In dem Stück “Der durch die Tür Geher” grölt Nico aus der Perspektive eines Berliner Schläger-Prolls, der vor einem Club steht: “Mach ma keine fiese Matenten / wir sind hier nicht zum Dancen / wir woll’n hier rausfliegen / draußen weiterstressen, bis wir wat aufs Maul kriegen.” Bei K.I.Z. geht es immer darum, sich das Feindselige der Welt anzueignen, ironisch nachzuahmen, um sich selber und die Feindseligkeit draußen überhaupt ertragen zu können.

Das ist bisweilen ziemlich vulgär, zynisch und geschmacklos, aber erstens: Manchmal rütteln einen erst Geschmacklosigkeiten richtig wach und zweitens: sich in der Position des Zukurzgekommenen, des Verlierers zu sehen, gehört wohl zu einem menschlichen Grundgefühl. Und zu sehen, wie sich ein Verlierer gegen alle Widrigkeiten hinwegsetzt, davon lebt auch Hollywood. Doch das ist das Tückische an dieser Band: Der Stresser vorm Club ist Rio Reisers Mensch Maier auf Speed, Korn und Hartz IV. Kein liebenswürdiger Proletarier, sondern ein Arschloch.

Sil-Yan erzählt von einem Webvideo, das sich mit der Paranoia vor terroristischen Anschlägen auseinandersetzt und vor einem Überwachungsstaat warnt. Dann hält er ein Hochglanzmagazin in den Händen, zeigt auf ein modernistisches komplett aus Glas gebautes Haus. Man kann von außen in alle Räume sehen und nachts besser hinein als hinaus.

Er sagt: “Das ist mein Traumhaus. Das baue ich mir auf den Potsdamer Platz und wohne darin.” Wir gehen raus auf die Straße in Richtung einer Kneipe namens Milchbar. Neukölln liegt friedlich in der Abendsonne, die Cafés sind voll. An den Stromkästen kleben Antifa-Poster mit dem Claim “Angry young kids”.

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Ein Krankenwagen rauscht vorbei. Die Sirenen ohrenbetäubend laut. Dann sagt Tarek: “Die ganze Angst, diese ganzen Zwänge, stell das in Frage. Darum geht es. Man darf nicht verbittern. Man muss aktiv und aggressiv damit umgehen. Selbstmitleid ist das Schlimmste.” Eure Texte sind ganz schön düster zieht man den Humor mal ab, sage ich. Tarek: “Ich hätte niemals gedacht, dass ich mal die Aufmerksamkeit bekomme. Ich dachte immer, kein Mensch interessiert sich für das, was du sagst, was du denkst.

Ich schreibe die Texte nicht deshalb so aggressiv. Das hat sich ergeben. Ich habe mit unserem Tourmanager darüber geredet, dass ich von meinen Charakterzügen gar nicht dafür geschaffen bin, dass mir die Leute zujubeln. Er hat gesagt, ‘das sind die meisten Menschen, die Musik machen, nicht’. Wenn ich jetzt so richtig bekannte Musiker kennen lerne, dann sind das keine Leute, die die ganze Welt umarmen wollen. Die haben alle etwas, was sie antreibt, eine Unzufriedenheit. Das Bedürfnis gehört zu werden, beachtet zu werden. Das sind manchmal eitle Gründe, manchmal eine Scheißkindheit, was auch immer.”

Der Weg zur Milchbar ist kurz und die Holzbänke direkt vorm Laden noch frei. Die Mehrheit trinkt Watermelon Man. Melonenlikör, Orangensaft, Wodka. Nico: “Sieht nach Kater aus.” Maxim sagt: “Bass Sultan Hengzt hat am Ende eines Interviews immer einen anderen Rapper als Hurensohn bezeichnet. Das war als Taktik ganz gut, hatte einen Wiedererkennungswert. Aber ich kann nichts gegen Huren sagen. Im Gegenteil, die opfern sich ultimativ für ihren Sohn auf. Zuhälterväter finde ich schlimmer.” Diane aus dem K.I.Z.-Begleittross wendet ein: “Ich kannte mal jemanden, der hatte einen Zuhältervater. Der konnte sich nicht beklagen.” Lachen.

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Maxim sagt: “Worte sind doch leer. Worte an sich ergeben keinen Sinn, man muss einen Kontext dazu erschaffen. Wir sagen: Wir sind der Staat und wir sind scheiße. Man muss den Leuten ihre Uniformität entreißen. Das Kaputtmachen ist sehr wichtig. Das macht uns Spaß und ist viel schwieriger, als die Leute denken.” Draußen fangen die Schilder der Dönerläden an zu leuchten. Es ist dunkel geworden. Drinnen am Tresen trinken wir den ersten von noch vielen Tabasco mit Wodka.

Die Kopfschmerzen fangen schon am Abend an, am nächsten Tag werden sie sich zu einem Dröhnen ausweiten. Dann läuft Tarek plötzlich aufgeregt durch den Laden. In der Hand sein Handy. Auf dem Display eine SMS seines Vaters: “Michael Jackson ist tot”. Man schaut sich etwas hilflos an. Die Stimmung am Boden, Verunsicherung macht sich breit. Shots werden über die Theke gereicht. In diesem Moment war die Nacht in der Milchbar vorbei.

Teile der Band ziehen weiter oder nach Hause. An diesem Abend ging etwas zu Ende und es war nicht klar, was danach anfing. Auf eigentümliche Weise passt Michael Jackson in das Figuren-Repertoire der Band. Auch er ist ein Erniedrigter und Beleidigter, der an sich selbst gescheitert ist, an seinem Vater, an den Verhältnissen und der alles getan hat, sogar seinen Körper neu erschaffen hat, um dagegen anzukämpfen.

Am Ende ist ihm das nicht gelungen, aber sein Vermächtnis, das bleibt erhalten. Tarek textet in der an diesem Tag erschienenen Single “Eintritt”: “Die Thriller CD gibt den Toten Energie. Die Zombies tanzen Michaels Choreographie.” Die Zombies, sagt George Romero, das sind wir.

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Elektronische Lebensaspekte.

9 Responses

  1. Lennart

    “Tabasco mit Wodka” ? Ernsthaft? Das Zeug heißt Mexikaner und wird normal mit Korn und etwas Tomatensaft getrunken, aber Korn gibts in Berlin ja nich. Keine Kultur hier..

    Ach ja: Geiler Text!

  2. Plzumäää

    Niemand mag Klugscheißer.

  3. Jannik

    Schnieker Artikel. Selten KIZ so gut erfasst gesehen, so sollte es sein – endlich gesellschaftsverständlich 😉
    Keep it up!

  4. andre

    Fisimatenten sind keine fiesen Matenten!

  5. toben

    “Auf dem Tisch liegt eine Ausgabe der linken Wochenzeitung Junge Welt.”
    Soweit ich weiß gibt es nur die Tageszeitung Junge Welt. Oder ist eventuell mit Junge Welt die Wochenzeitung Jungle World gemeint? Würde ja viel über das Weltbild von K.I.Z aussagen.