Marc Brandenburg kennen Tagsüber-Menschen als erfolgreichen Maler, Nacht-Menschen als eine der Kernfiguren des Berliner Club-Universums
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 127


Jeden Monat treffen wir Menschen, die aus dem Nachtleben nicht mehr wegzudenken sind, die ihren festen Platz in unserem Universum haben, vor oder hinter den Kulissen. Marc Brandenburg kennen die Tagsüber-Menschen als erfolgreichen Maler von schwarzweiß-gedrehten Nachtlebens-, Bohème- und Trivial-Motiven. Seine oft Plattencover-großen Bleistiftzeichnungen sehen aus wie naturalistische Negative von Fotografien, gern anrüchig bis gossenhaft. Die Nacht-Menschen kennen ihn seit zwanzig Jahren als eine der Kernfiguren des Berliner Club-Universums.

Marc Brandenburg hat sein Atelier in der Berliner Torstraße verlassen, sitzt auf einem der Plastikkorb-Sessel vor dem Döner-Imbiss am Rosenthaler Platz und macht Pause. Zwischen ein und zwei Uhr nachts ist er oft hier, noch hellwach, und beobachtet Menschen. Pause zu machen bedeutet für Marc Brandenburg, dass er seine großformatigen, geisterhaften, immer etwas bedrohlichen Zeichnungen für eine Zeit lang liegen lässt. Es bedeutet nicht, dass er aufhört zu arbeiten, oder besser: zu denken.

“Das Konzept von Wochenende und Feierabend gibt es für mich nicht”, sagt er. Dass er keinen Feierabend kennt und Feiertage für ihn deshalb auch keine Bedeutung haben, ist wohl der Grund, warum er etwas überrascht ist von dem Trubel um uns herum. Der Tag der deutschen Einheit hat gerade begonnen. Das Wochenende beginnt diesmal schon am Freitag. Den Imbiss betreten zwei chic gekleidete Frauen um die 40. Sie sehen aus wie Sekretärinnen auf einem Kulturtrip nach Berlin und kommen wahrscheinlich von einer Vernissage in einer der zahlreichen, nahe gelegenen Galerien an der Brunnenstraße. Eine der beiden zeigt auf die Salatbar und sagt mit schwäbischem Akzent so was Dämliches wie: “Schau mal, hier gibt’s auch was Gesundes.”

Um uns herum starten bierselige Engländer, Spanier und Amerikaner in das Berliner Nachtleben und versorgen sich mit Döner und Bier. In gewisser Hinsicht ist dieser Ort symbolisch für viele Dinge, die Marc später sagen wird. Immer wenn jemand in der Nähe mal wieder besonders laut brüllt, hat man den Eindruck, dass Marc für einen Sekundenbruchteil erschrocken zusammenzuckt. Dann verdreht er leicht genervt die Augen.
Marc Brandenburg ist ein Veteran der Berliner Clubkultur. Er hat als Teenager und junger Punk Anfang der Achtziger im Westberliner Club Dschungel gearbeitet, in dem der Maler Salomé gekellnert, Rio Reiser regelmäßig aufgelegt hat und in dem auch sonst unzählige mittlerweile berühmte Künstler, Schauspieler und Musiker ein und aus gegangen sind.

Noch heute kriegt Marc Brandenburg von Leuten zu hören, dass er sie damals angeblich nicht reingelassen habe. Lässt man die legendären Berliner Clubs und Kneipen der letzten zwanzig Jahre an sich vorbeiziehen, dann war Marc dort entweder Stammgast oder hat dort gearbeitet. Mink, Kumpelnest, Exzess oder das Sounds, Ende der Neunziger stand er im Ostgut hinter der Bar. Im Berghain arbeitet er bis heute regelmäßig. Als Künstler der Galerie “Contemporary Fine Arts”, einer der größten und wichtigsten in Deutschland, müsste er das nicht mehr. Aber hier geht es längst nicht mehr ums Geld. Vielleicht ging es das nie. Zumindest nicht in erster Linie.

Marc Brandenburg ist im Berliner Nachtleben aufgewachsen und hat außer als Künstler kaum etwas anderes gearbeitet. Arbeit, ist das überhaupt des richtige Wort? “Im Dschungel an der Tür zu stehen habe ich nicht als Arbeit gesehen. Eine Schicht dauerte sechs Stunden. Nach Feierabend haben wir öfters auch mal eine Flasche Champagner aufgemacht. Das war ein Traum, und dafür ist man auch noch bezahlt worden”, erzählt Marc. Aber es ist nicht nur Glamour und Spaß gewesen, der ihn zu Clubs wie dem Dschungel hingezogen hat, wo sich Punks, Künstler und politisierte 68er trafen. Das Berlin der späten Siebziger und frühen Achtziger war eine Hochburg der Subkultur.

Punk und New Wave florierten, unzählige Künstler und Musiker lebten in Berlin. Die jungen Wilden der Malerei mischten den bürgerlichen Kunstbetrieb auf. Es war die Zeit von Kippenberger und Christiane F, mit der Marc eine Zeit lang in einer WG gelebt hat. Einerseits war Berlin eine behütete Insel. “Wir haben wie die Maden im Speck gelebt”, sagt Marc. Die Arbeitslosigkeit war noch kein Problem und mit Sozialhilfe konnte man problemlos über die Runden kommen. Doch so übersichtlich und behütet es sich im Berlin der Achtziger leben ließ, so radikal gab man sich dagegen in Kunst, Musik und Politik. Das Schlagwort der Stunde lautete “Radical Chic”.

Mit der RAF zu sympathisieren und Champagner zu trinken war kein Widerspruch und Ausgehen eine ideologische Entscheidung. Die Clubs und Kneipen, in denen Marc Brandenburg gearbeitet hat, waren Orte, an denen er Leute traf, die mit ihm nicht nur eine durchfeierte Nacht, sondern ein Lebensgefühl teilten. Obwohl er weiß, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann, vermisst er das heute: “Man verbindet mit dem Ausgehen keine Ideologien mehr. Nicht alle, die ins Berghain gehen, wollen ein unangepasstes Leben führen. Damals wollte man irgendwie immer auch die Welt verändern. Aber die Zeit war eine ganz andere: Berlin war noch extrem von der Nachkriegszeit geprägt.

Kreuzberg sah bis fast in die Achtziger aus wie direkt nach dem Krieg. Und der Krieg steckte noch in den Köpfen der Leute. Alle waren wütend. Man suchte nach einem anderen Leben und Berlin war damals ein Sammelbecken für Menschen, die sich danach gesehnt haben. Im Vergleich dazu kommt mir heute vieles ein wenig hohl vor.” Um mal ein Beispiel zu nennen: Zur WM steht heute in jeder Kneipe ein Fernseher und wirklich alle reden über Fußball. Das wäre damals undenkbar gewesen. Subkulturen war streng und elitär. Fußball stand für das kleinbürgerliche Deutschland, und das wollte man am liebsten verrecken sehen.

Ende der Achtziger war die Luft raus. Die Berliner Subkultur hatte ihren Zenit überschritten. Die Wiedervereinigung kam genau zur richtigen Zeit. Plötzlich eröffneten überall Kellerclubs, immer neue, ständig an anderen Orten. Doch Techno und die Clubs der Stunde wie der Tresor und das E-Werk begeisterten ihn nicht mehr. Marc verließ Berlin und lebte eine Zeit lang in London.

Doch irgendwann, wie aus dem Nichts, war da plötzlich das Ostgut. Marc erzählt begeistert: “Immer wenn ich dahin gegangen bin, hatte ich plötzlich wieder dieses Gefühl der Aufregung, das ich damals seit Jahren nicht mehr gespürt hatte. Das Ostgut war im Grunde ein schwuler Laden, aber es kamen auch viele Frauen. Das Publikum setzte sich aus sehr unterschiedlichen Menschen zusammen.

Die Stimmung war sehr sanft. Jeder konnte machen, was er wollte. Es war wie ein riesengroßer, friedlicher Spielplatz. Man hatte das Gefühl, das für ein paar Stunden alles möglich ist. Ich habe dort Dinge gesehen, die kann man nicht inszenieren”, sagt er und lächelt für einen Moment in sich hinein. Diese Momente, über die man nicht sprechen kann, die man erlebt haben muss, waren mehr als eine Entschädigung für die anstrengenden Nächte hinter der Bar im rappelvollen Club. Marc liebt das Arbeiten im Ostgut. Nach besonders langen Schichten fühlte er sich wie im Rausch, ohne Drogen genommen zu haben.

Als das Ostgut umzog und zum Berghain wurde, änderte sich das Publikum. Nicht nur zum Besseren. Alles das, was die Subkultur der Achtziger ausgemacht hat und auch noch im Ostgut funktioniert hatte, das Elitäre, das Unter-sich-Sein, löste sich im Berghain zunehmend auf. “Die Tür ist zwar sehr streng, aber da die Clubwelt nun mal nicht nur aus avantgardistischen Menschen besteht, muss sich ein Club in der Größe natürlich auch anderen öffnen.” Es klingt ein Hauch von Bedauerung an, wenn Marc das sagt. “Anstrengend sind zum Beispiel Gruppen von etwa 20 Spanierinnen, bei denen eine für alle bestellt und dann aber alle einzeln mit viel Silbergeld und Cent-Stücken bezahlen. Es gibt Menschen, die überhaupt nicht kapieren, wie das in einem Club funktioniert.”

Doch trotz des immer breiteren Publikums und Touristen aus aller Welt: Das Berghain schafft es bis heute seine besondere Aura zu bewahren. Deshalb ist es mit der Zeit zu einem der wichtigsten Clubs der Welt geworden. Sogar Australier reisen einmal im Jahr extra für die berüchtigten Snax-Partys an, auf denen Marc am liebsten arbeitet. “Viel hängt mit den Menschen zusammen, die den Laden führen. Geht es ausschließlich ums Geld? Werden die Angestellten gut bezahlt? Herrscht ein großzügiger Umgang untereinander? Das sind alles Dinge, die sich auf die Atmosphäre auswirken”, betont er und meint, dass das im Ostgut so funktioniert hat und auch heute im Berghain.

Doch es hat sich laut Marc etwas grundsätzlich verändert: “Ich glaube, dass es so eine richtige Subkultur nicht mehr gibt. Klar haben Leute Fetische und gehen deshalb auch auf Sexparties. Aber auch eine Sekretärin kann man heute im Kitkat Club treffen. Alles ist sofort erschlossen und jeder kann dazugehören.” Der Vorteil, den die abgeschotteten, elitären Zirkel im Berlin der Achtziger Jahre hatten, war ihre Verlässlichkeit und Exklusivität. Ins Dschungel hat sich kaum jemand durch Zufall verirrt, als Gast wusste man, wo man hinging. Ein Club wie das Dschungel könnte sich mit seiner exklusiven Szene heute nicht mal zwei Jahre halten. Dann kämen die Nachzügler und irgendwann Touristen. Der Club wäre versaut, von der ursprünglichen magischen Atmosphäre nichts mehr übrig.

Punk, die Subkultur in den frühen Achtzigern, stand für einen radikalen Lebensentwurf. Die Frage, was es heute bedeutet, radikal zu sein, zieht sich wie ein roter Faden durch Marcs Gedanken. Aber warum ist radikal sein überhaupt wichtig? Weil radikale Lebensentwürfe ein Ziel haben: eine bessere Welt, das richtige Leben. Sie behaupten etwas, dass bedeutsamer und größer ist als die Wirklichkeit. Wenn aber im Grunde alles erlaubt ist, dann ist alles im Endeffekt auch beliebig, so könnte man Marc verstehen.

“Das Ostgut damals und das Berghain heute sind Orte, an denen man für einen Tag oder ein paar Stunden einfach verschwinden kann. Das ist einerseits eine tolle Vorstellung, andererseits brauchen das viele Leute als Ventil und Überlebensstrategie. Sie halten dem Druck, der im Alltag auf ihnen lastet, nicht mehr stand.” Statt sich der Gesellschaft mit ihren Regeln und Verboten zu stellen, weicht man ihr aus. Das ist der Unterschied zwischen der Subkultur der achtziger Jahre und der Clubkultur heute: Damals hat jeder einfach behauptet, er wäre besonders, ein großer Künstler und genialer Dilettant. Schaut man sich die endlosen Afterhours an, den hypnotischen, gleichförmigen Minimaltechno, geht es heute ums Verschwinden in der Menge, eine Flucht in die Nacht. “Um Auflösung und Eskapismus”, sagt Marc. Ist doch auch schön, wenn alles zerfließt.
http://www.marcbrandenburg.de

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Elektronische Lebensaspekte.

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