Jeden Monat trifft Hendrik Lakeberg Menschen, die im Nachtleben entscheidende Spuren hinterlassen haben.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 132


Dieses Mal wird er von Moderat bekocht: Das Dreamteam aus Apparat (Sascha Ring) und Modeselektor (Sebastian Zsary und Gernot Bronsert) kann nämlich nicht nur Sounds sondern auch Mahlzeiten zubereiten. Zum Nachtisch gab es dann noch Lebensweisheiten.

Es waren idyllische Tage mitten in einer verwirrenden Zeit. Gernot Bronsert ging am Nachmittag im See schwimmen, wenn die Sonne unterging, fuhr er mit dem Fahrrad an abgewirtschafteten VEB-Ruinen vorbei durch den Wald zurück nach Hause. Wenn es schon lange dunkel war, nahm er die S-Bahn in Richtung Potsdamer Platz, um wenig später im Tresor zu stehen, und sich die Bretter von Underground Resistance um die Ohren wummern zu lassen. Dass mit dem Fall der Mauer gerade eine ganze Weltordnung zusammengebrochen ist und er sich also am Potsdamer Platz, ganz in der Nähe des ehemaligen Mauerstreifens im Zentrum des damaligen Weltgeschehens befand, das konnte man als Teenager von 13 Jahren wahrscheinlich nicht verstehen. Aber spüren konnte man es: Plötzlich waren da diese neuen Freiheiten, Möglichkeiten, und vor allem mit Techno eine neue Musik, die mit ihren Synthesizer-Sounds und Maschinen-Rhythmen von der Zukunft erzählte. Das passte perfekt. Denn die Zukunft lag plötzlich so offen und ungewiss vor ihm wie nie zuvor. Gernot hat sie mit offenen Armen empfangen.

Das haben auch Sebastian Zsary und Sascha Ring getan. Wie Gernot erlebten auch sie eine behütete Kindheit in der DDR. Nach der Wiedervereinigung folgte eine Jugend ohne Autoritäten und Eltern. Denn die hatten genug mit sich selber zu tun, alles andere war wichtiger als die Erziehung der Kinder. Für einen Teenager ist das natürlich ein Segen. Gernot wächst in Woltersdorf ganz in der Nähe von Berlin auf, Sebastian Zsary im Nachbarort Rüdersdorf. ”Saint Tropez und Manchester“, sagt Gernot und lacht.

Rüdersdorf war vor der Wende eine schmutzige Industriestadt mit einem Kalkwerk und einer Betonfabrik. Woltersdorf mit einer Schleuse, einem winzig kleinen Straßenbahnnetz und einer Eisdiele wirkte dagegen wie ein Kurort. Sascha stammt aus Quedlinburg, Sachsen Anhalt. Das liegt zwar weiter weg von Berlin und Sascha war damals weniger oft im Tresor, aber in Woltersdorf, Rüdersdorf und Quedlinburg gab es nach der Wende in alten russischen Bunkern und leerstehenden VEB-Betrieben kleine Raves. Teilweise haben die drei sie mit veranstaltet. Dort aufgelegt und gefeiert haben sie fast immer.

20 Jahre nach dem Fall der Mauer, zahlreiche Platten-Veröffentlichungen als Modeselektor (Gernot und Sebastian) und Apparat (Sascha) später und Konzerten in den entlegendsten Winkeln der Welt sitzen wir in Saschas geräumiger Küche im Prenzlauer Berg und kochen Hähnchen nach dem Rezept eines alten, ledrigen Marokkaners, der Gernot und Sebastian im letzten Jahr auf einem Festival in Frankreich bekocht hat. Während er Zitronen und Knoblauch schneidet erzählt Gernot: ”Wir sind in einer Welt aufgewachsen, die nicht normal war. Die ganze Techno-Geschichte damals, das war nur möglich, weil eine Art Anarchie herrschte, nicht mal die Bullen wussten, was richtig und falsch ist. Uns hat die Politik nicht interessiert. Wir waren Teenager, wir haben nur verdrängt. Schule spielte keine Rolle für uns. Wir sind eine Schul-Loser-Generation und nur hingegangen, weil wir es mussten. Wir waren punkig drauf, haben gesprüht, Techno aufgelegt. Alles immer extrem gemacht“ Sebastian ergänzt: ”Techno war für uns das einzig Sinnvolle nach der Wende“.
Und im Techno ist für die drei Freunde in den letzten zehn Jahren viel passiert.

Der Erfolg kam erst als DJs, dann als Produzenten. Mittlerweile ist Thom Yorke von Radiohead Modeselektor-Fan, genauso wie Björk, die Gernot und Sebastian auf Konzerten gerne mal Backstage besucht. Sascha hat mit Apparat drei schöne Solo-Platten zwischen Elektronika und Gitarre herausgebracht, zusammen mit Ellen Allien das Techno-Album ”Orchestra of Bubbles“. Aber Gernot, Sascha und Sebastian verbindet nicht nur eine lange Freundschaft, sondern auch das gemeinsame Projekt ”Moderat“, mit dem sie seit sechs Jahren die sehr unterschiedlichen musikalischen Sphären von Modeselektor und Apparat zusammenbringen. ”Apparat klingt meistens traurig“, sagt Sascha ”und Modeselektor eher lustig und wild. Auf was wir uns einigen konnten, war eine gewisse Darkness.“

Die hört man auch, wenn man sich in die Tiefen des neuen selbstbetitelten Albums versenkt, an der Oberfläche klingt ”Moderat“ vor allem melancholisch. Das Album ist erst die zweite gemeinsame Veröffentlichung. Die erste erschien 2003 und trug den wunderbaren Titel ”Auf Kosten der Gesundheit“.
Auf Kosten der Gesundheit geht auch das Leben, das die drei mittlerweile führen. Wenn man über mehrere Monate jeden Tag an einem anderen Ort ein Konzert spielt, dann nimmt das Touren schon mal selbstzerstörerische Züge an. Sebastian erzählt, dass sie neulich in der Lufthansa-Lounge einen befreundeten DJ getroffen haben, der direkt aus der Panorama Bar zum Flughafen Tegel gefahren ist, um über Frankfurt nach Argentinien zu fliegen. Erschöpft und betrunken musste er sich an den beiden abstützen.

Er hoffte nach Frankfurt zu kommen, ohne sich im Flugzeug übergeben zu müssen. ”So toll es ist, das ist ein Schizo-Leben, das wir führen. Ich brauche nach einem Wochenende mit zwei Live-Gigs meistens bis Dienstag, um wieder richtig runterzukommen. Vom Rumfliegen, öfter mal besoffen sein, nicht richtig schlafen, macht mein Immunsystem schon manchmal schlapp und eine harmlose Erkältung zieht sich über drei Monate hin. Das Tückische ist, sobald du auf der Bühne stehst, willst du spielen, dann gehst du in der Musik auf und die Krankheit ist nicht mehr wichtig”, sagt Sascha. Bei Gernot und Sebastian, die beide Frau und Kind haben, ist der Kontrast zwischen den Live-Gigs und Familien-Alltag noch extremer. ”Es ist absurd. Wie andere, die mal eben Kippen holen gehen, steigen wir ins Flugzeug und fliegen nach Singapur, um dort zu spielen. 56 Stunden später sind wir zurück. Unsere Frauen fragen dann kurz: ‘Wie war’s?’ Und schon überlegen wir, ob wir noch zu Ikea fahren müssen“, meint Sebastian und Gernot erzählt von der letzten großen Modeselektor-Tour 2007.

”Unser letztes Konzert war in Rom, zwei Tage vor Weihnachten. Ich stand kurz vor dem Zusammenbruch und kann mich an den Moment erinnern wie wir nach dem Konzert vor unserem Hotel in Rom standen. Die Vögel haben gezwitschert, die Lichterketten der Weihnachtsbeleuchtung glitzerten. Es war unglaublich erleichternd zu wissen, dass wir nach Hause fliegen konnten“, sagt Gernot.

Nach dem Essen sinken wir in die Polster der Couch in Saschas Wohnzimmer. Was ist Heimat für euch, frage ich in die Runde. ”Heimat, so richtig gibt es das für mich nicht. Ich will immer weg, bin nie richtig zufrieden, das ist meine Triebfeder. Ich habe nicht das Gefühl, irgendwo verwurzelt zu sein. Das ist gut, weil man sich nicht festfährt, aber man ist eine ziemlich unzufriedenen Person dadurch”, sagt Sascha.

”Das Gefühl der Rastlosigkeit kenne ich, aber bei uns ist das anders. Es richtet sich eher auf die Musik, da immer etwas neues auszuprobieren. Aber Sebastian und ich haben Kinder. Und ich schulde meinem Kind etwas. Nämlich ein gutes Leben!“ Sebastian nickt. Gernot fährt fort: ”Ich musste durch meinen Sohn lernen, dass Musik nicht mehr das einzig Wichtige in meinem Leben ist. Eine Familie ist eine Heimat, aber meine ganz persönliche: Das ist die Musik.“ Und er erzählt von diesem einen House-Stück, dass er mal mit 13 im Satelliten-Radio gehört hat, während er bei einem Freund saß und sie Computerspiele gespielt haben. Dieses Stück ging ihm nicht mehr aus dem Kopf und als er dann zum ersten Mal im Hardwax-Plattenladen stand und den Verkäufer nach Empfehlungen fragte, drückte der ihm genau diese Platte in die Hand, nach der er damals schon seit drei Jahren suchte. Es war das Stück ”Sueno Latino“ im Derrick-May-Remix. ”Ich war so unglaublich glücklich in diesem Augenblick. Das war ein Schicksalsding.

Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Die ist mir hoch und heilig die Platte.“ Aber es geht Gernot dabei nicht allein um diese Platte oder den Plattenladen, sondern um Heimat als ein Gefühl, einen Moment, in dem man sich verstanden fühlte, in dem die nervöse Jugend der Nachwende plötzlich und für einen Moment zur Ruhe kam. Ausnahmsweise und für einen Augenblick musste man nicht mehr suchen, sondern hat tatsächlich etwas gefunden. Sebastian sagt: ”Die Wende war für uns sehr wichtig. Die Freiheiten, die man hatte, die Anarchie. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich vier Jahre älter gewesen wäre. Ich hätte eine Ausbildung gemacht, mich niedergelassen und wäre in einen normalen Trott reingekommen.“

Dann klappt Gernot seinen Laptop auf und zeigt Ausschnitte von Videos, die die befreundeten Grafiker der Pfadfinderei für Moderat gedreht haben. Jeder Track bekommt auf den anstehenden Live-Konzerten ein bestimmtes Visual, das auf einem Triptychon aus Videoleinwänden groß über den Köpfen der drei hängen wird. Eines ist in einem Materialforschungsinstitut gedreht, wo Holz, Beton und Stahl auf ihre Widerstandsfähigkeit getestet wird. Eine Sekunde besteht in dem Film aus 1.000 Bildern, die verlangsamt abgespielt werden. Aus einer Sekunde werden so Minuten. Man sieht wie Holz und Beton in Zeitlupe zerquetscht werden. Fasziniert schauen wir der Zeit bei der Arbeit zu.

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Elektronische Lebensaspekte.

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