Jeden Monat trifft Hendrik Lakeberg Menschen, die im Nachtleben ihre Spuren hinterlassen. Ralf Köster ist Booker, Hausmeister, Öffentlichkeits- und Sozialarbeiter des Hamburger Golden Pudel Clubs, im Gespräch geht es um Standortfaktoren, Kreativität und Widerstand.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 137


Illustration: André Gottschalk

“Ich lebe seit 25 Jahren am Wasser. Ich merke das gar nicht mehr. Mir wird das wieder bewusst, wenn schöne Schiffe vorbeifahren”, sagt Ralf Köster. Draußen unterm Fenster fließt dunkel die Elbe vorbei. Das weiße Licht der Hafenbeleuchtung scheint auf das Wasser und die Werften auf der anderen Flussseite. “Am schönsten sind die Autotransporter, die die Abwrackprämie nach Afrika fahren. Die sehen nicht aus wie Schiffe, sondern wie schwimmende Rechtecke.”

Um die Lampen auf dem Fensterbrett im Büro des Golden Pudel Clubs schweben feine Spinnweben im Licht. Unten im Pudel Salon sitzt eine Runde mittelalter Damen und Herren beim Bier. Unhip und jenseits jeder Mode gekleidet. Gedämpfte Gespräche dringen nach oben. Ralf Köster, die Allzweckwaffe des Ladens – Booker, Hausmeister, Öffentlichkeits- und Sozialarbeiter in einem – sitzt mir gegenüber und erzählt. Es gibt viel zu reden, über Musik, Politik und vor allem die Stadt Hamburg, in der zurzeit viel passiert, was die Zukunft der lokalen Szene betrifft. Das Problem: Orte wie der Pudel, die lange Zeit abgetan und bestenfalls geduldet wurden, hat die Stadt Hamburg mittlerweile als wichtige Standortfaktoren erkannt.

Der Mensch stinkt
Es passiert eigentlich genau das, was auch in Berlin zum Beispiel mit der Mediaspree geschehen soll und was den Bezirk Friedrichshain zu einem lachhaften Alternativ-Disneyland gemacht hat: Die Stadt entdeckt das Potential ihrer kreativen Szenen, schlachtet sie für Marketing-Kampagnen aus und vertreibt sie schließlich, weil die angeworbene meistens wohlhabende Kreativ-Elite mehr Geld hat und höhere Mieten bezahlen kann. Nur in Berlin ist das noch nicht so schlimm, weil die Stadt so flächig ist. In Hamburg hingegen werden die Räume immer enger. Hafen City?

“Das neue Porsche-Ghetto.” Schanzenviertel? Ralf zuckt mit den Schultern. Verloren, schon seit Jahren. “Da treffen sich nur noch die Autonomen, um ein Mal im Jahr randalierend durch die Straßen zu ziehen.” Das Lebensumfeld der alternativen Kultur ist bedroht. Billige Ateliers und Proberäume, günstige Bars und Clubs wird es in naher Zukunft immer weniger geben. Deshalb wird der Widerstand heftiger und lauter. Vor einigen Wochen hat eine Gruppe von Künstlern das Gängeviertel, ein altes jüdisches Arbeiterviertel, besetzt. Auch der Hamburger Star-Maler Daniel Richter hat aus dem Kroatien-Urlaub seine Solidarität bekundet. Der Musiker Ted Gaier schaltete sich kürzlich mit einem manifestartigen Pamphlet in die Gentrifizierungsdebatte ein. Mittlerweile stehen die Chancen für die Hausbesetzer nicht schlecht, die Häuser zumindest zum Teil zu nutzen.

Ralf seufzt bevor er sagt: “Jahrelang hat sich die Stadt für die Subkultur nicht interessiert. Wir konnten in den stillgelegten Puffs Bars aufmachen. Du hast keine Gema bezahlt und das Ganze nicht offiziell angemeldet. Heute ist das ein Muss. Vorher war das alles brotlose Kunst und es hat niemanden interessiert.” Die Zeitung Brigitte verkauft ein Navigations-Gerät, für das sich die Leserinnen in den deutschen Städten Sehenswürdigkeiten, Kneipen, Clubs und Geschäfte wünschen konnten. Auch der Pudel ist ausgewählt worden. Ralf erzählt: “Eine Dame wollte ein Foto von mir haben, dass man ein Bild vom Pudel sieht, wenn man hier vorbeifährt. Ich fragte sie: ‘Können wir was dagegen tun? Kommen wir da wieder raus?’ Sie meinte: ‘Nö, da sind sie jetzt drin.’ Man spürt immer mehr die totale Vereinnahmung durch alle.”

Die breite Anerkennung bringt dem Pudel und anderen Clubs kaum Vorteile, es bedeutet eher mehr Kontrolle. Die Durchsetzung eines Lärmschutzes steht an, das Rauchverbot ist in Kraft getreten. “Ich bin strickt dagegen. Der DJ, der über lange Zeit ein Set aufbaut, verschwindet, weil alle andauernd raus laufen und eine rauchen. Es riecht auch nicht besser, denn der Mensch stinkt”, sagt Ralf, während er eine Tüte baut. Wir trinken Becks und einen milden Brandy. Draußen auf einem Werbebanner am gegenüberliegenden Ufer steht “Hier weht schon heute der Wind von Morgen”.

Es wird ein kalter Wind sein, und es ist, als ob die Werbetexter unfreiwillig den von DGB-Chef Sommer befürchteten Eissturm sozialer Kälte, der durch die gerade gewählte CDU/FDP- Regierung über das Land ziehen soll, vorweg genommen hätten. Doch wir sind uns einig: Die neue Regierung ist das Beste, was der Kunst passieren konnte. “Gerade jetzt haben die Künstler und Musiker eine Verantwortung. Sie müssen radikaler und extremer werden.” Direkt neben der Bannerwerbung liegt Thyssen Krupp Marine Systems, erzählt Ralf. “Das ist militärisches Sperrgebiet. Da werden die Kreuzer gebaut, die vor Äthiopien die hungernden Piraten abschießen.”

Club-Patina
Gegründet von Rocko Schamoni, gibt es den Pudel seit über 20 Jahren. Damit ist er wohl einer der dienstältesten deutschen Untergrund-Clubs, der es geschafft hat, sich eine dissidente, subversive Haltung zu bewahren. Das ist dem Idealismus und der Widerständigkeit von Ralf Köster und den anderen Betreibern zu verdanken. “Der Pudel ist unkäuflich”, sagt Ralf. Im Gegensatz zu den Clubs im nahen Umfeld, deren Existenz ebenfalls durch Investoren bedroht ist, oder den Musik-Bars Astra Stuben, dem Waagenbau und dem Fundbureau unter der Sternbrücke, die durch eine Sanierungsmaßnahme der Bahn wahrscheinlich ihren Mietvertrag verlieren werden, ist der Fortbestand des Pudels gesichert. Das Haus ist mittlerweile Clubeigentum.

Ralf ist seit etwa 1996 im Pudel-Umfeld aktiv. Anfang der Neunziger war er neben Move D und Dr. Atmo einer der ersten deutschen Ambient DJs. “Ein halbes Jahr, nachdem es The Orb und Mix Master Morris gab”, betont er. “Wir haben auf der Loveparade 1992 mit Mixmaster Morris aufgelegt, bis uns der Security-Mann von Sven Väth uns auf die Fresse hauen wollte und gesagt hat: ‘Hier läuft jetzt Beat, ey’”. In den Achtzigern war Ralf Friseur, verdiente mit Anfang 20 eine Menge Geld. Man hört, dass sich auch Naomi Campbell die Haare von ihm hat machen lassen. Doch der Job, das Leben in der Glitzerwelt behagte ihm nicht. Nach nur wenigen Jahren stieg er aus, begann, sich intensiv mit Musik zu beschäftigen, verzichtete auf das Geld, trug Promo-Shirts, lebte über Jahre ohne Krankenkasse.

Man erkennt den Friseur Ralf Köster noch an seiner Haarsträhne, die eigentlich sein Glatze bedecken, aber stattdessen elegant um seinen Kopf schwingt, während er redet. Diese Frisur ist nicht unbeholfen, sondern zeugt von Pudel-typischen subtilen Stilwillen. Wir sitzen mittlerweile unten im noch komplett leeren Club an der Bar. Es ist etwa halb zehn, geöffnet ist ab zehn. Charlotte steht hinter dem Tresen. Die, wie Ralf sagt, “Geist, Seele, Charme, Autorität, Pudelistin der ersten Stunde und Personalchefin” des Pudels ist. Über seine Vergangenheit vor der Pudel-Zeit möchte Ralf nicht mehr reden. “Das ist eine andere Geschichte”, sagt er. “Das ist ein Buch.” “Stadtpunks heißt das dann, nicht Dorfpunks”, meint Charlotte und lacht.

Scheiß drauf
Pete Kersten alias Lawrence kommt durch die Tür. Er hat gestern beim Auflegen seine Platten-Tasche verloren. Ausgerechnet nach einem Abend, an dem er alte House-Klassiker gespielt hat. Sie ist bis heute nicht aufgetaucht. Seit gestern Abend spielt die Anlage nur noch Mono. Irgendein Wackelkontakt. Ralf lacht. “Muss ein guter Abend gewesen sein.” Es ist mittlerweile halb drei. Ich sitze alleine vor dem Pudel auf einer Bank. Ein junger Typ in V-Neck-Pullover und teurem, aber schlecht geschnittenem Hemd stellt sich vor mich und fragt herablassend: “Na, dicht?” Dann schenkt er mir ein Feuerzeug – warum auch immer – und verlässt den Laden. Ich werfe ihm das Feuerzeug nach. Es trifft ihn an der Schulter und fällt auf den Boden. Er sagt noch irgendwas Dummes und verschwindet.

In den Pudel Club kommt jeder rein, so lange er sich benimmt. Es gibt mittlerweile eine Tür, aber nur, um Hausverbote durchzusetzen. Abgesehen von dem Bucerius-Law-School-Snob mit dem Feuerzeug, ist der Laden voll von jungen, sympathischen Menschen. Das DJ-Set von DJ DC Schuhe rumpelt vor sich hin. Die Übergänge passen nicht. Egal, die Kids kreischen trotzdem. Wunderbar. Statt eines aalglatten, perfekt gemixten Sets versucht DC Schuhe seine Version von (Tanz-)Musikgeschichte zu erzählen. Zwischen ihm und den Tänzern entsteht ein Dialog, der mir in diesem Moment viel lebendiger und musikalischer vorkommt, als die perfekt geölte Berliner Techno-Maschine. “Das Grundthema und worum es im Pudel geht: Dir darf nichts peinlich sein. Du erinnerst dich an den letzten Abend und denkst ‘Oh Gott, was habe ich gemacht.’ Scheiß einfach drauf!”, hat Ralf vor ein paar Stunden noch gesagt. Und auf diese verquere Pudel Art bedeutet das hier, heute und jetzt vielleicht auch: Mehr Widerstand.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

12 Responses

  1. Leonie Schrader

    Irgendwie hört sich das nicht anders als in jeder Eckkneipe an. Gut ist nur der, dem nichts peinlich ist? Jurastudenten eh schlecht? Vielleicht sind einige von denen wesentlich radikaler weil sie z.B. in der Lage sind wirklich bedrohten Menschen in dieser Welt rechtliche Unterstützung zu geben? Nichts ist langweiliger als so eine Athmosphäre: wir sind Künstler .Auf der Bühne ist halt alles etwas einfacher als in Wirklichkeit etwas politisch zu tun. Die Gängeviertelaktion war sehr konstruktiv und es bleibt zu hoffen, dass einige Künstler dort bleiben können. Aber günstig Ateliers ist nun auch nicht die wichtigste Frage unserer Zeit. Radikaler sind da schon Organisationen, die sich weltweit vernetzt für einen besseren Klimaschutz, Menschenrechte,gegen Armut usw einsetzen. Auch: Scheiß drauf?

  2. ganz was neues

    Wow, Law-School-Beating, ganz was neues!
    Und wenn du immer noch denkst, die Law-School würde nur aus Snobs bestehen, solltest du bei deinem nächsten Besuch in der Hafenstadt vielleicht mal auch der Law School einen Besuch abstatten.
    Für mich ist der eigenartige Seitenhieb nur eine leere Phrase. Ich glaube es hätte genauso gut der Blankeneser Gymnasiast sein können.

  3. Daniel

    @Ralf KösterWieso schließt du aus einem herablassenden V Pullover/Hemden Träger direkt auf einen Bucerius Law School Studenten. Deine Formulierung zeugt von der gleichen herablassenden Haltung, die du dem Snob im Artikel vorwirfst…

  4. df

    wenn sich jemand wir ein arsch benimmt, darf man ihn auch beschimpfen.
    ich liebe solche läden, angepasste scheiße gibt’s eh schon viel zu viel. manchmal muss so ein laden her, ein schwarzes loch, in dem man alles rauslassen kann – das ist der pudel club. und jetzt die nase wieder ins bgb, ihr lappen.

  5. pjw

    Hoert sich so an als ob es ein law-spasti war,
    eh hat ihn schliesslich gesehn.

  6. Lawschüler

    Nun komm ich auch noch mal dazu, das hier zu kommentieren. Aber nur kurz, muss heute noch ein paar billable hours runterreißen.

    Zum Ausgangsartikel gibts eigentlich nicht mehr viel zu sagen, nachdem meine Kollegen ja schon einige Klarstellungen vorgenommen haben. Insbesondere “Bucerius-Law-School-Snob” ist uneingeschränkt zuzustimmen. Einzig nötig verbleibt die Klarstellung, dass es sich entweder bei dem im Ausgangsartikel beschriebenen Zeitgenossen mitnichten um einen echten Bucerius Law Schüler gehandelt haben kann, da alle, die ich kenne, mit exzellent maßgeschneiderten Hemden aus dem letzten Arbeitsrechts-Praktikum im chinesischen Sweatshop herumlaufen, oder – ja, oder – der Herr Köster hat schlicht keine Ahnung.

  7. Mit Yello im Golden Pudel | Nation of Swine

    […] ein grossartiges Plakat gestaltet, eine Erinnerung an die alten Ralph-Records-Tage. Das Pudel-Team Ralf, Viktor und Charlotte stellte sich persönlich an Kasse und Plattenspieler, DJ Patex machte die Bar, Hausmeister Rocko […]