Romy Zips jongliert als Bookerin und DJ mit Künstlern (alles Jungs) und Schallplatten. Dabei bekommt sie Einsichten von Moskau bis zu Transen-Parties in Kreuzberg.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 128


Jeden Monat trifft Hendrik Lakeberg Menschen, die aus dem Nachtleben nicht mehr wegzudenken sind, die ihren festen Platz in unserem Universum haben, vor oder hinter den Kulissen.

Vorweg ein Geständnis: Das ist der erste Text, den ich für dieses Magazin über eine Frau schreibe. Als ich Romy Zips das offenbare, lacht sie laut und sagt: “Oh Gott, ist das traurig.” Dann schiebt sie eilig und ein wenig schuldbewusst hinterher: “Das wird sich ändern. Da bin ich mir ganz sicher.”

Romy arbeitet bei der Berliner Agentur Magnet Booking und betreut dort vor allem die Künstler des Labels Dial. Sie sorgt dafür, dass DJs wie Efdemin, Lawrence, Carsten Jost, Pawel und auch Move D pünktlich in den richtigen Clubs überall auf der Welt stehen. Sie bucht Hotels, Flüge, verhandelt über Gehälter und muss immer dann zur Stelle sein, wenn auf den Reisen der Jungs etwas schief läuft, einer zum Beispiel nach dem Checkin erschöpft und immer noch betrunken von der letzten Nacht auf dem Flughafen einschläft und den Flug verpasst.

Als Bookerin ist Romy Sekretärin, Managerin und Motivations Coach in einem. Denkt man mal ganz kurz in Geschlechter-Klischees, dann übernimmt sie den fürsorglichen, man mag ja kaum schreiben mütterlichen Teil der Arbeit in der Clubkultur. Der meistens männliche DJ und Künstler ist die Rampensau.

Bei Magnet Booking arbeiten neben Romy noch sieben andere Frauen. Die Leiterin der Agentur, Andrea Wünsche, hatte entschieden, dass das Büro eine männerfreie Zone bleiben soll. Wäre Romy die Chefin, würde sie das nicht so streng halten. Sie hätte nichts dagegen, Männer einzustellen, aber bei Magnet läuft alles super so wie es ist. ”Wir sind auch nicht zickig“, sagt sie und lacht wieder so toll souverän und nett. Was sie an ihren Kolleginnen hat, wurde ihr kürzlich bewusst, als eine ehemalige Magnet-Mitarbeiterin zu Besuch kam, die bei der Popzeitschrift Spex angefangen hat. Die Spex-Redaktion besteht naturgemäß ausschließlich aus Jungs. Sie sagte zu Romy: “Stell dir vor, es gibt noch nicht mal einen Wasserkocher und zum Mittagessen wärmen wir uns ne Pizza auf!” Das muss wohl der Horror sein, wenn man regelmäßige Lieferungen vom Bioversand gewöhnt war.

Aber im Gegensatz zu ihren Kolleginnen bei Magnet durchbricht Romy das klassische Rollen-Schema immer öfter und legt selber als DJ unter dem wunderschönen Pseudonym Snow auf. Den Namen hat sie gewählt, weil er geschlechtsneutral klingt. Romy fühlt sich immer dann unbehaglich, wenn Frauen aus ihrem Frausein ein Programm machen. “Es gibt Clubabende, auf denen krampfhaft versucht wird, dass ausschließlich Frauen auflegen. Ob die musikalische Mischung wie Kraut und Rüben klingt, spielt keine Rolle. Dabei geht es in erster Linie um die gute Musik, sie macht eine Party erst magisch. Da ist es doch egal, wer diesen Abend verantwortet hat. Ein Mann oder eine Frau.“

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Aber Romy musste auch schon Vorurteile zurücknehmen. Sie wurde von den Macherinnen der Milkshake-Partys im Festsaal Kreuzberg gebucht. Zunächst war sie skeptisch. Milkshake-Partys sind ausdrücklich auf ein lesbisches und transsexuelles Publikum ausgerichtet. Mittlerweile ist Romy begeistert: ”Die Mädels lieben mich. Es ist meine schönste Residency zurzeit.“

Obwohl sie sich nicht ausdrücklich als Feministin sieht, ist Romy bewusst, dass in der Clubkultur Sexismus immer wieder vorkommt und strukturell verwurzelt ist. Es passiert zum Beispiel öfter, dass sie vor ihrem Gig von einem Promoter gefragt wird, ob sie aufgeregt sei. ”Ich denke dann immer: Fuck you! Einen Mann hätte der Typ das nicht gefragt.“

Romy ist 29 Jahre alt und hat in Lüneburg bei Hamburg Kulturwissenschaften studiert. Nach dem Studium ist sie nach Berlin gezogen. Bei Magnet Booking hat sie erst assistiert. Mittlerweile hat sie einen eigenen Künstlerstamm. Mit einigen der Dial-Jungs verbindet Romy eine lange Freundschaft. Da war es ein nahe liegender Schritt, dass sie bei Magnet auch deren Betreuung übernahm. Manchmal ist das auch schwierig: ”Wenn mich die Freundin von einem der DJs am Sonntagabend anruft und fragt, wo denn ihr Freund bleibe, wird es manchmal heikel“, meint Romy und lächelt. Am Erfolg von Dial hat sie entscheidend mitgearbeitet. Efdemin ist mittlerweile zu einem der innovativsten deutschen DJs geworden.

Sein Album galt als die beste Technoplatte des letzten Jahres. Es verschaffte dem Label viel Aufmerksamkeit. Efdemin und seine Kollegen Lawrence, Pawel und Pantha du Prince sind seitdem auf der ganzen Welt gefragte DJs. Ihre Gagen stiegen. Heute reichen sie bis zu gut 2.000 Euro pro Gig. Im Vergleich zu Jeff Mills und Carl Cox, die Magnet auch vertritt, ist das immer noch gering, aber die bespielen Mega-Raves und sind seit Jahrzehnten im Geschäft.

Booking ist eine komplizierte Angelegenheit. Die Tourpläne sind oft eng gesteckt. Einen Reiseplan für ein Wochenende, an dem ein Künstler in Moskau und Edinburgh spielen muss, ist die Regel. Kein Anschluss-Flug darf verpasst werden. Das Equipment vor Ort muss ganz bestimmte Standards erfüllen. Was zum Beispiel tun, wenn in Moskau die Platten verloren gehen oder die Soundkarte ausfällt? ”Es ist kein Wunder, dass den Job so viele Frauen machen, man muss Multitasking-fähig sein, man muss jemandem betreuen, der kurz vor dem Nervenzusammenbruch steht, weil er zu viel getrunken hat, sein Privatleben zusammenbricht und er in ein Land reist, in dem man keine Arbeitserlaubnis hat“, sagt Romy. Arbeitsgenehmigungen für verschiedene Länder zu beantragen und dann auch zu bekommen, verursacht einen besonders großen bürokratischen Aufwand. Vor allem die USA sind da sehr streng. Eine Arbeitsgenehmigung für zwei Jahre kostet 2.000 Euro. Der Antrag muss beinhalten, wie viel der Künstler in dieser Zeit verdienen wird. Für die meisten ist das im Grunde unmöglich vorherzusagen. Deshalb beantragen viele DJs diese Genehmigung erst gar nicht. Sie müssen sich an den Grenzkontrollen vorbeimogeln. Die sind unerbittlich. ”Besonders blöd ist es, wenn der Künstlername auch der Klarname ist. Die googeln den nämlich auch. Manche DJs sitzen schon vier Wochen vor dem Gig ganz blass bei mir im Büro und haben Angst vor der Einreise.“

Als sie die komplizierten und risikoreichen Details ihres Jobs ausführlich erklärt hat, sagt Romy: ”Mir kommt das manchmal total komisch vor, in Anbetracht der Tatsache, was für Kilometer gereist werden, wie gereist wird und was da vor Ort passiert, ist es ein Wunder, dass es meistens doch so reibungslos abläuft.“
Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, wie genau und liebevoll sie über ihre Künstler redet, dann spürt man diese ansteckend optimistische Freude an ihrem Job. ”Ich bin wie ein Schwamm, ich lese viele Zeitschriften, gehe total gerne in Clubs. Kaufe viele Platten. Durch die Arbeit und mein Auflegen verkleinert sich die Weltkarte.“

Viele von Romys Kommilitonen aus Lüneburg, talentierte Wissenschaftler mit den besten Abschlussarbeiten, sind mittlerweile wieder zurück zu ihren Eltern gezogen, eine macht eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin. Romy hingegen fliegt um die Welt. Ihr Freund, der Bassist der Band ”!!!“, lebt in New York, deshalb verbringt sie viel Zeit dort.

Die Gender-Diskussion, warum Frauen nicht häufiger in den zentralen Stellen der Clubkultur sitzen, warum sie nicht häufiger hinter dem DJ-Pult stehen, ist doch mittlerweile müßig. Es war ein langer Weg, aber vielleicht kann man heute sagen, dass es um die Sache selber geht. Es ist besser einfach loszulegen, statt Feminismus zu behaupten, Quoten zu fordern, zu jammern, dass nicht mehr Frauen Künstler sind. Einfach machen und leben. Es geht um Selbstverwirklichung. Die blassen, netten Techno-Jungs stehen da hoffentlich nicht im Weg herum. Wenn man gut ist und leidenschaftlich für seine Sache kämpft, dann kommt der Erfolg von alleine. ”Es ist das Schönste, wenn in einem DJ-Set der Funke überspringt und man eins mit dem Raum wird. Es geht um das Glück, das da passiert“, sagt Romy. Und ich denke: Mehr Frauen an die Macht.

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Elektronische Lebensaspekte.

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