Hendrik Lakeberg trifft einen großen Dealer des Nachtlebens: Andreas Schneider verkauft Synthesizer, die es so nur in ein paar wenigen Läden wetlweit gibt. In "Schneiders Büro" kaufen alle ein, die den besonderen Sound suchen.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 121


An- und abschwellendes Rauschen, wie Wind, der von außen an das Hochhaus der Berliner Alexanderstraße 7 weht. Dazu stoisches Netzbrummen. Ganz leise, als hätte jemand die Lautstärke des Ätherrauschens runtergedreht und mit einem Filter moduliert. Strom schläft nicht. Irgendwas brummt und surrt hier immer.

Auch wenn all die Synthesizer, Rhythmusmaschinen und Sequenzer lange verstummt sind. Sie stapeln sich an den Wänden, sind sauber eingefasst in Regale, die bis zur Decke ragen. Unzählige Kabel wuchern aus Maschinen, deren Oberflächen mit kryptischen Zeichen übersät sind. Aber Eingeweihte sind in diesem ca. 30 Quadratmeter großen Raum im Himmel. Ein analoger Himmel. Er nennt sich ”Schneiders Büro“.

Draußen hinter dem Fenster verschwindet Berlin in der Dunkelheit. Es ist halb acht. In einer E-Mail schrieb Schneider noch vor ein paar Tagen: “Andere Orte als meinen Laden gibt es in meinem Leben sowieso kaum … derzeit.” Andreas Schneiders Händedruck ist fest, sein Gesicht freundlich und auf sympathische Weise verlebt. Blonde strähnige Haare fallen ihm ins Gesicht. Er grinst breit.

Immer wenn er das tut, schiebt er sein Kinn leicht nach vorne und zieht seine Schultern für einen kurzen Augenblick ein wenig hoch. Wie ein kleiner Junge, der seinen Freunden gerade einen verbotenen Witz erzählt hat. Wenn man mit Andreas Schneider redet, wird man für kurze Zeit zum Mitwisser einer konspirativen Mission.

Schneider beugt sich über einige Zettel auf seinem Schreibtisch. “Ich komme gleich. Sieh dich schon mal um.” Dann ist es wieder still. Das leise Surren ist noch da. Noch ein wenig leiser als zuvor, als hätte Schneider gerade höchstpersönlich an der Lautstärke des Ätherrrauschens gedreht.

In Schneiders kleines Reich unmittelbar am Alexanderplatz pilgert die Produzenten-Elite Berlins, oder etwas großspurig: der Welt. Ricardo Villalobos, Moritz von Oswald, Richie Hawtin, Vladislav Delay. Trent Reznor von Nine Inch Nails rüttelte mal vergeblich an der Ladentür. Schneider befand sich gerade auf einer Messe. Daniel Miller, der Gründer von Mute Records, kommt regelmäßig zu Besuch. Einige Kunden reisen extra aus Irland in den 2. Stock des Hochhauses Alexanderstraße 7. Im gleichen Gebäude, zehn Etagen höher, residiert übrigens der Club Weekend. Ab und zu kommt es vor, dass kurz vor einem Live-Set einige Produzenten aufgescheucht im Laden auftauchen, weil ihnen ein Midi-Interface verloren gegangen ist oder ein Kabel gelötet werden muss.

“Mit 14 habe ich mein Schulpraktikum in einem Musikladen gemacht”, sagt Schneider, während er einen Tee aufgießt. “Anschließend dachte ich, es wäre das letzte Mal, dass ich mit so was zu tun habe.” Lange Zeit hatte er das auch nicht. Mit 16 spielte er in einer NDW-Band namens “Absolut”, die Lieder über Turbopogo und Zivi-Bullen sang, er saß an den Keyboards. Er war derjenige, dem die anderen zuriefen: “Ey, wir brauchen Sounds wie DAF oder wie Trio.” Kurze Zeit später gründete er die “wahrscheinlich erste deutsch singende Ska-Band mit dem Namen ’Schwarz-Weiß Mafia’”. Doch in welchen Bands er spielte, immer fand sich Schneider in der Rolle des Managers wieder, der sich um Konzerte und Promo kümmerte. Irgendwann ging das nicht mehr zusammen. In einer Band zu spielen und gleichzeitig ihr Geschäftsführer zu sein.

Schneider verlagerte sich Anfang der Neunziger ganz aufs Management und betreute die Bremer HipHop-Band “Crib 199”. Pioniere des deutschen Gangsta Raps. Schneider lacht. “Die haben wir über drei Doppelpunkt-Reportagen als die großen Gangster promotet, die Kalaschnikows kaufen und Drogen verticken. Das hat auch funktioniert. Igor, einer der Rapper, war sogar im Knast wegen Totschlag. Wir waren eine gute Bande. Die haben das ganze Geschäft aber nicht verstanden. Dass zwar Kohle fließt, sie aber nichts davon sehen, weil sie erst mal eine Platte abliefern müssen. Dann haben sie sich einfach wieder in die Disco gestellt und Säckchen mit Zeug verkauft.”

Nach dem Crib 199-Desaster bewarb sich Schneider beim neu installierten Viva Regionalbüro Nord. Er bekam den Job. Seine Aufgabe war die Kontaktpflege mit dem musikalischen Nachwuchs in Norddeutschland, aber eigentlich sollte er die Füße hochlegen. Die Demo-Tapes, die hoffnungsfrohe Bands oder Veranstalter in sein Büro brachten, waren den Kölnern egal und sollten auf inoffizielle Anweisung direkt in der Schublade verschwinden. Es ging einzig um das Image des Senders. Und man wollte offensichtlich über das vermeintliche Engagement in den Bundesländern Fördermittel einstreichen.

Schneider gab sich damit nicht zufrieden. Auf eigene Initiative startete er zusammen mit Partnern ein Nachwuchsfestival, und als Viva davon Wind bekam, wurde er mehr oder weniger prompt entlassen. Eine überraschende Endabrechnung ermöglichte ihm einen Umzug nach Berlin. 
Das war vor neun Jahren. “Hier befand ich mich plötzlich weit weg von dem ganzen Medienzirkus. Die Leute hatten keine Zeit, um Fernsehen zu gucken. Sie haben sich nach Feierabend noch mit einer MPC in die Clubs gestellt und Musik gemacht. Wer da stand, war gar nicht so wichtig. Ich konnte endlich wieder Musik zelebrieren.”

Dann lernte Schneider den Hardware-Designer Jürgen Michaelis kennen, der gerade die Firma Jomox gegründet und seine erste Rhythmusmaschine entwickelt hatte. Schneider bot ihm an, bei der Werbung zu helfen. Dafür bastelte er einen Koffer, in den er die Geräte von Jomox und allerlei anderes Equipment montierte. Mit diesem Koffer spielte er spontane Konzerte in Kneipen, auf Vernissagen und auf der Loveparade.

Schneider erzählt: “Bei der Loveparade habe ich den Koffer auf einen Rollwagen gestellt. Mein Kumpel hatte eine rollenden Caipirinha Bar. So sind wir durch den Tiergarten gezogen. An einer passenden Stelle haben wir uns niedergelassen und mit den Geräten spontan Musik gemacht. Das war viel authentischer als auf der richtigen Loveparade. Wenn die Gewerbeaufsicht kam, sind wir einfach weitergezogen. Alle waren zu bis an die Oberkante, das war ein Höllenspaß.”

Schneider arbeitet mittlerweile als Zwischenhändler und kauft von kleinen Bastlern Geräte, die er dann an andere Händler vertreibt, vermarktet und in seinem eigenen Laden verkauft. Es gibt von dieser Art Geschäften nur wenige. Eins in Japan und in Los Angeles, meint er. Diese Exklusivität ist Fluch und Segen zugleich. Zwar kommen viele prominente Kunden, denn Schneiders Büro ermöglicht ihnen, an eine musikalische Ausrüstung zu kommen, die sie von der Unzahl an Kopisten unterscheidet, die gerade im Minimal Techno und Ableton-Land unterwegs sind. Dabei sind viele der Synthesizer-Module und Rhythmusmaschinen, die Schneider verkauft, teilweise gar nicht so teuer, wie man vielleicht denken würde. Im Vergleich zur Musiksoftware, die Synthesizer emuliert, haben sie natürlich trotzdem keine Chance.

Mittlerweile verkauft Schneider auch digitale Geräte. Den Killamix von Kenton zum Beispiel, einen schlichten stylischen USB-Kontroller. Auch Mark Ernestus und Moritz von Oswald haben den in ihrem Studio stehen. Aber Schneiders Herz schlägt für analoge Geräte. “Die sind intuitiver, mit denen kann man richtig Musik machen.” Und dann flucht er, als sich die Oberfläche eines neuen Drumsynthesizers nicht gleich erschließt. “Viel zu kompliziert. Intellektueller Scheiß.” Seine Lieblings-Stücke sind zurzeit der Vermona DRM1 MKIII, eine simple, warm und voll klingende Rhythmusmaschine, die erst von Ricardo, dann von Matthew Jonson, dann von Magda und Dub Taylor gekauft wurde.

Das andere ist der wuchtige, von Ken MacBeth gebaute Riesensynth M5N. “Der braucht richtig Raum. Das ist ein Satement.” Eben jener Ken MacBeth hat mal zu Schneider gesagt: “Wir sind die Rockstars der Rockstars.” Auch bei MacBeth kratzen die Produzenten-Götter an der Tür und erbitten Einlass. Aber trotzdem besteht ein seltsames Missverhältnis zwischen den Erbauern der Geräte, die Produzenten immer neue Sounds ermöglichen, und den Erfolgen der Musiker. Herman Gillis, der Erfinder der Sherman Filterbank, lebt in einem kleinen Dorf in Belgien. “Kurz vor dem Ortseingangsschild”, sagt Schneider. Nur er und seine Frau betreiben die Firma Sherman. Die erste Serie dieses Filters, der mittlerweile auf Millionen verkaufter Platten deutliche Spuren hinterlassen hat, bestand aus lediglich 40 handgebauten Prototypen. Später verkaufte Gillis an die 1800 Geräte. Ein Erfolg. Im Vergleich zu den Umsätzen von Madonna, U2, und David Bowie, die alle die Sherman Filterbank verwendet haben, ein Witz. Die Welt der analogen Musikerzeuger ist ein eigener Kosmos, eine Welt der Nerds und Besessenen. Einige arbeiten jahrelang Tag und Nacht an irgendeinem Prototypen, der im Zweifelsfall gar nicht auf den Markt kommt.

Zum Glück haben diese Besessenen einen Punk wie Andreas Schneider, der dafür sorgt, dass ihre Arbeit einen Weg nach draußen findet. Auf der Musikmesse in Frankfurt/Main veranstaltete Schneider bis letztes Jahr die so genannte Superbooth. Ein Stand, für den er zahlreiche kleine Bastler zusammentrommelte. In einer Lounge lud Schneider die Redakteure der Fachzeitschriften zum Verweilen ein: “Ich habe eine Flasche Absinth auf den Tisch gestellt. Der Keyboards-Chefredakteur kann das bis heute nicht verknusen, wie er bei mir auf diesen blöden bodennahen Sesseln gesessen hat, mit einem Sekt und einem Absinth vor sich. Vor dem Sofa stand jemand von Technosaurus und hat mit einem Synthesizer Hödel didel dadi gemacht. Großartig. Das war schon Rakete.”
http://www.schneidersbuero.de

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Elektronische Lebensaspekte.