Constantin Sayn-Wittgenstein vom "Magic Sunday" über die Notwendigkeit, den Geist des legendären Clubs "Loft" von David Mancuso in einem ehemaligen Swingerclub wieder aufleben zu lassen.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 124


Jeden Monat trifft Hendrik Lakeberg Menschen, die aus dem Nachtleben nicht mehr wegzudenken sind, die ihren festen Platz in unserem Universum haben, vor oder hinter den Kulissen. Dieses Mal spricht er mit Constantin Sayn-Wittgenstein vom “Magic Sunday” über die Notwendigkeit, den Geist des legendären Clubs “Loft” von David Mancuso in Berlin in einem ehemaligen Swingerclub wieder aufleben zu lassen.

Es war einer dieser trägen Sonntagnachmittage, an denen die Stadt still steht. Ganz weit draußen, an den Rändern Berlins, hinter den Gleisen der Ringbahn, die Berlins Zentrum umschließt, wo die Wohnblöcke langsam ausdünnen und die Industriegebiete anfangen. Hier draußen auf dem Gelände der Brauerei Schultheiss, einem imposanten Backsteingebäude, das mittlerweile leer steht, trifft man sich seit ein paar Wochen, um Partys zu feiern, die für die Clubkultur von Berlin eine große Bereicherung sein könnten. Durch einen Innenhof, an einer verlassenen, ehemaligen Betriebskneipe vorbei, betrete ich ein dunkles Treppenhaus. Vor ein paar Jahren residierte hier der berüchtigte Kit Kat Club.

Er hat bis heute seine Spuren hinterlassen, ein Schild auf dem “Fick und Fozy” steht, hängt noch an der Wand. An der Kasse treffe ich den Veranstalter. Constantin Sayn-Wittgenstein, Abkömmling eines traditionsreichen Adelsgeschlechts, studierter Anwalt und ehemaliger New-Economy-Gewinner, der sich irgendwann, nachdem er genug Geld verdient hatte und der Neue Markt Anfang 2000 langsam den Bach runterging, ganz seinen Leidenschaften gewidmet hat: der Musik und der Clubkultur. Der 40-Jährige hat breite Schultern, trägt einen gepflegten Bart, mittellange Haare und strahlt eine unerschütterliche Gelassenheit aus. Ohne ihm je begegnet zu sein, fühle ich mich ein ganz klein wenig an die Person erinnert, wegen der Constantin heute hier steht:

David Mancuso, der Gründer des berühmten New Yorker Clubs “Loft” und damit der Vater der Discobewegung.
Constantin kennt David Mancuso. Eine zeitlang reiste er zusammen mit den beiden Magic Sunday-Resident-DJs und Freunden Crowdpleaser und Ly Sander regelmäßig nach London, um dort die berüchtigten Sonntagsgatherings zu besuchen, auf denen Mancuso bis heute einmal im Monat auflegt. Seine Parties hier in Berlin nennt Constantin deshalb “Magic Sunday”.

Über der geräumigen Tanzfläche schweben Luftballons. Girlanden und Luftschlangen bedecken den Boden. Mir schießt sofort ein Bild aus der großartigen Disco-Chronik “Love saves the day” von Tim Lawrence durch den Kopf, auf dem zu sehen ist, wie Frankie Knuckles und Larry Levan zusammen das Loft dekorieren. Es läuft ein jazziges Discostück – sehr geschmackvoll, sehr elegant. Auf einem Tisch stehen Kaffee und Kuchen.

Ein paar Kinder flitzen durch den Raum und spielen mit den Luftballons. So ähnlich soll das auch in London sein. Dort treffen sich Freunde, Familien, Musiknerds und verstrahlte After Hour Raver auf einer Party in intimem, aber verbindlichem Rahmen. Jeder, der mag, bringt einen Kuchen oder einen Salat mit. Die Atmosphäre dort ist wie hier in Berlin so familiär wie öffentlich, so intim wie ausgelassen.

Eine kleine Treppe führt auf das Dach des Gebäudes, dort wird gegrillt. Es ist warm, aber die Sonne ist hinter den Wolken verschwunden. Eigentlich ist alles wunderbar, es sind nur zu wenig Leute da. Es ist die zweite “Magic Sunday”-Veranstaltung, und es hat sich leider noch nicht genug herumgesprochen, wie nett es hier eigentlich ist. Vielleicht ist der Weg auch zu weit.

Von Berlin Mitte habe ich mit der Bahn eine knappe Stunde gebraucht. Außerdem ist Sonntag und wenn man zur arbeitenden Bevölkerung gehört, dann ist der Sonntag nicht der Tag, an dem man sich gehen lässt, betrinkt oder sonst irgendwelche Drogen schmeißt.

Der Abend klingt bei netten und persönlichen Gesprächen aus. Um neun bin ich zu Hause.

Ein paar Tage später treffe ich Constantin im Club der Visionäre in Berlin Kreuzberg. “Wir überlegen”, sagt Constantin, “ob wir die Location ändern und den Tag. Vielleicht ist Samstag besser. Wir suchen gerade nach einem Ausweichort in Mitte. Aber fest steht noch nichts.” Während Constantin redet, pluckert Minimal Techno aus den Boxen und irgendwie sind wir gleich mitten drin im eigentlichen Thema des Abends. Es geht um den Zustand der Clubkultur. Die Drogen nehmen überhand, meint Constantin. Sie sind zum Selbstzweck geworden, der Umgang der Raver untereinander ist rücksichtsloser und gleichgültiger geworden.

Dann erzählt er die Geschichte von einem Bekannten, der kürzlich besoffen in einem Club am Sonntag um vier Uhr nachmittags ein herumstehendes Fläschchen Jägermeister ausgetrunken hat. Es war randvoll mit Liquid Exstacy gefüllt. Er wusste nichts davon und konnte dem Tod durch Herzstillstand nur knapp entgehen. Constantin erzählt diese Geschichte, weil er erklären möchte, wie er auf die Idee der Sonntagsparties gekommen ist. Die Technoszene sei längst nicht mehr so familiär, wie man behauptet. Drogen sind übermächtig geworden, wichtiger als die Musik.

“Ich erlebe es immer häufiger, dass man nicht mehr auf sich aufpasst. Dass man sich bei anderen erkundigt, wie es ihnen geht, ob alles in Ordnung ist, das kommt immer seltener vor. Die Szene atomisiert sich, jeder tanzt für sich allein, nicht mehr miteinander.” Dass wir heute eine Rückkehr von House erleben und dass sich Constantin nach Inspiration bei dem Disco-Hippie David Mancuso umschaut, liegt auch daran, dass er und viele andere wieder nach Wärme und Gefühl in der Musik suchen, denn die stiftet Gemeinschaft, und das scheint Techno gerade nicht mehr so gut zu schaffen wie noch vor einigen Jahren.

Dann erzählt Constantin, dass er in der Schweiz in Genf zur Schule gegangen ist und dort studiert hat. Dort regierte lange ein linker Bürgermeister, der mit Hausbesetzern immer sehr tolerant umgegangen ist. Besetzungen waren also in der Regel sehr erfolgreich. Diese Orte haben Constantin gezeigt, dass man abseits des Mainstreams einen kulturellen Freiraum schaffen kann. Und vielleicht hat ihn der Mut und der Aufbruchswille, der in diesen Orten steckte, dazu inspiriert, seinen hoch bezahlten Job bei einem Softwareunternehmen an den Nagel zu hängen und erst um die Welt zu reisen, dann mit Laboso ein Label zu gründen, in Clubs aufzulegen, selber unter dem Namen “Exit: Ghost” Musik zu machen und schließlich den Magic Sunday ins Leben zu rufen.

Wenn nur eins der vielen Dinge, die er in den letzten Jahren gestartet hat, erfolgreich wird, dann freut er sich darüber. Wenn nicht, dann ist das auch nicht weiter tragisch. Dass er finanziell relativ unabhängig ist, spielt bei diesem Lebensweg nur zum Teil eine Rolle. Es ist auch die Atmosphäre und die ökonomischen und kulturellen Umstände in Berlin, die diese Entspanntheit befördern, denken wir einstimmig.

Vielleicht stehen die “Magic Sunday”-Veranstaltungen aber auch für eine neue Bürgerlichkeit, die langsam in der Clubkultur Einzug hält. Raver werden älter, arbeiten in normalen 9 to 5 Jobs, aber an der Clubkultur, in der viele großgeworden sind, die Familienersatz war, in der man im Endeffekt das Leben gelernt hat, möchte man sich bewahren.

Als 40-jähriger Sonntag für Sonntag in der Bar 25 zugedröhnt ein drei Tage durchgefeiertes Wochenende ausklingen zu lassen, ist wohl keine Lebensperspektive. Und da die After-Hour-Kultur, die in den letzten Jahren mit “3 Tage wach” nun selbst in der Dorfdisco angekommen ist, scheint sie doch als irgendwie fortschrittliches, reizvolles oder gar utopisches Lebensmodell langsam ausgedient zu haben. Man kann das alles spießig finden, etwas lauwarm, aber vielleicht sind Veranstaltungen wie der Magic Sunday auch eine Möglichkeit, mit Techno in Würde zu altern. Vielleicht sind sie einfach realistisch.

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Elektronische Lebensaspekte.