Unser Krieg, europäische Amateurfilme von 1933 bis 1955
Text: Anton Waldt aus De:Bug 113


Der mündige Internet-Konsument leidet unter der TV-Dominanz in der Dokumentarfilm-Produktion: Historisches Videomaterial, das man gerne nach dem YouTube-Prinzip serviert bekäme, kommt als schleimiges Fernsehformat “Historytainment”.

ZDF vs YouTube
Die DVD-Box “Unser Krieg” mit insgesamt mehr als sechs Stunden Laufzeit basiert (fast) ausschließlich auf Material, das europäische Amateurfilmer zwischen 1933 und 1955 gedreht haben. Das hört sich zunächst vor allem deshalb viel versprechend an, weil private Aufnahmen aus dieser – nicht nur in Deutschland – politisch hysterischen Periode einen alternativen Blickwinkel auf die gründlich dokumentierten Ereignisse versprechen. Und nicht zuletzt durch die aktuelle Amateurfilm-Schwemme via YouTube und Co. wird die Erwartung noch verstärkt, der dezentrale Blick ist gerade ohnehin schwer angesagt. In “Unser Krieg” sieht man also ganz normale Deutsche beim Siegheilen, allerdings aus heldisch suboptimaler Perspektive. Man sieht durchgedrehte, weibliche Hitler-Fans, die in Beatle-Mania-Manier ausflippen, wenn “der Führer” im offenen Wagen vorbeifährt. Man sieht betrunkene Landser in der Ukraine oder französische Kolonialtruppen in deutscher Kriegsgefangenschaft, die offensichtlich mit ihren Bewachern fraternisieren.

“Amateurfilmer waren immer dabei, haben jenseits von Propaganda und Wochenschau authentisch und unzensiert berichtet, was ihr privater Kriegsalltag war: der unbekannte Krieg”, heißt es denn auch im Klappentext. Aber leider halten die Montagen des Materials durch den Dokumentarfilmer Michael Kuball eben genau das nicht. Was nicht heißt, dass die TV-gerechten Happen mit dem Sticker “Arte Edition” langweilig oder belanglos wären. Und natürlich tauchen auch hin und wieder Motive oder Perspektiven auf, die es nie in die offiziellen Wochenschauen geschafft hätten. Aber der große neue Erkenntnisgewinn bleibt aus, was einerseits am Material selbst liegt, andererseits an der überzogen suggestiven Präsentation.

Zucker für den Suggestiv-Affen
Zunächst geben die Aufnahmen, so sehenswert sie sein mögen, ohne weiteres keine neue Erzählung über das Leben in der Nazidiktatur oder im Krieg her. Kein Coup wie die “Wehrmachtsausstellung”, die mit den Fotos deutscher Soldaten die Schwindel erregende Dimension der Mittäterschaft “ganz normaler Deutscher” am Vernichtungskrieg im Osten bewies. “Unser Krieg” zeigt dagegen die bekannten Geschichten in neuen Bildvariationen. Das wäre trotzdem ein meist relativ ruhig dahinfließender, sehenswerter Bilderstrom, wenn Kuball sich bei der Montage etwas zurückgehalten hätte. Das hat er leider nicht, stattdessen wird durch Texteinblendungen, Off-Kommentar und Musik dem Suggestiv-Affen Zucker gegeben. Gerne würde man die neu aufgestöberten Filme nur mit trockenen Informationen ausgestattet sehen, statt permanent zu rätseln, was Kuball hier erzählen will – Denn anders als die dramatischen Off-Sprecherstimmen suggerieren, geht es in den Episoden von “Unser Krieg” meistens gar nicht um zielgerichtete, große Erzählungen.

Interessant sind vor allem die Details, aber auf diese kann man sich schlecht konzentrieren, wenn die Akustik-Atmo Gewaltiges verspricht. Dabei gäbe es durchaus Themen, die anhand des verwendeten Materials neue Facetten offenbaren könnten, beispielsweise die schizophrene Haltung gegenüber der Moderne und ihrem technischen Fortschritt im “Dritten Reich”. Im Idealfall würde man sich aber ohnehin wünschen, die historischen Amateurfilme einfach gut vertagt auf YouTube zu finden, nur würde sich Arte dann nicht an den Kosten beteiligen. Daher wird der mündige Internet-Konsument immer noch mit Fernsehformaten gelangweilt. Und zwar ausschließlich, denn die Verwertung als klassische TV-Sendung dominiert den gesamten Produktions- und Distributionsprozess. Und genau diese Dominanz nervt gewaltig, auch wenn der passive Video-Konsum qua Programmierung noch ewig eine Killer-App sein wird.

Hitler + X
Im Fall der “Unser Krieg”-DVD-Box muss man sich allerdings über die fatale Verzahnung der Vertriebskanäle besonders ärgern, denn der Dokumentarfilmer Kuball und die Zuständigen bei Arte beugen sich mit dieser Produktion windelweich den schleimigsten Boulevard-Konventionen. Und an diesen ist schändlicher Weise das gebührenfinanzierte ZDF schuld, dessen Chef-Historiker Guido Knopp mit seiner Endlosserie nach dem Schema “Hitler + X” das Genre Historien-Doku auf Porno-Niveau gedrückt hat.

Erste Grundregel des “Historytainments”: Der Tonfall des Off-Kommentars muss permanent äußerste Dramatik suggerieren. Egal, ob Hitlers Telefonist in seiner Gartenlaube sitzt oder Soldatenfüße im Don gewaschen werden: Gut geölte Sprecher künden von großem Unheil, üblem Verderben und rührendem Schicksal. Zweite “Historytainment”-Regel: In 40 Minuten muss eine abgeschlossene Geschichte erzählt werden, die am besten mit “verschollen geglaubtem Material” unser Geschichtsverständnis revolutioniert. Dritte “Historytainment”-Regel: Zeitzeugen dürfen soviel senilen Nazi-Mist labern, wie sie wollen, weil KZ-Überlebende das ja auch dürfen. Diese Regeln versauen natürlich jeden historischen Dokumentarfilm, auch und gerade wenn das Filmmaterial hochwertig ist und das Konzept interessant. Und so wird auch aus “Unserem Krieg” das vorauseilende Gesuder um imaginäre Enschaltquoten.
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Elektronische Lebensaspekte.