Choreografische Abgründe hinter der schillernden Fassade
Text: jeep aus De:Bug 111


Disco Dancer
Babbar Subhash
Rapid Eye Movies/Bollywood Classics

Demütigung ist die wichtigste Antriebsfeder im Unterhaltungsgewerbe. Hinter der schillernden Disco-Fassade lauern menschliche Abgründe. Vor der Fassade choreografische Abgründe. Das ist in etwa der Dreischritt, den die indische Antwort auf “Saturday Night Fever” hinlegt. “Disco Dancer” von 1983 ist ein ausuferndes Discomusical und Bollywood-Melodram zwischen Ilja Richters “Disco”-Ästhetik und “Graf von Monte Christo”-Rache-Story. Der Slumbewohner Jimmy wird als Kind mit seiner Mutter von einem Millionär zu Unrecht des Diebstahls bezichtigt. Fortan ist Vergeltung sein Lebensmotor, Tanz seine Waffe, eine E-Gitarren-Phobie seine Achilles-Ferse.

Wie Jimmy den Sohn des Millionärs an die Nadel bringt, dem Millionär die Liebe der Tochter entreißt, sein Geschäft ruiniert und ihn zum Unfalltod treibt, wird mit viel Musik aus dem Genre HiNRG-Schlager, völlig unglaubwürdigen Prügel- und Musizier-Szenen und glitzernden Eierkneifer-Kostümen ausgewalzt. So tiefe Löcher in Jimmys Seele gerissen werden, Tränen wird man bei diesem Bubblegum-Pappmaché-Epos, das den Sozialrealismus von “Saturday Night Fever” komplett entbehrt, nur vor Lachen, nicht vor Rührung vergießen. Aber im Lachen steckt viel Weisheit, sagt ein indisches Sprichwort.

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Elektronische Lebensaspekte.