Der moderne Mensch als brutale, kaputte Machtmaschine
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 112


Gierig
Oskar Roehler
Arthaus

“Yoga und Psychoanalyse haben mir nicht geholfen”, erklärte Oskar Roehler einmal. In seinen Filmen erscheint der moderne Mensch als brutale, kaputte Machtmaschine, die verzweifelt nach Liebe ringt. Das Soziale ist nichts als ein gleichzeitiges Abgepunke, das in den ersten Szenen dieses zweiten Films von Roehler von 1999 von einer Chance-2000-artigen Posse mit der Punkband Golden Showers zelebriert wird. Im Zentrum von ”Gierig“ steht aber ein Ehepaar: Gary (Richy Müller) ist Künstler, Natascha (Jasmin Tabatabai) Journalistin, auf einem DDR-Fabrikgelände betreiben sie eine Performance-Bar.

Neunziger-Realien enthält der Film jenseits von Ausstattung und Szenerie kaum, er ist ganz auf die beiden gerichtet: die Wut auf den anderen wird in Sex mit dritten ausagiert – was von der Partnerin/dem Partner genervt zur Kenntnis genommen wird. Gegenseitige Zärtlichkeit ist erst möglich, als in Garys Gehirn ein Tumor entdeckt wird – aber auch nur für einen Moment, wenig später hat sich Gary schon vom Sprungturm eines leeren Schwimmbeckens gestürzt. Roehler knüpft an die aggressivsten Momente Fassbinders an und reißt dessen Gewalt aus ihren Kontexten heraus. In seiner Unversöhnlichkeit hat Roehler nichts von der Bedachtheit und dem Bedenkenträgertum der “Berliner Schule” oder vom feinfühligen Kitsch eines Tom Tykwer, Sebastian Schipper oder Achim von Borries. Die Grenzen und die letztliche Dumpfheit seiner Weltsicht wird erst in den späteren Filmen zum Problem.

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Elektronische Lebensaspekte.