Wenn man unterwegs ist, muss man viel warten. Verschwendete Zeit, wenn man sie nicht mit Informations-Aufnahme füllen kann. Das Daumenkino aus den 1940ern war 2004 die DVD. Mobile Abspielgeräte generieren neue Arten von Datenträgern und veränderte Bildwelten.
Text: clara völker aus De:Bug 89

Mobil mit Bodenhaftung

Kein Wunder – wenn niemand mehr Lust hat, CDs zu kaufen, weil man Audiofiles ja eh prima runterladen, auf den mobilen Player ziehen und kopieren kann, muss was anderes her. Denn Konsumieren macht Spaß, verschafft Distinktion und gehört folglich zu Pop dazu. Da Musikhörer ja meist latent konservativ sind, sei es in ihrer Vinyl-Obsession oder ihren Dauerhit-Radiosendern, verwundert es kaum, dass ihre Vorliebe für Silberlinge mit Loch anhält. Umgewöhnung ist okay, solange sie nicht grundlegend die mediale Haptik erschüttert. 2004 war daher nicht nur das Jahr des Reis, sondern vor allem der DVD.

Mehr als je zuvor galt letztes Jahr: Wer was auf sich hält, der guckt DVDs. Nachdem Videotheken mittlerweile zu DVD-Tempeln umfunktioniert worden sind und VHS-Bänder in den meisten Ketten nur noch unter der Theke laufen, ziehen Label und Musikfreunde mit. Wer 2004 wirklich was auf sich hielt, der machte DVDs. Du hast ein Label, aber keine eigene DVD? Ein Armutszeugnis. Du bist VJ und hast keine Promo-DVD am Start? Anfänger. Ein Festival ohne Doku-DVD? Underground. DVDs gehörten 2004 zum guten Ton und garantierten ein Mindestmaß an Professionalität.

Aber warum gerade DVDs? Besonders praktisch sind sie ja – abgesehen von ihrer großen Datenkapazität – eigentlich nicht: Ländercodes verhindern es, sie international abzuspielen und nationale Preisbindungen zu umgehen. Die DVD-CCA, die 1999 gegründete DVD-Polizei der Film-Lobby, sorgt zudem dafür, dass man die auf DVDs gespeicherten Daten nicht mal eben ohne große Umschweife auf die Festplatte ziehen kann. Vorspulen geht auch nicht, nur Skippen, und das strikt nach Programmierung – ein ziemlich reaktionäres Medium, diese DVDs. Auch wenn frischere Formen wie DVD-Roms etwas Interaktivität und Kontrolle suggerieren: Die DVD bleibt trotz ihres Fortschritts ein vergleichsweise restriktives und konventionelles Medium. Gerade das macht sie so populär. Die Produktionskosten sind niedrig und die Abspielgeräte verbreitet, DVDs sind in gewisser Hinsicht das individuelle Massenmedium dieses Jahrzehnts. CD + TV = DVD.

2004 wurden nicht ausschließlich mit Spielfilmen, Serien und Zusatzfeatures gefüllte DVDs verschlungen, signifikant war vielmehr, dass von Berlin bis L.A. musikalisches Fanwissen auf Rohlinge gebrannt wurde. Ob das etwas mit den kläglichen Restzuckungen des Musikfernsehens und damit dem Ende einer bestimmten Form von Clip-Kultur zu tun hatte? Mag sein. Denn für bewegte Magazine und eine visuelle Umsetzung von Musik ist das Fernsehen längst kein guter Ort mehr. Trotzdem will man die Optik von Musik und Popkultur natürlich nicht missen. Das Ende des gewohnten Clips kann man ja schon seit einigen Jahren in Clubs mit VJs und DJs betanzen, Printprodukte sind zwar informativer, aber auf Dauer etwas lästig zweidimensional bzw. unzeitgemäß und das Internet ist halt das Internet, oft irgendwie unflexibel – warum also nicht DVDs. Was Einfacheres gibt’s momentan ja nicht wirklich und zu exklusiv sind sie auch nicht. 2004 fanden DVDs im Gegensatz zu klassischeren Tonträgern rasanten Absatz, 80% mehr DVDs als im Vorjahr wurden im letzten Jahr in Deutschland verkauft.

Und warum gab es gerade 2004 einen Boom? DVD-Player waren doch schon vor zwei Jahren so erschwinglich, dass sich jeder heimische Technik-Freak (das sind die mit den gepflegten 3-Wege-Boxen und den polierten Vorverstärkern) einen leisten konnte und ganze Freundeskreise gemeinsam DVDs und Extras von tollen und weniger tollen Serien in geselligen Nächten per Fernseher in sich reinfüttern konnten. Der eigentliche Grund für die massenhafte und zunehmend sichtbar werdende Verbreitung von DVDs in neuen Formen ist ein anderer. Sieht man sich Label-DVDs oder elektronische Stadtführer in geselliger Runde zu Hause auf der Couch an? Selten. DVDs werden oft alleine und vor allem unterwegs geguckt. Laptops, die ja inzwischen standardmäßig mit integrierten DVD-Playern ausgestattet sind, sind also der Hauptgrund für den Zuwachs. Laptop + DVD = das TV von heute.

DVDs machen Sehgewohnheiten kompakter und selektiver, indem sie nicht nach Bildfolgen, sondern nach Kapiteln und Szenen, also stärker inhaltlich sortiert sind. Das Starren auf den Bildschirm wird so individuell wie “Malen nach Zahlen“ oder Würfelromane. Und unterwegs, eingekuschelt in die Wärme des Laptops und der Kopfhörer, mit erträglichem Maß an Selektionsleistungen, eine Mischung aus Bekanntem und Neuem zu gucken, gibt einem doch genau die Art von Heimatgefühl, das man braucht. Leider ist es die Ökonomie, die einen in die geographischen Fänge und die Bastelstuben der Copyright-Knacker zurückschleudert. Aber es wäre ja auch zu erschütternd, wenn alles, was möglich ist, sofort umgesetzt werden würde. DVDs waren 2004 das ideale Unterhaltungsmedium für den einigermaßen mobilen Menschen. Irgendwann wird man jedoch lieber per Mobile als per Laptop Filme und Musik kosumieren wollen, spätestens dann werden DVDs durch andere Speichermedien komplementiert oder ersetzt werden müssen. 2005 wird nicht nur das Jahr der Physik sein, es wird das Jahr des Nippes werden. Denn was macht man mit bereits angesehenen DVDs? Weltoffenheit demonstrieren und tendenziell Staub fangen.

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Elektronische Lebensaspekte.