Gus Van Sant, völlig richtungslos
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 112


Gus Van Sant
Last Days
Al!ve

Ein Rockstar wird vom Publikum, von seinen Fans, miterschaffen, in Gus Van Sants Film über die letzten Tage Kurt Cobains ist dieses Gegenüber längst verschwunden. Wie ein sterbendes Tier streift Cobain, der hier Blake (Michael Pitt) heißt, ziellos durch die wunderbaren Wälder seines gigantischen Anwesens bei Seattle. In entkoppelten Situationen versucht er sich mal eine Mahlzeit aus Rice Crispys und Tütensuppen herzustellen, mal sinkt er von einem auf den anderen Moment regungslos in sich zusammen.

Wie bei “Gerry“ und bei “Elephant“ entwickelt Van Sant Intensität und Konsistenz seiner Zeitbilder aus dem Drehort: neben der Seenlandschaft ist das Blakes offenbar vor Jahrzehnten zuletzt bewohntes, vollständig eingerichtetes, viktorianisches Schloss, das unbeheizbar vor sich hinrottet. Diesen Ort kann Blake ebenso wenig verlassen wie Citizen Kane sein Xanadu. Immer wieder tauchen Leute auf, niemand durchbricht seine Apathie: Ein Anzeigen-Verkäufer der Gelben Seiten redet ebenso auf ihn ein wie die echte Kim Gordon.

Zu den Freunden im Haus gibt es keinen Kontakt: In einer der besten Szenen des Films öffnet Asia (Asia Argento) eine Türe – und stößt den dahinter kauernden Blake um. Sie erschrickt, befühlt seine Halsschlagader – und schließt die Tür wieder. All das wird absolut kommentarlos dargestellt. Der gefallene Star erzeugt kein Drama, keine Tragödie, Van Sant gelingt es, jegliches Erzählformat zu meiden. Wie seine letzten Filme präsentiert “Last Days“ eine stetige, richtungslose Bewegung, die nur im Tod enden kann.
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Elektronische Lebensaspekte.