Clip-Geballer aus Japan
Text: Multipara aus De:Bug 112


The Monochrome/Multiple Otomo Project
Otomo Yoshihide
Asphodel/Alive

Die vielen kurzen Einzelclips mit den oft sprechenden Titeln (“Burner”, “Plucks”, “Needles”, “Taped Records”, “Color Liquid” etc.) legen nahe, auf dieser DVD einen Katalog der vielfältigen Verfahren zu erwarten, die Otomo Yoshihide in seiner über 25-jährigen Karriere als experimenteller Musiker, ursprünglich als Gitarrist, vor allem aber als Turntablist, entwickelt und angewandt hat. Das wäre an sich schon spannend: endlich mal zu sehen, was genau zu welchen Sounds und Strukturen führt. Obwohl man aber die ganze Bandbreite seiner Soloarbeiten vorgestellt bekommt, merkt man bald, dass es darum nicht geht. Zum einen deshalb nicht, weil er viel mit Feedback arbeitet, wo ja der kaum kontollierbare und damit kaum beobachtbare Zusammenhang von Aktion und Resultat den künstlerischen Reiz ausmacht.

Aber vor allem auch, weil die Clips von Masako Tanaka, Tim Digulla und Michelle Silva unter Otomos Direktion aufgenommen und vor allem nachbearbeitet, so reich an Schnitten und vielseitiger Bildmanipulation sind, dass sie zwischen relativ getreuer Dokumentation des Geschehens und Experimentalmusikvideo schillern – oft weiß man nicht, inwieweit hier wirklich Ton und Bild synchron laufen, wie viel hier in Echtzeit improvisiert wurde und wie viel am Rechner komponiert (alle Aufnahmen sind im Studio entstanden). So lehnt man sich bald zurück und lässt sich unterhalten. Und das geht prima – die 77 kurzen, aber intensiven und sehr dichten Minuten sind abendfüllend, allerdings nicht ohne zu verstören: Musik wird hier eindeutig als Schreien des Materials präsentiert – dessen Malträtierung schockiert auch heute noch jeden, der Platten und Plattenspieler einst im familiären Wohnzimmer kennen gelernt hat.

Feinmotorik ist das nicht gerade; schon im Opener mit dem verglühenden Tonabnehmer ist Todeskampf angesagt. Besonders fies dabei: die nüchterne Strenge der systematischen, experimentellen Versuchsanordnungen, die so gar nichts mit, sagen wir, jugendlichem Überschwang zu tun hat. Das muss man dann erst mal verdauen. Zum Beispiel mit Hilfe der außerdem beiliegenden CD, auf der man die Folterkammer nicht sieht und so alles wieder schlicht zu Musik werden kann.

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Elektronische Lebensaspekte.