Wenn schon Retro, dann aber gründlich. Nicht die 80er-Jahre des letzten, sondern die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts bietet sich derzeit als Schablone für das Durchblicken an. Dabei geht es selbstredend nicht um Details der individuellen Haartracht, sondern um Verhaltensmuster und Machtstrukturen, in denen künftiger Horror genauso angelegt ist wie die Verheißungen für ein besseres Morgen. Jetzt gibt es dazu ein Festival.
Text: Peter Steinberger aus De:Bug 65

Aktuelle Technologien ermöglichen es, praktisch unter Ausschluss der physischen Öffentlichkeit zu leben. Andererseits streben mehr Menschen denn je auf den Bildschirm und sind dafür bereit, auch intimste Details zu offenbaren. Vom öffentlichen Heiratsantrag bis zur Übertragung einer Geburt ins Internet wird gnadenlos alles Mögliche realisiert. Die Kamera, die öffentliche Plätze überwacht, steht so der privaten Webcam nur noch scheinbar gegenüber. Vom 28. November bis 1. Dezember 2002 dient das Biedermeier dem Festival (d)vision 2002 im Wiener WUK als Metapher für die offensichtliche Verschiebung der Grenzen von Privat und Öffentlich. Unter dem Titel “digital BIEDERMEIER: re/producing the private” sollen Aspekte des Privaten und seiner Technologien am Beginn des 21. Jahrhunderts präsentiert und reflektiert werden. Eine Konferenz, Filmreihen und der Salon als Experimentierfeld bieten den Rahmen für eine dynamische und kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. Musik und Party finden im (d)-Club statt.

Warum eigentlich Biedermeier?

Ja, warum? In dem halben Jahrhundert zwischen den bürgerlichen Revolutionen von 1789 und 1848 wurzelt ein Großteil der ordnungsschaffenden Begriffe unserer Gegenwart. Kapitalismus und Liberalismus, Sozialismus und Kommunismus, Revolution und Reaktion, Nationalismus, Ideologie, Demokratie – samt und sonders Konzepte, die ihren Inhalt in jenem Zeitabschnitt bekamen. Ganz zu schweigen davon, dass sich seit damals das politische Denken und Handeln in “links” oder “rechts” teilt, auf den Fortschritt hofft oder an ihm (ver-)zweifelt. Die Märzrevolution brachte dann dem Bürgertum Pressefreiheit, Nationalgarde und Konstitution, das Proletariat blieb jedoch im wahrsten Sinn des Wortes auf der Strecke – also auf der verregneten Straße – stehen. Es kam zur offenen Auseinandersetzung zwischen den Klassen, was den Redakteur der “Neuen Rheinischen Zeitung”, Karl Marx, veranlasste, vom “Kampf zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat” zu schreiben. Schlussendlich wurden die zersplitterten und geschwächten Kräfte der bürgerlich-demokratischen Revolution mit vereinten aristokratischen Kräften in allen Monarchieteilen niedergerungen. Diese Epoche, die mit Karl Ludwig von Hallers “Restauration der Staatswissenschaften” begann und an deren Ende Karl Marx “Manifest der Kommunistischen Partei” stand, osziliert zwischen reaktionärer Utopie und Vorspiel von Emanzipation und Demokratie. Für die Kinder des bürgerlich-wohnzimmerlichen, digitalen Biedermeier stellt sich nun die Frage, ob sie gerade das grausame oder das hofffnungsfrohe Revival erleben. Dabei baucht es nicht viel Paranoia, um die Anrichte mit Nippes-Parallelen zu bestücken: Die zum Teil blutigen Folgen der Globalisierung von Seattle bis Genua, die neuen Technologien und Anwendungen der letzten Jahre, die omnipräsente Wiener Kaffeehausmusik der Kruder-Dorfmeister-Schule, die von Spitze und Rüsche angeführten “New Romantic”-Anleihen der popkulturellen post-9-11-Gesellschaft, das schamlose Aufwärmen und Fordern der “guten alten Zeit” der 80er, die Heimat und Idylle besingenden Lieder bayrischer Alternativ-Popmusikanten oder die wertkonservative “nur keine Experimente”-Mentalität vor allem junger Gesellschaftsgruppen, wie sie in der Shell-Jugendstudie manifest wird. Und auch Kultur wird wieder gutbiedermeierlich im Wohnzimmer produziert. Nur dass statt dem Flügel Technics, Midi-Keyboard und PC den Standard darstellen und der Internetanschluss das restliche Kammermusik-Ensemble ersetzt. Konzertiert wird schließlich in Clubs, die ästhetisch und atmosphärisch nicht nur das sprichwörtlich verlängerte Wohnzimmer darstellen.

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Elektronische Lebensaspekte.