Die Behauptung, der Mensch sei ein Herdentier, gehört zur philosophierenden Fernsehdoku am Bildungskanal wie die gepflegte Massenphobie zum Poptheoretiker. Und auch wenn ersteres Plattitüde ist und letzteres einfach nur neurotisch, kommt man dieser Tage an einer dezidierten Position zum Rest der Menschheit als mediale Öffentlichkeit nicht mehr vorbei.
Text: Bernhard Rieder aus De:Bug 65

Die einen stehen explizit darauf, in der Menge aufzugehen, einfach mitzumachen, wenn die Welle die Runde im Stadium der Eitelkeiten macht, die anderen halten es mit Baudelaires Flaneur und bleiben auf Distanz – obwohl mittendrin statt nur dabei. Was auf den ersten Blick wie der Willensakt eines befreiten Subjekts wirkt, kommt auf den zweiten doch strukturierter daher: Die Öffentlichkeit bietet von sich aus ein Spektrum von möglichen Rollen an und schafft die Räume, die als Bühne bereitstehen. Nie zuvor waren dabei die Möglichkeiten des Einzelnen, sich der Herde zu widmen, anstatt gegen die Wand zu starren, so sehr von technischen Artefakten abhängig. Wenn Öffentlichkeit selbst ein Medium ist, so braucht man heute mehr Gerät denn je, um an der Sache in ihrer Breite teilzuhaben. Indem sich das Forum vom Markplatz zuerst ins Kaffeehaus und Großformat zurückzieht, um schließlich im Internet wieder auseinander zu bröseln, vollzieht es eine Ablösungsbewegung, eine Virtualisierung. Die Radiocharts kommen zwar aus dem Transistor, aber die Alben werden im Shop gekauft oder von der Post geliefert. Wenn sich in naher Zukunft Charts nur noch an Downloadfrequenzen orientieren, wird der Zyklus zwischen Kulturkonsum und Kulturdiskurs geschlossen und in ein gemeinsames Medium verlagert, das vielleicht den Plattenladen nicht obsolet macht, aber den öffentlichen Umgang mit Musik endgültig an eine Technologie bindet. Wenn Medien per Definition das Öffentliche mit dem Privaten verbinden, fügt der Computer als Medium noch das Interface hinzu, auf dem Sphären und Funktionen in einer gemeinsamen Oberfläche zusammengefasst werden. Daraus entstehen ganz neue Vermischungen, die immer dann auftreten, wenn digital auf analog trifft. Auch wenn sich das Surfen am heimischen PC für manchen User nicht weniger privat anfühlt als die Frühstückszeitung, so bleibt der Unterschied, dass jeder Klick auf der Festplatte eines Servers einen Logfile-Eintrag veranlasst. In diesem Sinn ähnelt Surfen eher einem Spaziergang mit Hund: Alle paar Meter hinterlassen eigentlich private Angelegenheiten ihre öffentlichen Überbleibsel. In beiden Fällen fehlt in der Regel das Bewusstsein für die Bedeutung des Rests, weil dieser einfach zur Sache selbst gehört: Kein Hund ohne Scheiße und kein Surfen ohne Logfile. Wie der Hund, wird der Surfer auf Schritt und Tritt zum Produzenten, sein Handeln löst umfangreiche, meist maschinelle Reaktionen aus, er bastelt mit an Zugriffsstatistiken, Userprofiles und anderen statistischen Spielereien, die irgendwann wahrscheinlich jemanden vom Marketing dazu bewegen, ein Inserat in der “FAZ” zu schalten.

Mikro Macht
Es sollte niemanden verwundern, dass manche Handlungen wirklich Konsequenzen nach sich ziehen, trotzdem sind die neuen Vermischungen zwischen privat und öffentlich anders strukturiert. Nicht nur, weil sie im Mikro anfangen und bis ins Makro reichen, sondern weil sie maschinell mediatisiert sind und damit auch maschinell erfasst werden können. Die Verbindung von Öffentlichkeit, also von “wir kommunizieren mit den anderen gemeinsam”, und dem Computer bedingen neue Möglichkeiten von Herdentechnologien, die aus der Herde als Metapher eine Tatsächliche macht. Nach Foucault ist Macht vor allem im Mikro zu Hause, in den Poren der Gesellschaft, dort wo man sie zunächst nicht wahrnimmt. Seitdem die Polizei Informatiker anstellt, wird leichter verständlich, was damit eigentlich gemeint ist. Die fortschreitende Digitalisierung der Produktion, Distribution und Konsumation von Kultur erleichtert die Überwachung und damit die Kontrolle der öffentlichen Sphäre – zumindest theoretisch: Schließlich muss die Ordnungsgewalt keine Daten mehr erheben, sondern nur im ständig anfallenden Datenmüll wühlen. Wenn gesellschaftliche Kontrolle immer weniger eine Frage der gesetzlichen Rahmenbedingungen ist, sondern immer mehr zum technischen Wettlauf wird, dann ist der Grad an Freiheit der öffentlichen Sphäre daran zu messen, wie löchrig die Tools der Kontrolleure sind. Oder wie gut die Eigenen: Experimente wie Peekabooty, vom cult of the dead cow, zeigen, dass sich Öffentlichkeit auch digital noch mit Anonymität verbinden lässt. Wahrscheinlich findet Software wie diese mehr Anhänger in der okzidentalen Anarchoszene als im Zielmarkt China, ihre bloße Existenz ist aber schon Handlungsangebot. Öffentliche Räume sind technologische Räume geworden und scheinbar Privates zumindest halb öffentlich. My home is my castle – das ist nicht mal mehr reaktionär, sondern nur zunehmend unrichtig. Die digitalen Welten lassen außen und innen verschwimmen und Privates wird zur temporären autonomen Zone in der vernetzten Öffentlichkeit. Ob das Netz Freiraum bleibt, ist auch eine technische Frage, aber zuerst eine des Engagements.

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Elektronische Lebensaspekte.