E-Zine sind die Chance auf Urlaub vom Turbokapital. Von ihrer Operationsbasis in Mailand aus produzieren Andy Simionato und Karen Ann Donnachie ein Buntebildchensammelsurium im Screen Mag-Format mit dem schlichten Titel ”this is a magazine". Der Beipackzettel verrät: ”It has words and pictures in it." Simplizität kann begeistern.
Text: Caspar Borkowsky aus De:Bug 66

Kulturproduktion gibt es manchmal auch als kostenlose Rekursionsschleifen. Im Marktsegment der Unterhaltungsmagazine, das normalerweise vollgeballert mit Werbung daherkommt, ist das E-Zine die Chance auf Urlaub vom Turbokapital. Anfangs noch viel beschriener Hype des WWW, ist es zuletzt ruhiger geworden im Umfeld der klickoperierten Onlinemagazine. Die Ruhe hat gut getan. Projekte wie unser Titelheld thisisamagzine, aber auch Domains wie tigermagazine, le lab, magnify, urbandesk, ladestation oder beast verdienen heute einen besonderen Listenplatz in den Favoritenleisten globusweit. Insbesondere le lab, magnify und beast sind als Update-Tool bezüglich der Webdesign-Szene recht gut zu gebrauchen. Im pdf-Format verfügbare Showcases diverser Webgraphiker erlauben die direkte Transformation der Farben/Formen/Motion-Feuerwerke in den Festplattenstatus. Nach dem Hype ist vor dem Hype. Entlang der Achse Kreativität vs. Kombinatorik bzw. Genie vs. Rekursionsmaschine lässt sich die aktuelle Revolution live verfolgen.

Als Leader of the Pack hat sich ein Projekt aus Mailand etabliert, dass mit dem herrlich einfachen Selbstreferenztitel “this is a magazine” um die virtuelle Ecke biegt. In Form eines flashbasierten Screen Magazine gibt es eine gehörige Portion eye-candy für die abgebrühten Synapsen. Der inhaltliche Spannungsbogen macht auf dicke Hose und präsentiert Graphikdesign, Modestrecken, Illustrationen, Kunst, Photographie, dezent eingestreute Animationen und f(r)esche Kuriosika aus dem Gemischtwarenladen. Finanziert wird der Spaß laut Eigenauskunft “by telling lies and cheating”.

Weil aber der homo consumicus träge ist und dann doch noch mal anfassen möchte, wird es in Kürze ein good ol’ Buch in Sachen best of “this is a magazine” geben, ja, so richtig mit chemikalisch traktiertem Papier und so. Anlässlich des ersten printbasierten Kompendiums eines Screen Magazine sprach DeBug mit dem 34-jährigen Designer Andy Simionato, der zusammen mit der 32-jährigen Photographin Karen Ann Donnachie das Kreativ- und Gründungsteam von “this is a magazine” formiert.

DEBUG:
Aus welcher Grundidee heraus entstand ”this is a magazine”?
ANDY SIMIONATO:
Unsere Kultur wird für uns alle einmal im Monat frisch zubereitet. Die Hälfte davon ist Werbung, die andere Hälfte wird durch Werbung finanziert. ‘this is a magazine’ versteht sich als eine Antwort auf diese Kultur.

DEBUG:
Welche Effekte versprecht ihr euch von der einfachen Vor- und Zurück-Navigation des Mags?
ANDY SIMIONATO:
Die Vor- und Zurückbewegung erzeugt einen Rhythmus und forciert visuelle Spannung. Mit einer einfachen Auswahlliste ist dies nicht möglich. Es braucht die Dauer des Durchklickens. Es erinnert ans Jazzhören, an die Gleichzeitigkeit von Freiheit und Struktur und an die Möglichkeit der Überraschung. Außerdem wollten wir möglichst wenig Ablenkung. Der Stil des jeweiligen Künstlers soll nicht durch Layout- oder Navigations-Styling überblendet werden. Ziel ist die maximale Funkbreite zwischen Inhalt und Leser.

DEBUG:
Inwiefern verändert der Computer Graphikdesign?
ANDY SIMIONATO:
Ich erinnere mich, wie ich in Australien im Designbusiness begann und ein Techniker den ersten Mac in unser Studio lieferte. Wir sagten alle: ‘Das ist es, alles wird sich ändern und nichts wird mehr sein, wie es einmal gewesen ist.’ Das war 1985. Viele Jahre später fällt es schwer, Graphikdesign ohne den Computer zu denken, so wie es schwierig ist, einen Kreis ohne einen Zirkel zu zeichnen. Es hat die Art der Problemlösung bei Designern verändert, viele erwarten, dass der Computer ihre Probleme für sie löst, so als ob ich vor dem Zirkel sitzen würde und darauf warte, dass er den Kreis von selber zeichnet. Aber trotzdem gilt natürlich: Wie hätte Hemingway geschrieben ohne seine Schreibmaschine? Wie hätte Picasso gemalt ohne die Ankunft der Photographie? Wie hat der Computer Graphikdesign verändert?

DEBUG:
Was bedeutet die Idee der Zirkularität für euch? Pocht Ihr auf eigenständige Kreativitätsleistung oder seht ihr euch eher als Akteure in einem rekursiven System?
ANDY SIMIONATO:
Wenn ich Illustrationen erstelle, ist es, als ob ich eine Maschine mache: Ich entwickele die einzelnen Ideen getrennt, fülle sie in einen Behälter und drücke dann den Startknopf. Dann lehne ich mich zurück und beobachte, was passiert. Manchmal ist das Resultat elegant wie eine Ballerina, manchmal ist es gewalttätig und unvorhersehbar, manchmal zerstört es sich selbst. Diese Maschinenprodukte sind einerseits ein Produkt meiner Erfahrung und damit beeinflusst von unserer gemeinsamen Kultur, andererseits aber auch komplett neue, unkontrollierbare Substanzen. Mein Traum ist die Erstellung einer Maschine, die ohne mein weiteres Zutun eigenständig weitere Maschinen produziert. Mehr Rekursion geht wohl nicht.

DEBUG:
Welche neuen Trends seht ihr im Internet?
ANDY SIMIONATO:
Antwort 1: Die Rückkehr zu qualitativ hochwertigen Inhalten. Das ist auch meine Hoffnung. Antwort 2: Das Web mutiert zu einer gigantischen Shopping Mall.

DEBUG:
Auf welchem Level bzw. Entwicklungsniveau erwartet ihr das Medium E-Zine in der Zukunft?
ANDY SIMIONATO:
Momentan ist es ein beliebtes Format und die Big Players luken bereits verschämt um die Ecken, beispielsweise die Seite zur Mercedes Benz Fashion Week. Aber es ist schon lustig, wenn sie am Ende der Seite verkünden, diese Art des Formats könne nicht imitiert werden. Abgesehen von solchen Peinlichkeiten entwickelt sich eine rückkoppelnde Doppelschleife, in der Printmagazine immer Web-mäßiger werden, Information wird also in immer kleinere und schnellere Bissen zerlegt, ein historisches Beispiel dafür ist ja ”wired”, in der sich andererseits aber Webseiten immer stärker an traditionellen Magazinen orientieren. Unser Fokus und unsere Hoffnung liegt eher auf der inhaltlichen als auf der formalen Ebene. Die Schleife wird irgendwo enden, wir warten auf geheimnisvolle neue Blumen, die in Farbenpracht und duftender Vielfalt erstrahlen.

DEBUG:
Begeistert Euch momentan im Netz irgendetwas besonders?
ANDY SIMIONATO:
Alles, was mir nicht mit Hochdruck irgendwelche Waren verkaufen möchte, begeistert mich, und zwar aus dem einfachen Grund, dass es nicht lange überleben wird. Wie ein Feuerwerk ist es nur ein kurzer lauter Knall und greller Lichtblitz, und schon ist es wieder Geschichte …
http://www.thisisamagazine.com

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Elektronische Lebensaspekte.