Die Twitter-Timeline sonifizieren
Text: Holger Schulze aus De:Bug 161

Sound Art greift endlich an: in tiefergelegten Autos, in Social Media und demnächst auch, oho, auf Vinylschallplatten. Das Künstlerkollektiv Heavylistening transformiert Klangskulpturen in die popkulturell-sozialmediale Schwarmkreatur unserer Tage. Ihre “Tweetscapes” zeigen: Auch für künstlerisches Arbeiten scheint Twitter gegenwärtig eines der anschlussfähigsten Sozialnetzwerke zu sein.

Ich sehe die Einschläge. Dunkel liegt das Land, wie Markierungsbomben blitzt es auf an verschiedenen Orten – im Osten, Südwesten, im Norden, Nordwesten. Ein Gewisper und Geflimmer, hastiges Tippen und Zischen. Pfeile stechen von Stadt zu Stadt, als Reply und Retweet. Ein wummerndes Sirren liegt darunter, verquietschte, zerstretchte Begriffe und Laute. Die Einschläge lassen Hashtags aufspritzen, die langsam zerstieben. Immer weiter das Tippen. Am Followerfriday, während ich diesen Text schreibe, sausen kleine Geschwader von #ff quer über das Land. Das alles passiert auf meinem Monitor – es passiert aber auch auf einer großen Projektion, in einem Club. Es passiert im Netz, wo sonst. Es ist das Werk von Heavylistening aka Anselm Venezian Nehls und Carl Schilde, zweier Klangaktivisten (Klangkünstler wäre für sie zu klein gedacht) und des Videokünstlers Tarik Barri. Sie nennen es “Tweetscapes”. Während der Transmediale 2012 in Berlin war diese Arbeit im unvermeidlichen Berghain zu sehen/hören und nun im Karlsruher ZKM in einer ebenso unvermeidlichen Surround-Version; und nicht zuletzt ist sie seit Oktober letzten Jahres im Deutschlandradio Kultur am Ende der wöchentlichen Hörspieltermine exklusiv zu hören, denn dort hatte alles seinen Anfang genommen.

Die API-Weltabhöre
Die Abteilung Hörspiel und Klangkunst des Deutschlandradio Kultur hatte unter Wolfgang Hagen bei den Sound Studies an der Universität der Künste in Berlin angefragt, ob man nicht gemeinsam ein Projekt zur künstlerischen Gestaltung eines neuen wissenschaftlichen Trends machen könne: die wissenschaftliche Sonifikation vorliegender Daten (gleich mehr dazu). Wenn Wissenschaftler die Welt abhören und hörbar machen – wäre dann nicht das Radio genau genommen der einzige Ort, um eine solche Weltabhöre publik zu machen? Klangkünstler trafen auf Radiomacher und Informatiker, die Künstler und Komponisten am Studiengang unterstützen das Ganze – einige Ideen wurden gewälzt: Wollen wir Aktienkurse sonifizieren? Vielleicht in Relation zu brennenden Autos? Oder eher meteorologische Bewegungen im Kontrast zu Verkehrsströmen? Könnten wir Tourismusströme hörbar machen – und wie sie sich zu Wetterlage, Devisenkursen und Armutsquoten, Aufständen vor Ort verhalten? Am Ende entstand die Idee, die Timeline von Twitter zu sonifizieren. Auch für künstlerisches Arbeiten scheint Twitter also gegenwärtig eines der anschlussfähigsten Sozialnetzwerke zu sein. Im Nachhinein erzählt Anselm Venezian Nehls, der das Projekt angeregt und durchgeführt hat: “Tweetscapes ist aus einer Marketingveranstaltung heraus entstanden.“ Seine Idee: eine hashtagbasierte Klangkunstarbeit, die dadurch auch nicht begrenzbar einsperrbar ist in Galerie oder Projektraum, White Cube oder Avantgardelocation. Sound art on the run, deren Interaktivität nicht ex post konzeptuell argumentiert und historisch hergeleitet werden muss. Diese Interaktivität findet direkt im digitalen Körper der API statt, gewissermaßen gleich direkt im Netz. Jede werkhafte Erscheinungsform (Clubprojektion, Surroundinstallation, Radiobeitrag) ist da nur eine betriebsgerechte Verpackungsform.

Definiere Sonifikation
Die “Tweetscapes” (ein Kofferwort aus Tweets & Soundscapes bien sûr) von Nehls sind ein Frontend, das auf einem immensen Backend sitzt: Die auditive Auswertung wissenschaftlicher Daten, zunehmend bekannt unter dem Begriff der Sonifikation. Nicht alles, das hörbar wird, sobald einem Ereignis ein Sample zugeordnet wird, ist gleich auch eine Sonifikation – auch wenn der Begriff gerne inflationär für alles benutzt wird, was etwas anderes hörbar macht. Der Begriff der Sonifikation ist aber exakt bestimmt. Einer der wichtigsten deutschsprachigen Vertreter in der ICAD (International Community for Auditory Display), Thomas Hermann, hat intensiv am Backend der Tweetscapes mitgearbeitet. Hermann definiert Sonifikation als wissenschaftliche Methode wie folgt: Sie braucht a) eine Menge objektiv vorliegender Daten; b) eine nachvollziehbare, technisch durchführbare Beschreibung, wie durch diese Daten Klänge erzeugt bzw. Daten in Klänge überführt werden; c) diese technische Beschreibung erzeugt aufgrund derselben Daten auch immer dieselben Klangereignisse; und d) aufgrund anderer Daten erzeugt eben diese technische Beschreibung dann auch ganz andere Klangereignisse. Eine Klangkunstarbeit ist aber keine wissenschaftliche Studie. Nehls und sein Team haben sich darum vor allem um eine gestalterische, eine künstlerische Nutzung der Sonifikation gesorgt. Im Hintergrund der Arbeit ereignet sich also unaufhörlich – Tag und Nacht brennt bei Heavylistening das Licht – eine Auswertung der Daten aus der gesamten Timeline (orientiert an allen Tweets, die in der BRD geotagged sind – Hashtags oder eine Zeichenfolge der Trending Topics werden besonders behandelt); die Übertragung in spezifische und zeitlich wie auch relational zueinander bearbeitete und arrangierte Klänge aber geschieht mit dem Ziel einer durchhörbaren und nachvollziehbaren Klanglandschaft. Eine Tweetscape.

The Pop of Heavy Listening
“Tweetscapes” ist nicht das erste Projekt von Heavylistening. Sie begannen mit “Tiefdruckgebiet”, einer Intervention, in der sie noch nicht auf einer API, aber auf Car-Hifi-Anlagen musizierten: Dabei ließen sie eine Hand voll professionell tiefergelegte und audiotechnisch hochgerüstete Autos in Neukölln cruisen, und diese Fahrt erzeugte Basswellenüberlagerungen, Schwebungen. Das wurde im Juni 2011 auf Plätzen in Neukölln aufgeführt. Heavylistening sagt darum auch von sich: “Wir sind nicht Klangkünstler. Wir sind Pop.“ Denn die Einschläge, der Bassdruck sind wichtig. Es ist eine physische Klangkunst. “Mit jeder neuen Arbeit wollen wir wem auf die Füßen treten.“ Es sind sonische Artefakte, die sich nicht in selbstgefälliger Esoterik an Traditionen der Verfeinerung und Zerebralisierung abendländischer Großkunst laben. Das Oberlehrerhafte geht dieser Klangkunst völlig ab. Ihre Klangskulpturen implantieren sie in die popkulturell-sozialmediale Schwarmkreatur unserer Tage hinein: Sie bearbeiten das Corpus Pop. Weitere Arbeiten heißen “Eye Candy“ (hier arbeiten sie mit dem Designer Timm Knoerr zusammen) und “Ear Doom“. In jedem neuen Projekt suchen sie also, wie es sich beim Popsong gehört, die Hookline: “Für uns ist die Hook nicht nur ein musikalisches, sondern ein universelles Konzept. Indem wir Kunst mit Hooks machen, schaffen wir Anknüpfungspunkte, um komplexe Zusammenhänge und sperrige Themen allgemein verständlich zu machen. Wir müssen unsere Werke nicht erklären, solange wir die richtigen Wegweiser setzen. Die Hook schafft Kontext. Sie ist die Simultanübersetzerin von Kreativität nach Popkultur.“ Sound Art greift endlich an: in tiefergelegten Autos, in Social Media und demnächst auch in einer, nein, beliebig vielen Vinylschallplatten. Denn Heavylistenings Carl Schilde bringt im Mai 2012 erstaunlicherweise eine Platte heraus. Unter dem Titel “WOW (think: wow and flutter)“ wird hier der größte Minimalismus zum massivsten Maximalismus: Nichts ist zu hören als ein Sinuston von 33 Periode 3 Hertz, der allein durch die 33RPM des Abspielgerätes entsteht. Du kannst dir so viele Alben von WOW kaufen, wie du willst und sie auf so vielen Plattenspielern laufen lassen, in allen möglichen Umdrehungszahlen. Erst die Laufunwucht der Geräte, auf denen du deine zwei, fünf, 42 oder 100 Exemplare von WOW laufen lässt, produziert den Klang, aus dem diese Arbeit besteht: Sinustonschwebungen im Subbassbereich. Klangkunst im Geiste von KLF und Kodwo Eshun: “There is no distance with volume, you’re swallowed up by sound. All that works is the sonic plus the machine that you’re building. And the way you can test it out is to actually play the records.”

Kodwo Eshun, More Brilliant Than The Sun. Adventures into Sonic Fiction, Quartet Books 1998.

Thomas Hermann, Andy Hunt & John G. Neuhoff (Hg.), The Sonification Handbook. Logos Publishing House Berlin 2012.

Andi Schoon & Axel Volmar (Hg.), Das geschulte Ohr. Eine Kulturgeschichte der Sonifikation, transcriot Verlag Bielefeld 2012 (Sound Studies Serie Vol.4).

http://www.tweetscapes.de
http://www.heavylistening.org
http://www.sonification.de
http://www.icad.de

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