Von der Bar Mizwa in die großen Clubs
Text: Ji-Hun Kim

Aus dem Special in De:Bug 150: East Coast

Soul Clap starteten ihre DJ-Karriere mit Music Consulting. Aus ihrer Heimatstadt Boston bringen sie ihren einzigartigen DJ-Stil nun in die restliche Welt. Das beweisen sie aktuell mit zwei großen Mix-Compilations. Über P. Diddy, BPM-Praktikanten und das Projekt USA.

Es war Ende der 90er Jahre auf einem Parkplatz-Rave irgendwo in Massachusetts. Die Bässe wummerten wahrscheinlich noch recht zackig aus dem Kofferraum und zwei Teenagerjungs aus der Gegend begegnen sich in übermäßig weiten, heute unter Umständen lächerlich erscheinenden Bollerhosen zum ersten Mal. Sie stellen fest, dass Musik für beide ganz schön OK ist. Der eine, Charlie, mochte eher Disco House, der andere, Eli, wirbelte im UK-Hardcore-Strudel durch Speed-Garage-Gefilde. Eli Goldstein legte bereits mit einem High-School-Freund auf Geburtstagspartys und Bar Mitzwas in Cambridge und Boston auf.

In Charlie Levine fand Eli einige Zeit später einen Bruder im Geiste und nach der Schule traf man sich irgendwann und mixte im Haus der Eltern Schallplatten. Fragt man einen Außenstehenden, wie die Geschichte nun weitergehen soll, scheint es relativ eindeutig. Man diggt sich tiefer in die Vinyl-Hemisphären ein, protzt mit Underground-Attitüden, tut ziemlich cool, betet der Freundin den Unterschied zwischen Transmat, Trainwreck und Transition vor, und wer Glück hat, wird nach ein paar Eigenproduktionen irgendwann an die Oberfläche gespült und entscheidet sich dann viele Jahre später eventuell doch, mit Auflegen sein Leben zu bestreiten.

Business as unusual
Bei Eli und Charlie jedoch verlief diese Geschichte ein bisschen anders. Auflegen, das war beiden klar, wollten sie unbedingt. Allerdings ist Boston demographisch in den USA genauso eigenwillig wie der Werdegang der beiden. Etwas mehr als 600.000 Einwohner leben in der Stadt, rund ein Sechstel davon sind Studenten. Boston verfügt über 27 Hochschulen und mit Harvard und dem MIT über zwei Elite-Institutionen. “Die meisten zwischen 20 und 30 sind Studierende. Sind sie aber mal mit dem Studium fertig, verlassen sie die Stadt wieder. Diese Gruppe wechselt sich also alle paar Jahre komplett aus und das ist auch ein Grund, warum so etwas wie eine Kunstszene oder andere Subkulturen so gut wie gar nicht entstehen können, die Stadt ist ein Vakuum“, erklärt Eli.

Auf der anderen Seite kommen enorm hohe Lebenshaltungskosten und eine durch das Finanzgeschäft geprägte Umgebung hinzu. Hartnäckiges Ödland für die Bohème und kreative Netzwerke. Auch weil trotz demokratischer Regierung vieles auf puritanischen Wertesystemen basiert, viele Gesetze noch aus dem 19. Jahrhundert stammen und bis vor einigen Jahren zum Beispiel sogar Liquor Stores sonntags schließen mussten.

Auflegen um jeden und für einen guten Preis
“Wir hätten wie andere typische Aushilfsjobs machen können, aber dachten, dass auf Bar Mitzwas zu spielen ja auch ein bisschen Geld einbringen kann. Wir haben uns zunächst Businesschecker-mäßig angezogen, keine Sneaker, dafür Anzüge, um seriös rüberzukommen. Es war total durchgeknallt, ein einziger juveniler Bullshit“, schildert Charlie die ersten Tage. Er, Eli und sein oben erwähnter High-School-Freund, der sich um das Geschäftliche kümmern sollte, starteten somit Soul Clap. Die Bookings für Hochzeiten und andere Anlässe häuften sich, man startete ein kleines Business und kümmerte sich um alles, was irgendwie mit Musik zu tun haben könnte.

Club-Promotion, Marketing für Markenkunden, Playlists für Kleidungsgeschäfte und Cafés. Währenddessen immer weiter Platten auflegen, irgendwann auch auf Victoria‘s-Secret-VIP-Events, Yachtrennen, und In-Store-Gigs. Auflegen um jeden Preis und bald auch zu einem sehr guten Preis. “Wir haben immer mehr verlangt als nötig, auch um zu sehen, ob die Kunden bereit sind, in gute Musik zu investieren. Es war aber auch viel Arbeit, wir haben Businesspläne und Promo-Texte geschrieben und musste auch viel Überzeugungsarbeit leisten.“

Die Balance zwischen Auftragsarbeiten und Underground
So hat man sich aber den Freiraum geschaffen, den Soul Clap für ihre eigentliche Passion brauchten: Dance Music, der Club, Techno, House, ihren Vorbildern Armand van Helden, der als Kind in Boston lebte und seine ersten Releases auf AV8, einem der wenigen Bostoner Imprints rausbrachte, Larry Levan und Dimitri from Paris nacheifern. Man veranstaltete die “Dancing on the Charles“-Partyreihe, holte auch mal DJ Harvey in die Booth und hielt somit die persönliche Balance zwischen Auftragsarbeiten und Underground. So ein Ansatz bringt mit sich, Musik größer zu fassen als ein konventioneller DJ.

Man lernt anders zu mixen und auch die Jackson 5, Lady Gaga, Moodymann und Berliner Minimal irgendwie unter einen Hut zu bringen. “Genau das ist ja Beatmatching“, erläutert Eli, “DJs, die nur einen Stil spielen, denken darüber gar nicht darüber nach, da die Tracks sich ohnehin in einem Tempobereich abspielen. Wir haben es für uns perfektioniert, unterschiedlichste Tempi zu mixen. Von 90BPM auf 130, zurück auf 70 und wieder auf 120BPM.“ Der parallele Erfolg der “Firma“ Soul Clap ermöglichte zudem eine sehr eigene Archivierungsweise der Plattensammlung.

“Irgendwann hatten wir richtig viele Praktikanten, die während ihres Studiums ein Praktikum absolvieren mussten. Viele kamen zu uns, weil wir eben mit Musik zu tun hatten“, meint Charlie. “Zuvor dachten wir uns schon, dass wir unsere Plattensammlungen zusammenlegen, da eine große uns praktischer erschien als zwei kleinere. Und eine der Praktikantenaufgaben war dann, all unsere Scheiben nach BPM mit einem Metronom zu katalogisieren. Komplett unabhängig vom Stil, aber unsere Musik ist seitdem streng nach BPM-Zahlen sortiert.“

Fried Chicken by Soul Clap

Rückzug nach vorne
2007 merkten beide allmählich, dass die reine Dienstleistung sie nicht vollkommen erfüllte. Der dritte Partner dachte betriebswirtschaftlich immer quantitativer, weniger qualitativ und wollte aus dem Unternehmen Soul Clap noch mehr Profit rausschlagen. Charles und Eil wollten den Film in dieser Form nicht weiterdrehen, veräußerten daraufhin ihre Anteile, damit das Geschäft weiterlaufen und sie sich ihrer DJ-Karriere widmen konnten. Sie fingen an, sich mehr mit Produktionen auseinanderzusetzen, halfen einem Freund das Label AirDrop mit aufzubauen und sollten dort auch ihre ersten Tracks releasen.

2008 traf man Gadi Mizrahi auf dem MiniTech-Festival auf Coney Island und versackte zum ersten Mal im Marcy Hotel, dem New Yorker Hauptquartier und Club der Wolf+Lamb-Familie. “Lee Curtiss hat gespielt, Seth Troxler, Gadi und Zev, es war unglaublich. Und da wir zum Glück schon Releases hatten, war es großartig, mit all denen auf Augenhöhe in Kontakt treten zu können“, beschreibt Charlie noch immer euphorisch, als wäre es gestern gewesen. Er presst dabei immer leicht die Stimme, wenn er etwas Wichtiges sagen möchte, und klingt dann besonders amerikanisch, so wie man es von TV-Spots kennt.

No Requests
Dabei wirkt er lausbübisch, seine kindlichen Wangen leicht gerötet, ein schelmisches Lachen und ein Nasenpiercing, das von einem molekülkleinen Edelstein drappiert wird. Eli hingegen hat einen scharfen Blick, der aus seinen hellen Augen durch eine große Metallbrille in Aviator-Shape strahlt. Man meint zu merken, dass er schon Uni-Vorlesungen zur Geschichte der Dance Music gehalten hat, aber mit seinem dichten 15-Tage-Bart und der Kette, die aus seinem Hemdausschnitt hervorlugt, könnte er auch der smarte, pazifistische Gangster aus den “Straßen von San Francisco“ sein. An seinem Unterarm prangt ein großes Tattoo. Schaut man genauer hin, findet sich die Inschrift “No Requests“. Also doch ein DJ, der aber jedem Hit-Bettler nicht mehr mit Ignoranz, sondern mit empor gestreckter Faust “Ich erfülle keine Wünsche“ mitteilen will.

Schnell wurden sie fester Bestandteil der Wolf+Lamb-Crew. Ein eigenes Release hatten sie auf dem Label bislang noch nicht, dafür werden sie im Herbst das erste Artist-Album herausbringen. “Gadi hat uns lange hingehalten. Er wollte uns von Beginn an an unsere Grenzen bringen und sagte immer: Ich weiß, was ihr könnt, also tut es, und zwar besser als bisher.“ Allen Mitgliedern der Crew ist der eklektische, vielleicht gar impertinente Zugang zum Dancefloor gemein.

Synergetische Spielwiesen
“Wir sahen Damian Lazarus auf der Winter Music Conference spielen und er brachte Sachen aus den 70ern und 80ern, hoch emotionale Popsongs vor Hunderten von Ravern. Oder Wolf+Lamb, die im Watergate einfach mal Michael McDonald spielen, auch wenn die Leute einen ausbuhen. Das hat uns inspiriert und brachte auch unsere bisherigen Spielwiesen von Musik auf einmal wieder synergetisch zusammen, so dass wir all unser Wissen über Popmusik einbringen konnten. Diese Attitüde wurde so etwas wie das Mantra für die gesamte Crew“, bringt Charlie die gemeinsame Philosophie auf den Punkt.

Eli ergänzt: “Schau dir die ersten Warehouse- und Paradise-Garage-Geschichten an. David Mancuso, Larry Levan und Frankie Knuckles, dort ging es auch nicht um Genres, nicht mal wirklich um Disco als Sound. Es wurde Pop, Soul, Funk, sogar Rock gemischt. Heute nennt man das vielleicht eklektisch, dabei ist es doch der Gründungsmythos der Dance-Kultur.“

Thanksgiving in the Basement ’08 – Hosted by Paulo by Soul Clap

Extravaganzen
Soul Clap legten 2010 prägnanterweise mit einem Bootleg-Edit von Jamie Foxx‘ R‘n‘B-Schlager “Extravaganza“ einen der Hits des vergangenen Sommers aufs Parkett. Aber auch Womack and Womack, Fleetwood Mac und Laid Backs “Baker Street“ wurden derweil durch den Edit-Wolf gejagt. So weit sich die Begeisterung epidemisch in den Clubs der Welt verbreitete, so gehässig waren die Kommentare der Kritiker: sich den Erfolg auf alten Kalauern aufbauen, fehlende Kreativität, Dreistigkeit bis hin zur alten Urheberrechtsdebatte.

“Wir können verstehen, wenn Leute so etwas sagen. Aber genau diese Kritiker sehen nur einen Bruchteil unserer Arbeit. Bootlegs gibt es seit Ewigkeiten, und selbst wenn wir das Bootleg gerne erfunden hätten, ist es doch nichts Neues, was wir machen“, argumentieren beide. “Und weißt du was? Letzte Woche haben wir eine E-Mail von Laid Back bekommen. Sie fanden unseren Edit so fantastisch, dass sie unbedingt einen Remix ihres aktuellen Songs ’Cocaine Cool’ von uns haben wollen. Oder als wir diesen Sommer mit Damian im DC10 auf Ibiza waren: Irgendwann kam P. Diddy, Damian ging zu ihm hin und meinte: ‘Hey, die Jungs haben den Re-Edit von Jamie Foxx gemacht’, worauf P. Diddy sagte: ‘Cool Mann, echt cool, hier ist meine Nummer, wir sollten mal zusammen arbeiten.’“

Extravaganza – Soul Clap by ieseala

Nicht dass es gleich so weit kommen sollte, Diddy war wohl ziemlich high. Aber er kam nicht an mit ‘Ey yo, warte mal, ich habe Bad Boy Entertainment mit Clive Davis zusammen gemacht, der wiederum J Records betreibt, wo Extravaganza rausgekommen ist. Ihr bescheißt hier unser fucking Business, ich werde euch mit meinen Anwälten in Stücke hacken!’“ Einige würden Totschlagargument dazu sagen, aber wie soll man noch Einwände finden, wenn selbst die Urheber – wie im Falle von Laid Back – sich, sagen wir mal, mehr als kooperativ zeigen.

Aktuell kommen Soul Clap mit zwei Mix-Compilations in die Rotation. Einmal Soul Experiment 002 auf dem kanadischen Label No.19 und gemeinsam mit Gadi und Zev von Wolf+Lamb für die DJ Kicks-Reihe auf !K7. Das Tracklisting beider Platten wird vom eigenen nordamerikanischen Umfeld dominiert: Tanner Ross, Greg Paulus, Deniz Kurtel, No Regular Play, Lee Foss, Art Department, Michael J Collins, Jonny White usw. usf.

Das Prinzip des Kollektivs
“Wir wollen Amerika wieder eine Stimme geben, auch wenn Berlin das Zentrum des internationalen Clubgeschehens ist und wir der Stadt viel zu verdanken haben. In New York und Toronto tut sich im Augenblick einiges und wir sehen es als unsere Aufgabe, das auch zu repräsentieren. Viele Amerikaner wissen gar nicht mehr, dass Techno und House eigentlich aus Amerika stammen. Auch wenn wir vom Sound teils sehr unterschiedlich sind, verbindet uns alle das Bewusstsein, dass in der Vergangenheit für die amerikanische Clubkultur viel schief gelaufen ist und dass die Zukunft gemeinsam besser gestaltet werden kann.“

Das Prinzip des Kollektivs geht auf jeden Fall auf, selten hat man sich derart auf einen Sound wie den von der East Coast der USA und Kanada einigen können. Dennoch gilt es für Soul Clap mit Bedacht an die Sache ranzugehen. “Wir wollen 2011 abwarten, wenn es gut läuft, machen wir 2012 vielleicht auch ein eigenes Label. Spontan würden wir es 2012 Records nennen. Das wäre ein guter Name. Heute fragen wir uns natürlich noch immer, wie das alles passiert ist. Als wir auf dem Amsterdam Dance Event im Headliner-Slot gespielt haben, mussten wir auf der After Party lachen: Erinnerst du dich noch, wie wir Playlists für irgendwelche italienischen, trashigen, Pseudo-Schischi-Restaurants zusammengestellt oder samstags nachmittags in irgendwelchen Boutiquen aufgelegt haben? Das war noch vor zwei Jahren. Holy Shit!“

http://www.soulclap.us

Soul Experiment 002 ist auf No. 19 erschienen.

Der gemeinsame DJ-Kicks-Mix mit Gadi und Zev von Wolf+Lamb auf K7

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Aus dem Special in De:Bug 150: East Coast

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