Mystischer Groove und Pop-Appeal in der L World
Text: Bianca Heuser aus De:Bug 150

Aus dem Special in De:Bug 150: East Coast

Eigentlich ist ihr Vater an allem Schuld. Denn hätte der sie nicht zunächst gezwungen, für ihr Studium nach Amerika zu gehen, hätte Deniz vermutlich statt Musik in der Wirtschaft Karriere gemacht. Ebenjenes Studium war nämlich eigentlich der Grund ihrer Reise aus der Türkei über den Atlantik. Ihr Vater dachte vermutlich, sie käme danach wieder zurück, “aber das habe ich nie getan“, wie sie heute sagt, gefolgt von einem kleinen Lachen, dass sie von Tel Aviv aus durch die Untiefen des Webs schickt.

Dafür, dass Deniz sich nun doch zuhause fühlt in New York, dürfte vor allem die Wolf+Lamb- und Crosstown-Rebels-Sippe verantwortlich sein. Als sie Zev Eisenberg und Gadi Mizrahi 2005 auf einer der ersten Partys im Marcy kennen lernte, verstand man sich direkt so gut, dass Deniz bald einzog und sich schließlich darüber klar wurde, dass ihr Studium für sie eher Marke “Nummer Sicher” als eine Erfüllung war. Da sie anscheinend aber eine große Portion Chuzpe mit sich durch die Welt schleppt, wechselte Deniz kurzerhand das Feld und fing an, LED-Installationen für die gemeinsamen Partys zu kreieren.

Die sind bunt, groß, im unbeständigen Flackern ihrer Muster ungefähr so hypnotisch wie ihr Sound und wurden schon bald schon beim Burning Man, Communikey Festival oder an der New Yorker School Of Visual Arts ausgestellt. Mittlerweile fester Teil dieser DJ-Familie, versuchte sich Deniz dann schließlich an eigener Musik, und als Crosstown-Rebels-Papa Damian Lazarus davon hörte, wurde er neugierig.

Leichtigkeit und Finsternis
Diese ersten Versuche, zunächst unter anderem ihr “Fables and Fairytales“-Remix, der bei jedem für Gänsehaut gesorgt haben dürfte, der nicht die letzten anderthalb Jahre mit Scheuklappen unter dem Küchentisch verbracht hat, und nun ihr Debütalbum “Music watching over me“, klingen dabei schon so homogen, dass man ganz ratlos ist, wie Deniz so schnell ihren eigenen Sound finden konnte: “Meistens habe ich eine Stimmung oder einen bestimmten Vibe im Kopf. Dabei sind mir Stil oder Inhalt nicht so wichtig – ich mag Musik, die einen durch ihren Vibe direkt einsaugt.“

Wenn sie dann erzählt, dass sie als Teenager viel Depeche Mode gehört hat, ist das vielleicht nichts Besonderes, erklärt aber einiges. Zum Beispiel, wie sie Leichtigkeit und Finsternis zu derselben Sache macht, woher sie diesen mystischen Groove hat und den Pop-Appeal ohne die klassischen Songstrukturen.

Stay In Love
Bestes Beispiel dafür ist der Track “The L Word“, der in all seiner Körperlichkeit und Freshness exemplarisch für das ganze Album stehen kann. Es ist so sexy, wie man es von Crosstown Rebels gewohnt ist, aber so düster, wie man es sonst höchstens von Art Department erwartet. Das liege daran, dass Musik das Ventil für ihre dunkle Seite sei, sagt Deniz. Und dass sie an ihre LED-Installationen wie an ihre Musik mit ziemlich viel Gelassenheit herangeht. “Ich sitze einfach so lange herum, bis meine Kreativität in einen Flow kommt“, sagt sie und tippt wieder so ein digitales Lächeln hinterher, das sogar meine analogen Mundwinkel hochzieht.

Dass Deniz einem selbst durch ein Chatfenster gesehen so sympathisch ist, dass man fast mit dem Gedanken an Online-Dating spielt, sollte aber keinesfalls der Grund für ihren steilen Aufstieg sein. Um zu wissen, dass die Frau was kann, muss man nur kurz erwähnen, dass sie sich bei ihrem ersten Live-Auftritt im New Yorker Pacha nicht nur ihrer Musik, sondern auch den LEDs annahm. Wie sie witzelt, dass letztere eigentlich nur von ihr ablenken sollten, weil sie es in all dem Stress nicht einmal unter die Dusche geschafft hatte, und noch einmal so herzlich virtuell lacht, schadet aber auch nicht.

Deniz Kurtel, Music Watching Over Me, ist auf Crosstown Rebels/WAS erschienen.
http://www.crosstownrebels.com

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Aus dem Special in De:Bug 150: East Coast

3 Responses

  1. Rüdiger zu Hohen-Daäi

    Was heisst hier Neuzugang? Whisper EP ist von 2009. Ausserdem nervt die momentane “In Berlin finden wir alle Wolf & Lamb ganz toll und wollen auch so aussehen” Attitude.

  2. barfly

    den fables-and-fairytales-remix kenne ich nicht.
    darf ich wieder unter’m küchentisch hervorkriechen, euer gnaden?

  3. barfly

    nachdem ich mir den remix mal angehört habe, bleib’ ich vielleicht lieber unter dem
    küchentisch.