Die Zeit der Billigflieger ist schon wieder vorbei, das Wochenend-Hopping innerhalb Europas wird nie mehr zu Taxi-Tarifen zu haben sein. Das hat Auswirkungen auf den Strom der EasyJet-Raver, aber auch auf das Booking der breiten DJ-Mittelschicht.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 127


Uneasy Rave-Jetter
Club-Mobilität hat wieder einen Preis

Berlin im Oktober, der Sommer ist endgültig vorbei. Das kann man nicht nur unschwer am fallenden Laub, dem zugigen, nasskalten Wetter und den Klamottenschichten, die man sich überstreift, bevor man das Haus verlässt, ablesen, sondern auch an der relativen Abwesenheit von Berlin besuchenden Touristen. Haben sich im September noch massenweise Grüppchen aus Spanien, Frankreich, Schweden, Italien oder den USA von Club zu Club und Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit geschoben, ist es verhältnismäßig ruhig geworden in der Stadt.
Trotz saisonal bedingtem Abflauen wird der Touristen-Strom und mit ihm der Strom der Easyjet-Raver natürlich nicht abreißen. Wenn es in den letzten Jahren einen Bereich gab, auf den man sich bei allem immer mal wieder aufflammenden Krisen- und Pleitegerede verlassen konnte, dann waren das die satten Besucher-Zuwächse, die der Berliner Tourismusverband jedes Jahr für die Hauptstadt vermelden konnte.
Eine Tatasche, die selbstredend auch den zahlreichen Berliner Clubs zu gute kommt, die gleichzeitig einer der Hauptmotoren dieses Stroms sind. Aber das war nicht immer so. Wer erinnert sich noch, als Clubs im August Sommerpause machten, weil die Stadt wie ausgestorben war? Als nur ein Bruchteil der Clubs wirklich regelmäßig voll war? Man muss da gar nicht so weit zurückschauen. Im Berlin um die Jahrtausendwende (und auch noch darüber hinaus) war das Gang und Gäbe. Fliegen war Luxus. Vom Metropolenhopping am Wochenende ganz zu schweigen. Und Berlin als Partyschmelztiegel und Rave-Sehnsuchtsort mit internationaler Strahlkraft war noch im Entstehen. Heutzutage ist der Sommer und vor allem der August einer der umsatzstärksten Monate des Jahres. Wer in diesem Jahr Woche für Woche die Schlangen vor Clubs wie dem Berghain oder dem Watergate gesehen oder dort selber zwei Stunden angestanden hat, kann davon ein Lied singen.

Dank billiger Flüge ist auch Clubbing internationaler geworden. Es hat sich als urbaner Lifestyle inklusive Musik und Moden globalisiert. Das Monatsprogramm des Berghains wird in Paris oder London genauso akribisch studiert und nach Highlights abgesucht wie in Friedrichshain oder Mitte. Die Welt und damit auch die Welt der Clubs ist dank neuer, erschwinglicher Mobilität zusammengerückt. Und was für ravehungrige Touristen gilt, gilt natürlich auch für DJs.
Noch vor zehn Jahren musste der eigene DJ-Name, das Label oder der Club, für den man unterwegs war oder irgend eine andere Ressource, aus der man schöpfen konnte, einen vollen Club versprechen. Ansonsten blieb der Aktionsradius von DJs ziemlich beschränkt und das fleißige Sammeln von Flugmeilen einer elitären DJ-Oberschicht vorbehalten. Fliegen war etwas Besonderes, das primär einer etablierten Elite vorbehalten war. Vor allem, wenn man jedes Wochenende unterwegs war. DJs aus den USA wurden meist für ganze Tourneen gebucht, selten für nur einen oder zwei Gigs am Wochenende. Flüge waren teuer, auf Nummer sicher gehen lag da für Booker und Club-Betreiber nahe. Mit dem Siegeszug der Billigflieger wurde es für Clubs und andere Veranstalter plötzlich erschwinglich und attraktiv, auch weniger bekannte DJs, die sich irgendwo in den unteren Gagenklassen zwischen 200 und 500 Euro bewegen, einzuladen. Das finanzielle Risiko wurde überschaubar und im Zweifelsfall erklärten sich die aufstrebenden Jung-DJs bereit, bei Freunden unterzukommen, um Hotelkosten zu sparen.

Vereinfacht kann man sagen, dass sich die Kalkulation beim Booking einer unüberschaubaren Masse mäßig bis kaum bekannter DJs auf einen einzigen Posten reduziert hat. Neben der Gage konnten im idealen Regelfall alle anderen Kostenfaktoren auf zu vernachlässigende Größen reduziert werden. Durch diese Entwicklung ist eine Situation extremer DJ-Mobilität enstanden. Noch nie hatte man als junger DJ so schnell die Möglichkeit, Wochenende für Wochenende durch Europa zu jetten. Die internationalen Netzwerke funktionieren und selbst vormals abgelegene Regionen wie Rumänien oder Georgien sind mittlerweile fest auf der internationalen Club-Landkarte verzeichnet. Mit eigenen, vibrierenden Szenen und DJ-Aushängeschildern. Angeschlossen durch billige Flugverbindungen muss man nicht mehr in einer Metropole oder zumindest einer Großstadt wohnen, um an das internationale Clubleben angeschlossen zu sein. Man sollte meinen, dass ob dieses neuen Ausmaßes an Vernetzung und Austausch in der elektronischen Musik alles eitel Sonnenschein ist. Aber das Ganze hängt an dem seidenen Faden der Flugpreise. Ohne billige Mobilität könnten manche Ecken auf der Landkarte schnell wieder um einiges entfernter erscheinen als im Moment. Das bestätigt Alexandra Droener von der Berliner Booking-Agentur Magnet: ”Die ersten, die leiden, werden die Clubs an der Peripherie sein, wo es mittlerweile auch Clubs und eine generelle Nachfrage nach unseren DJs gibt. Sei es dadurch, dass Direktflüge gestrichen wurden und man nur noch über Umwege dorthin kommt oder weil die Flüge zu teuer geworden sind.“

Schluss mit Easy
Um die Situation richtig einschätzen zu können, muss man wissen, dass die Billigst-Tickets nie als Dauerzustand gedacht waren. Sie sind – oder waren – vielmehr ein Phänomen einer ganz besonderen, endlichen Phase der Luftfahrt-Branche. Und diese Phase neigt sich ohnehin ihrem Ende zu, wobei die Entwicklung durch die Explosion der Energiepreise beschleunigt wird (Siehe Infobox: EasyPyramidenGames). ”Noch beeinträchtigen die steigenden Preise unser Booking nicht so sehr“, sagt Ulrich Wombacher vom Berliner Club Watergate. ”Aber wir beobachten die Preisentwicklung. Es kann gut sein, dass wir bald wieder eine Situation haben wie vor sieben, acht Jahren, als es ein oder zwei Mal im Monat einen bekannten internationalen Gast gab, und man den Rest mit Residents und DJs aus Deutschland bespielt hat. Einen nur mäßig bekannten DJ aus Brasilien auf eine Europatour zu holen, wird dann nicht mehr passieren.“ Sebastian Wilck, im Watergate zuständig für Flüge und Hotels, fügt an: ”Die Verbindungen wurden jetzt schon ausgedünnt. Die Tendenzen sind relativ klar. Wirkliche Billigflüge gibt es sowieso kaum noch. Ein Flug von London nach Berlin hat sich mittlerweile auch schon wieder bei um die 200 Euro eingepegelt. Außerdem gibt es seit einiger Zeit immer neue Zusatzkosten bei den Airlines, die den Preis letztlich auch in die Höhe treiben. Der Touristenstrom wird weiter Richtung Berlin fließen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es nicht mehr die zwanzig köpfige italienische Feiergruppe ist, die bis zwölf Uhr Mittags an der Bar steht, sondern wieder etwas besser betuchte, die zwar auch in die Clubs kommen, aber eben um fünf wieder verschwinden.“ Aber natürlich kann man die Wieder-Bepreisung der Wochenend-Mobilität auch optimistisch wenden. Etwa wenn man davon ausgeht, dass auch weiterhin Raver durch Europa jetten, nur eben etwas seltener als bislang. Das Ausgeh-Erlebnis in der Fremde wird wieder etwas von seiner besonderen Aura zurückgewinnen und dadurch intensiver. Die Einheimischen in den notorischen Rave-Destinationen Barcelona, Berlin oder Amsterdam werden weniger über die Besucherströme jammern und international verschwitzte Tanzflächen statt dessen wieder als Bereicherung empfinden. Nur der DJ-Nachwuchs muss sich mittelfristig wohl wieder daran gewöhnen, weniger mobil zu sein und die lokale Crowd zu begeistern, bevor er das europäische Wochenend-Karussel besteigen darf.

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Elektronische Lebensaspekte.