Heuschrecken der Clubkultur oder europäische Feierfamilie?
Text: Anton Waldt aus De:Bug 115


Die Soziologen haben eine neue Spezies unter der Lupe: die Billigflieger-Raver. Das einheimische Nachtleben beschimpft die Feiertouristen auch gern als Heuschrecken. Wir sehen das differenzierter.

Touri-Clubs
Im Berliner Nachtleben ist die Hölle los. Spanier drängeln sich vor den Clubs, Skandinavier verstopfen die Bars, Franzosen suchen Pillen: “Wär is se Puschääär?” Das Berliner Partyvolk reagiert zunehmend entnervt, trägt “Fuck the spain away“-T-Shirts und fällt gerne das vernichtende Urteil “Touri-Club”. Eigentlich erstaunlich für eine Szene, die sich gerne betont offen und tolerant gibt, aber wenn Frankreich ein langes Wochenende hat, fühlt man sich ganz schnell belästigt.

Keine Frage: Besucher, die für ein Wochenende zum Feiern in die Stadt kommen, kennen sich nicht “richtig” aus. Rave-Touristen finden nicht auf Anhieb den passenden Club, sie schauen sich erst einmal an, was ihnen geboten wird, sie konsumieren zunächst die Atmosphäre. Das alles kann Besuchern natürlich nicht ernsthaft zum Vorwurf gemacht werden, gleichzeitig dürfte klar sein, dass Clubs ein empfindliches Sozialsystem darstellen, in dem Kleinigkeiten über den Gang des Abends entscheiden können. Und auch wenn der Reflex “Touri-Club” erschreckend dumpf ist, kann man nicht von der Hand weisen, dass sich das Nachtleben der Stadt durch die steigende Zahl feierwilliger Wochenendbesucher verändert.

Als besonders krasses, abschreckendes Beispiel gilt dafür die Entwicklung in der Oranienburgerstraße: Die Meile zwischen Hackeschem Markt und Tacheles ist zwar schon länger touristisch geprägt, aber stetig wachsende Besucherzahlen haben in der Wechselwirkung mit immer neuen Kneipen und Restaurants inzwischen eine Monokultur entstehen lassen, die an Sommerwochenenden Ballermann-Qualitäten aufweist. Und einzelnen Wirten ist diese Entwicklung trotz des Umsatz-Booms schon unheimlich geworden: “Sie fallen über die Läden her wie Heuschrecken”, erklärte Otto Gluger, Inhaber des “Studio 54” im Tacheles, unlängst der “taz”. Wenn Kneipiers über eine Gästeinvasion klagen, ist das natürlich zuerst sehr lächerlich, aber die Sorge vor einer einseitigen Abhängigkeit ist dennoch berechtigt: Denn wenn die Sauftouristen einmal ausbleiben sollten, werden die Einheimischen trotzdem nicht wieder kommen, die Gegend wäre verbranntes Ausgehgelände.

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EasyJet-Raver
Als Ursache für den Ansturm feierwütiger Besucher gilt allgemein das Billigflieger-Phänomen, das die Passagierzahlen explodieren lässt: 1992 starteten und landeten noch beschauliche 86.517 Linienflüge auf den Berliner Flughäfen, 2005 waren es 189.074. Entsprechend meldet der Berliner Tourismus-Verband jedes Jahr neue Besucherrekorde, 2006 waren es 140 Millionen, die durchschnittlich für 2,3 Tage in der Stadt blieben. Dabei wächst das Billigfliegersegment besonders schnell, vor allem auf dem Flughafen Schönefeld: Hier sind 70 Prozent aller Passagiere mit den Billiganbietern unterwegs, und zwischen 2003 und 2005 schnellte die Zahl der Reisenden in Schönefeld von 1,7 auf 5 Millionen.

Berlin sei “der wichtigste Low-Cost-Markt in Kontinentaleuropa”, befand ein Flughafenoffizieller angesichts dieser Zahlen. Und die Fluglinien scheinen zu wissen, was ihre Kundschaft von einer Reise erwartet: “The ‘Summer of Love’ with easyJet: Affordable fares to rave about!” Unter dieser Überschrift bewarb EasyJet jedenfalls erst im Juni die Sonderangebote zum Christopher Street Day, der ja längst auch als dufte Party für Heteros angepriesen wird. Und ein Ende der Entwicklung ist derzeit nicht abzusehen, in Zukunft werden also noch mehr EasyJet-Raver nach Berlin kommen. Daher stellt sich die Frage, ob “die günstigen Tarife zum Abraven” bald auch das “coole” Treiben in den Clubs nachhaltig verändern werden?

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Der Türsteher
Es liegt offensichtlich in der Natur des Themas, dass kaum exakte Aussagen zu finden sind. Fluglinien und Fremdenverkehrsverbände differenzieren die Motive der Reisenden nicht so weit, dass sie Sauftouristen und EasyJet-Raver unterscheiden. Die Clubbetreiber geben sich unterdessen bedeckt, weil das Geschäft mit den Touristen lukrativ ist, aber natürlich auch ihr wichtigstes Kapital, nämlich Authentizität, bedrohen kann. Und deren Verlust drückt sich nun mal im Etikett “Touri-Club” aus.

Zum heiklen Thema wird daher nur nach der Zusicherung, weder Namen noch Club zu nennen, geredet. Anonym erklärte der langjährige Türsteher eines großen Berliner Techno-Clubs dann aber doch, wie er das Phänomen EasyJet-Raver sieht: “Vor etwa zweieinhalb Jahren habe ich gemerkt, dass sich etwas ändert. Erst dachte ich, dass sich einfach meine Wahrnehmung geändert hat. Aber dann wurde mit klar, dass es tatsächlich eine neue Besucherstruktur gibt: Früher hat man nie so viele verschiedene Sprachen an der Tür gehört. Und das Phänomen entwickelt sich konstant weiter, es kommen ganz offensichtlich immer mehr Touristen.” Sichtbar wird dies laut dem Tür-Veteranen übrigens auch saisonal: “Vorher gab es immer ein Sommerloch, da wusste man, viele Berliner sind im Urlaub, da ist auch im Club nicht so viel los. Inzwischen wird das durch Touristen mehr als ausgeglichen, gerade im Sommer und zum Jahreswechsel kommen ja besonders viele. Berlin gilt heute wohl als so was wie das ‘Ibiza des Nordens’, und statt einem Loveparade-Wochenende haben wir jetzt 52.”

Demnach hat sich – aus der Türsteher-Perspektive – objektiv etwas geändert in den Berliner Clubs: “Früher gab es eine Ausgehfamilie, das ist nicht mehr der Fall. Jetzt muss man sich eben darauf einlassen, mit Leuten zu feiern, die man gar nicht kennt. Aber dass du die Leute wahrscheinlich nachher nie wieder treffen wirst, kann ja auch ein Vorteil sein. Bei uns an der Tür achten wir jedenfalls inzwischen auf die richtige Mischung aus Berlinern und Touristen, und im Idealfall kriegen dann auch alle, was sie wollen.”

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Mobil ist authentisch
Auf die Frage, ob die Berliner Clubs heute auf die Rave-Touristen angewiesen seien, antwortet unser Gewährsmann an der Tür übrigens ohne Zögern mit: “Ja!” Und diese Antwort deckt sich auch mit der Entwicklung des Angebots: Nach Angaben des Branchenverbands stieg die Zahl der Gaststätten in Berlin von 2001 bis 2006 von 7.062 auf 9.562, wobei 2001 noch 62 “Diskotheken und Tanzlokale” gezählt wurden und letztes Jahr bereits 95. Die Tanzflächenkapazität scheint also auch nach offiziellen Daten auf Besucher von außerhalb angelegt zu sein.

Bevor aus diesem Befund Ausverkaufs- oder Kommerzvorwürfe abgeleitet werden, sollte man allerdings einen Blick auf die Geschichte werfen. Der zweite “Summer of Love”, der eigentlich aus zwei Sommern bestand, fand nämlich nicht nur in Großbritannien, sondern auch auf Ibiza statt. Als 1988/89 der Blueprint der Ravekultur entstand, war der Rave-Tourist also bereits integraler Bestandteil des Konzepts. Dazu kommt, dass der Billigflieger-Boom sich in der Clubszene zunächst durch verstärkte Bookings relativ unbekannter Acts bemerkbar machte. So gesehen waren DJs die ersten EasyJet-Raver und die positiven Impulse durch diese Rave-Reisenden können auch hartgesottene Kulturpessimisten schwerlich leugnen.

Weiterlesen: Im zweiten Teil der Geschichte kommt eine Rave-Stewardess zu Wort und das Fremdenverkehrsbüro dropt lässige Zahlen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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