Heuschrecken der Clubkultur oder europäische Feierfamilie? aus De:Bug 115


Die Soziologen haben eine neue Spezies unter der Lupe: die Billigflieger-Raver. Das einheimische Nachtleben beschimpft die Feiertouristen auch gern als Heuschrecken. Wir sehen das differenzierter. Hier geht´s zum ersten Teil der EasyRaver-Geschichte.

Die Rave-Stewardess
An der Schnittstelle zwischen Feiern und Tourismus lebt und arbeitet auch eine ravende Stewardess, deren Namen wiederum nicht genannt sein soll: Auch Billig-Airlines schätzen es nicht, wenn ihre Angestellten dem Hobby “Drogen nehmen und Feiern” frönen. “Auf den Strecken Berlin-Ibiza und -Mallorca geht es inzwischen in beide Richtungen zum Feiern, in Berliner Clubs trifft man ja auch viele Spanier. Und generell denke ich mir öfter bei Passagieren: ‘Die kommen wohl direkt vom Feiern.’ Aber so deutlich ist das selten, ich erinnere mich nur an ein schwules Pärchen auf dem Rückflug von Ibiza, da kam der eine gar nicht mehr klar. Den habe ich dann die ganze Zeit mit Wasser versorgt.”

Was allerdings nicht heißt, dass nicht permanent Raver zu den Passagieren unserer Stewardess gehören: “Die Ballermann-Klientel fällt ganz anders auf, die kommen oft schon besoffen und mit aufgedrehtem Ghettoblaster rein. Raver sind dagegen sehr dezent. Wozu passt, dass ich viele Raver generell spießig finde: Weil der Unterschied zwischen bedrogt und nüchtern so groß ist. Wenn ich zufällige Club-Bekanntschaften im Alltag treffe, sind die als Person oft nicht mehr wiederzuerkennen. Das hat etwas von der Karnevals-Doppelmoral.” Was unsere Stewardess aber keineswegs vom exzessiven Ausgehen abhält: “In Berlin sind doch inzwischen auf jeder Partys Touristen, das fällt gar nicht mehr richtig auf. Aber das Vorurteil ist trotzdem weit verbreitet: ‘Da sind zu viele Touristen, da gehe ich nicht hin!’ Das Weekend meiden deshalb zum Beispiel ganz viele. Ich finde aber, dass es durch Rave-Touristen bunter wird! Die lachen beispielsweise eher zurück. Die sind offener, weil es nicht ihre Stadt ist, als Tourist lässt man sich ja eher gehen.”

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Entspannter Umsatz
Unsere Stewardess ist unterdessen nicht die Einzige, die Touristen in Clubs sogar als Bereicherung empfindet: “Alles war recht entspannt. Teils auch wie im Urlaub, weil so viele junge Urlauber ja auch da waren. Die verbessern durch Erlebnishunger ja oft die Atmosphäre, wenn sie nicht Überhand nehmen”, beschreibt taz-Autor Detlef Kuhlbrodt einen Besuch im wiedereröffneten Tresor. Und auf der Site des Berliner Club-Betreiberverbands wirft sich der Oxymoron-Betreiber Olaf Kretschmar sogar ohne jede Einschränkung für die Tanzflächenbesucher ins Zeug: “Früher übel beleumundet, sind junge Szenetouristen mittlerweile ein fester Bestandteil des Berliner Partylebens. Sie sind ein clubkompetentes Publikum, welches höchstens noch an der italienischen oder spanischen Sprache als Tourist zu identifizieren ist – und sind ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor für die Clubs und Veranstalter. Würden sie ausbleiben, könnte der Szene bis zu 20 Prozent des Umsatzes wegbrechen.”

Diese ökonomische Bedeutung spiegelt sich denn auch schon seit geraumer Zeit in der offiziellen Städte-Werbung wieder. “Berlin für junge Leute” heißt hier: “In Berlin kannst du in den angesagtesten Locations feiern bis in die frühen Morgenstunden.” Und die amtliche Tourismus-Information macht beim Werbespruch noch lange nicht halt: In Presse-Aussendungen werden Dutzende Clubs detailliert beschrieben und beworben, online findet sich ein ausgewachsener Club-Kalender, und in keiner Berlin-Darstellung darf der Hinweis fehlen, dass “in den Bezirken Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg bis in den Morgen getanzt und gefeiert” wird.

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Disneyland-Party
Die Tourismus-Information blickt durch. “Heute haben junge Leute eine eigene Vorstellung davon, was die Faszination einer Stadt ausmacht: ‘Abgehen’ muss es, in allem, was Spaß macht, und das möglichst rund um die Uhr.” Wahrscheinlich nähert man sich am besten über das Befremden – oder den Ekel – vor solchem Marketingmist den wirklich dunklen Seiten des EasyJet-Raves. Denn die Club-internen Verwerfungen, die das Phänomen aufwirft, sollten mit ein wenig uncoolem Optimismus, wie ihn unsere Stewardess an den Tag legt, schon wieder gegessen sein: Es wird bunter! Und die Arbeit am perfekten Abend mit der perfekten Crowd ist sowieso nie vorbei.

“Die Frage stellt sich in der Gastronomie doch immer: Wie bekomme ich die Leute, die ich will? Da kann man nur das Richtige tun und hoffen”, erklärt dazu der Türsteher. Aber schon jetzt ist die Abweisungsrate unter den Touristen höher als im Durchschnitt, denn zunächst sind EasyJet-Raver vor allem ein Quantitätsproblem – und anders als die Einwohnerschaft einer Stadt können Touristenströme innerhalb kürzester Zeit an- und abschwellen. Richtig übel wird es allerdings erst, wenn in Erwartung zukünftiger Umsatzdimensionen handfeste Stadtentwicklungspläne entstehen. Und genau das blüht der aktuellen Berliner Clubschneise entlang der Spree zwischen Alex und Treptower Park: Die Gegend wird gerade von Politikern, Beamten und Investoren zur einer riesigen Disney-Promenade umgebaut.

Diesen Plänen mussten schon Ostgut und Casino weichen, der zentrale Bau des neuen Amüsier-Areals, die Anschutz-Mehrzweckhalle, wird gerade im Zeitraffertempo hochgezogen. Und neben der Bar 25 hat der Schnöselclub aus dem Keller des Adlon-Hotels sein Sommerlager aufgeschlagen. Zukünftig dürfte es in der Gegend also richtig gruselig aussehen, denn dann wird man dort nicht nur den EasyJet-Ravern begegnen, sondern auch ihren Eltern samt kleinen Geschwistern und den Großeltern.

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Alle Feiern überall
Sollte in Berlin wirklich eine Disney-Zone der familienfreundlichen Unterhaltung entstehen, bleibt den einheimischen Feiermeiern allerdings immer noch eine Möglichkeit: EasyJet-Raver werden! “Berlin ist noch mal extra, alleine wegen der ganzen Afterhour-Dinger!”, erklärt noch einmal die Rave-Stewardess: “Aber ich empfinde, dass eine europäische Community entsteht. Die Leute kennen sich quer durch Europa. Und halten über MySpace Kontakt, dann lädt man sich gegenseitig ein.” Die Ausgehfamilie entsteht also neu, nur dieses Mal mobil und mit einem ordentlichen Kerosin-Verbrauch.

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Elektronische Lebensaspekte.

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