Was macht eigentlich Acid?
Text: Multipara aus De:Bug 113


Was macht eigentlich Acid? Marijke Jorritsma und Gregory Zifcak bauen nach wie vor die wilden, verschwurbelten Tracks, die uns damals alles so begeisterten. Nur ist natürlich alles anders. Bleept trotzdem.

Bei Tag zu besichtigen im Terrarium für Kleinelektromutanten des zwanzigsten Jahrhunderts: eine gezauste Schar modifizierter Klangroboter. An der Stirnseite das kleine Reich eines Midi-Nintendo und gleich vorne links am Eingang ein Hinweisschild am Käfig eines Kassettenspielers: frisst Bänder. Aber keine Angst – der schläft jetzt, wie alle hier. Der komplette Zoo ist nämlich nachtaktiv, zwangsläufig, denn wenn nach Sonnenuntergang an der Kiste mit der Nummer 303 links hinten die Lichter angehen, ist für alle schnell Schluss mit träge am Styropor horchen. Dann zappelt umgehend alles im Takt und bewirft einander mit Melodieschnipseln.

Mit diesem cartoonhaften Grundmotiv bringen Eats Tapes (in San Francisco zu Hause, wie auch ihr Heimatlabel Tigerbeat6 und die befreundeten Matmos, deren künstlerischen Hintergrund sie teilen) das untote Genre schlechthin auf Vordermann: den klassischen Acid-Techno, der auch in seinen letzten Reinkarnationen auf Rephlex zwar frisch und kurzweilig zu wirken wusste, aber die rohe, unbekümmerte Direktheit nicht endlos nacheditierter Jams längst verloren hatte. Bei Marijke Jorritsma und Gregory Zifcak jedoch klingen die Grooves und Strukturen wie vor gut zehn Jahren. Dass sie auch deren Energie erfolgreich transportieren, liegt an der speziellen Soundwahl und der damit einhergehenden Neudefinition der Stimmung. Platt, aber griffig: eine Art Bastard Child von Mike Ink und Dat Politics, Acid als Tummelplatz komischer, halb kaputter, zweckentfremdeter, trötiger Spielzeuge. War er schon immer, hat aber noch nie jemand so deutlich gesagt. Und vor allem nicht so schön. Die Band antwortet übrigens kollektiv, das ist den beiden wichtig.

De:Bug: Ihr spielt gerne live und eure Musik entsteht auch recht offensichtlich aus Jams. Auf eurem neuen, zweiten Album dagegen finden sich viele Arrangements, die ganz gezielt aufgebaut sind und keine Lücken mehr zulassen. Ein Fortschritt, weil die Stücke wirklich catchy gelingen – aber eben auch ein Schritt weg vom Ursprung, der Arbeit ohne Rechner. Ihr habt in der Zwischenzeit Erfahrungen als Remixer gemacht, u.a. für Soft Pink Truth – hat das eure Arbeitsweise beeinflusst?

Eats Tapes: Ja, teilweise. Remixe zwingen dazu, über Aufbau nachzudenken, und wir mussten an die ganz anders herangehen. Der Hauptgrund für die ausgefeiltere Produktion war aber, dass wir jetzt einen Computer zum Aufnehmen verwenden. Das erste Album wurde direkt auf ADAT aufgenommen, ohne Edits. Sobald aber ein Computer ins Spiel kommt, wird er beim Editieren im Handumdrehen zum Kompositionswerkzeug. Wir sehen uns aber auch nicht primär als Liveprojekt. Wir sehen Releases einfach als einen anderen Rahmen, in dem wir kreativ sein und uns entwickeln können.

De:Bug: Bis vor kurzem hätte ein Label die Stücke auf eurem Album auf zwei oder drei Vinyl-EPs verteilt – zum Auflegen eignen sich die ja prima. In den USA ist mittlerweile schon das Format CD am Verschwinden. Und mit ihm bröckelt auch das Konzept “Release”. Wie seht ihr das als Hardwareliebhaber?

Eats Tapes: Im Augenblick ist uns wichtig, dass die Musik den Leuten überhaupt zugänglich ist, und Files sind wohl sehr zugänglich. Allerdings vermittelt das Format auch die Erfahrung des Materials. Das Traurige am Veralten von Formaten ist, dass Erfahrungen verschwinden, die spezifisch für das obsolete Format sind. Die Computeroberfläche ist so allgemein, dass die Erfahrung des Materials die gleiche Form hat wie alle anderen Aufgaben, für die man einen Computer verwendet.

De:Bug: Diese Art Konversation stammt aber nicht von einer stumpfen Kickdrum. Ich höre da euren akademischen, konzeptuellen Hintergrund heraus, ihr habt ja beide einen Abschluss in Kunst.

Eats Tapes: Ja. Wir haben uns in Portland beim Arbeiten in einem Restaurant getroffen, zogen nach San Francisco und fingen dann an, zusammen Musik zu machen. Ich habe Experimentalfilm studiert, mich aber in letzter Zeit mehr mit konzeptueller Social Art beschäftigt; Gregory hat konzeptuelle und Information Art studiert. Ich finde ja kopfige, humorvolle, prozessorientierte Kunst und ausrastenden Techno eine sehr stimmige Kombination. Meine Musik wie auch meine Kunst lebt sehr stark von der Teilnahme des Publikums. Ein Eats-Tapes-Auftritt ist nichts wert, wenn die Leute nicht tanzen, und auch meine Kunst braucht die Teilnahme einer arglosen Öffentlichkeit. Und in beidem ist mir Humor wichtig. Schlechtes, Unperfektes und wirklich Unstylisches liebe ich sehr, und ich hoffe, das kommt auch in all meinen Arbeiten durch.

De:Bug: Und wie geht’s jetzt weiter?

Eats Tapes: Wir ziehen im Mai für ein paar Monate nach Berlin und werden von dort aus an verschiedene Orte in Europa fahren und dort spielen. Und wir werden viel an einem Comicbuch/Zine arbeiten, “Midi for Geniuses”, einer illustrierten Einführung in die Arbeit mit grundlegenden Midikonzepten. Viele Musiker arbeiten zwar mit Midigeräten, nutzen aber kaum deren Möglichkeiten. Was die Musik angeht – wir werden einfach weiter nach glücklichen Zufällen suchen und mit ungewöhnlichen Zusammenstellungen von Einflüssen und Instrumenten experimentieren.
http://www.eatstapes.com

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Elektronische Lebensaspekte.