Lange als Projekt einiger Nerds verschrien, macht sich das Paradigma Open Source jetzt flankiert von Bestrebungen um ein offeneres Urheberrecht (Free Culture, Creative Commons) auf, die Welt zu erobern. Mit ernst zu nehmenden Aussichten. Eben Moglen von der Free Software Foundation erklärt uns, warum.
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 85

Gerechtigkeit durch Freie Software
Eben Moglen erklärt uns die technische Revolution

Open Source wird erwachsen. Nicht nur, weil das Projekt im Moment jede Menge Werbung durch einen absurden Rechtsstreit (siehe Seite 28) erhält, bei dem IBM verklagt wird. Ja, IBM. Weil es das Open-Source-Betriebssystem Linux benutzt. Tatsächlich haben sich in der letzten Zeit aber nicht nur IBM, sondern einige große Firmen Open Source zugewendet. Der Grund ist zumeist: Man versucht den Klauen von Microsoft zu entkommen. Als große Firma sieht man nicht ein, dass man auch in geraumer Zukunft vom Software-Konzern ohne jede Alternative abhängig sein soll. Doch nicht nur im Inneren der Programmentwicklung geht es voran, auch für die normalen Anwender bekommt Open Source mehr und mehr ein Gesicht. Das zeigen Entwicklungen wie die der offenen Suchmaschinen-Technologie Nutch.org (siehe Seite 27). Oder Wikipedia (26), das Online-Projekt einer Enzyklopädie, bei der Wissen ebenso offen behandelt wird wie ansonsten Code. Bei Open Source ist also jede Menge los, das Projekt ist nicht klein zu kriegen. Im Gegenteil: Es scheint endlich in der realen Welt von uns Normalo-Usern angekommen zu sein.
Genau damit ist jedoch das utopische Potenzial, mit dem Open Source sich als gemeinnütziges Projekt schon immer geschmückt hat, realer denn je. Tatsächlich kann man bemerken, dass mehr und mehr staatliche Institutionen auf Open Source zurückgreifen. Von München bis Brasilien hat man begriffen, dass es eine Steuergeldvergeudung ist, Softwarefirmen für Updates etc. das Geld in den Rachen zu schieben, wenn es in der Verwaltung auch anders, eben mit Open Source geht. Eines Tages könnte sich diese Erkenntnis sogar zum ernsthaften Problem für Softwarefirmen auswachsen, die weniger am Einzeluser, sondern vor allem mit Institutionen ihr Geld machen. Eben Moglen, einer der führenden Köpfe der Free Software Foundation, die Projekte um offenen Code vorantreibt, glaubt jedenfalls fest daran. Wir haben ihn mal die Utopie, die von Open Source ausgeht, erklären lassen.

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Ihr Ansatz geht davon aus, dass Freie Software vielleicht nicht die ganze Gesellschaft ändern kann, aber doch einen sehr wichtigen Teil, beispielsweise indem es einen gerechteren Zugriff auf Technologie und damit mehr Gleichheit ermöglicht. Das Interessante an ihrem Ansatz ist, dass Sie keine abseitige Utopie aufmachen, sondern auf politischen Möglichkeiten bestehen, die sich von einer technischen Eigenschaft ableiten.

Eben Moglen:
Alles, was sich digitalisieren lässt, kann einfach und ohne große Umstände reproduziert werden. Wir befinden uns am Ende der Industriegesellschaft. Es ist natürlich richtig, dass die direkten Auswirkungen Freier Software nur im Bereich des Digitalen spürbar sind, aber die Interaktion zwischen analogen und digitalen Technologien ist heute umfangreicher und vollständiger als zuvor. Wenn man sich also für die Gesellschaft eine andere, eine gerechtere Verteilung von Macht wünscht, muss man sich für einen gleichberechtigten Zugang zu technischem Wissen einsetzen. Der einzige Weg, um dies zu erreichen, ist Freie Software. Freier Code garantiert, dass wir gleichberechtigt und kreativ mit digitaler Technologie umgehen können. Er führt diese Situation zwar nicht automatisch herbei, aber ohne freien Code kann sie gar nicht erst eintreten.
Der Vorwurf des Utopismus gegenüber der Freien-Software-Bewegung kann also nicht greifen. Im 19. Jahrhundert haben Anarchisten gefordert, dass Schuhe, Tische und überhaupt alles allen gehören sollte und es gibt Leute, die sagen, dass die Propagandisten Freier Software heute nichts anderes tun. Darauf kann ich nur antworten: nein. Die Regeln für Schuhe, Tische und Laptops sollten weiterhin bestehen bleiben. Worum es jetzt geht, ist das Herstellen von Produkten, die keinerlei zusätzliche Kosten verursachen: Die millionste Kopie einer bestimmten Software kostet genauso viel wie die erste. Wenn diese Software einmal hergestellt wurde, muss sie jeder haben können. Die heutige Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass vieles, was von Menschen geschätzt wird, Kunst, Musik, Wissenschaft, keinerlei Kosten mehr verursacht. Das ist keine Utopie, sondern ein Fakt.

DEBUG:
Auch Freie Software benötigt allerdings Hardware. Sie wird auch mit der digitalen Entwicklung nicht verschwinden.

Moglen:
Richtig, deswegen muss Hardware folgende minimale Bedingungen erfüllen: Hardware muss gewährleisten, dass der Nutzer, derjenige, der sie gekauft hat und benutzt, derjenige ist, der die Befehlsgewalt über sein Gerät hat – und kein anderer. Das ist die minimale und essentielle Anforderung, die wir an Hardware stellen müssen. Es geht nicht darum zu fordern, dass Hardware umsonst sein muss. Es geht darum, wer Hardware kontrolliert.
Der zweite Punkt ist, dass Hardware schon jetzt vergleichsweise billig ist und dieser Umstand durch Freie Software noch beschleunigt wird. Microsofts nächste Version des Windows-Betriebssystems soll einen Dual-Core-Prozessor mit vier Gigahertz, und eine Videokarte benötigen, die dreimal schneller ist als die gängigen Karten. Man suggeriert den Leuten, dass sie sehr teure Hardware kaufen müssen, um mithalten zu können. Ich dagegen trage dauernd Laptops aus dem Jahr 2000 mit mir herum, die ich über Ebay für etwa 450 Euros gekauft habe. Ich habe Freie Software auf sie geladen und – das ist nicht übertrieben – damit schnellere Computer als alle meine Windows nutzenden Freunde, die ihre Rechner erst gestern gekauft haben. Freie Software macht Hardware in einem ganz grundsätzlichen Sinne billiger. Freie Software sorgt dafür, dass neue Hardware billig ist, aber auch dafür, dass alte Hardware sehr gut arbeitet, was einen guten ökonomischen Nebeneffekt mit sich bringt.

DEBUG:
Der brasilianische Präsident Lula da Silva hat angekündigt, dass sämtliche Software, die die brasilianische Regierung in Zukunft in Auftrag gibt, als Freie Software erscheinen soll. Was steckt hinter dieser Idee?

Moglen:
In Brasilien gibt es sehr viele Menschen, die arm sind und über fast nichts verfügen. Als Politiker muss man sich in so einem Land die Frage stellen, welche Mittel man vervielfachen kann, um sie an jene zu verteilen, die nichts oder sehr wenig haben: Schuhe, Häuser, Autos? Das wird schwierig, denn die Kosten für jedes Paar Schuhe, das man verschenkt, müssen gedeckt werden. Die Attraktivität von Free Software bzw. von Free Culture besteht für eine Gesellschaft wie die brasilianische, die durch ein großes Maß an Ungleichheit gekennzeichnet ist, darin, dass es etwas gibt, das man sehr schnell vervielfältigen kann: Wissen und Kultur, die durch Bitstream repräsentiert werden. Das alte Copyright-Regime in Brasilien aufrechtzuerhalten, bei dem zusätzliche Kosten bei jedem Bitstream anfallen, wäre hier nichts Anderes als schlechte Sozialpolitik. Man möchte das bestehende Wissen möglichst schnell durch die Hierarchien der Gesellschaft nach unten transferieren, um es den Individuen zu ermöglichen, die Hierarchie damit möglichst schnell zu beseitigen, zumindest an jenen Stellen, an denen man es kann. In Bezug auf eine politische Idee der Gleichheit bedeutet das im Übrigen eine fundamentale Veränderung: Anstelle wie bisher Gleichheit herzustellen, indem man jemandem etwas wegnimmt, vervielfältigt man jetzt etwas und muss niemandem etwas wegnehmen.

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Eine Ihrer Forderungen lautet, dass als Nächstes das elektromagnetische Spektrum befreit werden muss, damit Bandbreite für alle zur Verfügung steht.

Moglen:
Im 20. Jahrhundert hat man die Möglichkeiten des elektromagnetischen Spektrums in erster Linie für Radio oder Fernsehen genutzt, Systeme, in denen nur eine Stimme spricht und alle anderen zuhören. Vor allem zu Beginn der 30er-Jahre zeigte sich, wie mächtig dieses Paradigma ist. Die Welt ruhte damals auf vier Stimmen, die aus dem Radio kamen: Adolf Hitler, Josef Stalin, Franklin Roosevelt und Winston Churchill. Sie hatten die Macht, in jedes Wohnzimmer zu kommen, um den Einzelnen direkt anzusprechen. Milosevic zeigte in den 90er-Jahren noch einmal, was man damit anstellen kann, in Ruanda wurde bald darauf das schlimmst mögliche Beispiel vorgeführt: der schnellste Genozid der Geschichte. In einer sehr kurzen Zeit wurde ein Maximum an Menschen getötet, weil das Radio es ermöglichte, die entsprechenden Befehle auf autoritative Weise zu geben. Totalitarismus heißt in meinen Augen nichts anderes als Monarchie mit Radio.
Wir sind heute keine Anhänger des Totalitarismus mehr, wir haben nur noch Rupert Murdoch. Unser derzeitiges System ist also nicht um so vieles fortschrittlicher. Immer noch besitzen nur wenige die Macht der Kommunikation und senden in jedes Wohnzimmer ihre Sicht der Dinge, die dann als “News” bezeichnet werden. Deshalb ist die Forderung nach freiem Spektrum politisch so wichtig. Machen wir uns nichts vor: Im Moment reicht es, wenn man “upstream” seine Angaben der Kreditkarte senden kann, um etwas kaufen zu können. Das ist ein kapitalistischer Gebrauch des Netzes, ein asymmetrischer Gebrauch. Das Netz liefert Produkte und es möchte Geld. Und Geld braucht nur eine geringe Bandbreite. Es muss aber darum gehen, dass alle senden können.

DEBUG:
Das klingt wunderbar, erinnert aber doch sehr an die Erwartungen, die schon immer mit dem Internet verbunden wurden. Nach wie vor existiert CNN aber als mächtiges Medium trotz Web-News-Alternativen oder Bloggern weiter.

Moglen:
Sie haben Recht, einige tausend Menschen können meine und Ihre Website jede Woche erreichen, vor 15 Jahren konnte das niemand. Wir beide haben also mehr Reichweite bekommen, dennoch ist Rupert Murdoch nicht verschwunden. Das liegt daran, dass seine Website nur ein Anhängsel einer Monarchie mit Radio ist. Die westlichen Rechtssysteme sind sich schon lange darüber einig, dass Zeitungen nicht vom Staat lizenziert werden dürfen. Es wird eine Zeit kommen, nicht in zehn, aber vielleicht in zwanzig Jahren, in denen sich die Gerichte mit der Frage auseinandersetzen werden müssen, ob Broadcasting nicht verfassungswidrig ist, weil es auf der Idee basiert, dass manche eine Lizenz dafür bekommen und andere nicht. Strukturell ist der König quasi noch da. Doch die Zeit wird kommen, in der diese Struktur sich nicht mehr halten lässt. Und Freie Software ist eine Technologie, die daran arbeitet, die Macht anders zu verteilen.

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Elektronische Lebensaspekte.